Obamas Medienschelte "Alles ist der Weltuntergang"

Barack Obama nutzt geschickt die Medien, um sich zu inszenieren. Doch nun gibt er sich in einem Interview kritisch: Journalisten würden alles dramatisieren. Auch Twitter rügt der Präsident.

US-Präsident Obama: "Dieses Post-Regierungs-Leuchten"
AFP

US-Präsident Obama: "Dieses Post-Regierungs-Leuchten"


Washington - Lange Zeit war US-Präsident Barack Obama der Liebling der Medien - gekonnt inszenierte er sich nicht nur im Wahlkampf auf Twitter, Facebook und Co. Doch mittlerweile sind Obamas Zustimmungswerte nicht mehr allzu gut. Knapp zwei Jahre vor seinem Amtsende übt er sich deshalb wahlweise in der Kunst der Selbstironie, zuletzt las er im Fernsehen Läster-Tweets über sich vor, oder wie jetzt in Medienkritik.

In einem Interview mit der "Huffington Post" (lesen Sie hier das englische Original, hier die deutsche Fassung) bemängelte er nun die Dramatisierung in Medien und Gesellschaft. "Alles ist der Weltuntergang", beklagte der US-Präsident. Hier die wichtigsten Zitate:

"Ich glaube, es ist wichtig, die Dinge mit etwas zeitlichem Abstand zu betrachten. Wir leben in einem nie ruhenden, Twitter-getriebenen, ständigen Nachrichtenzyklus, alles ist gleich eine Krise." (Obamas Twitter-Account, den seine Mitarbeiter führen, hat derzeit 56,3 Millionen Abonnenten. Tweets formuliert Obama nach eigener Aussage von Mitte März selten - selbst absenden würde er sie eigentlich nie.)

"Alles ist schrecklich. Alles ist der Weltuntergang. Alles, wenn es nicht gleich morgen gelöst wird, führt dazu, dass deine Präsidentschaft den Bach runtergeht."

"Es muss so um die 15, 20 Situationen in den vergangenen sieben Jahren gegeben haben, in denen die Leute gesagt haben: So, jetzt ist es vorbei." (In diesem Zusammenhang erinnert der Präsident in dem Interview an die Ölpest im Golf oder an Ebola.)

Obama sagte in dem Interview auch, dass er "wahrscheinlich nicht genug schlafe". Er ergänzte im Hinblick auf seinen Abschied: "Wenn Leute die Regierung verlassen und ich sie sechs Monate später sehe, dann haben sie dieses Post-Regierungs-Leuchten (lacht). Sie sehen wirklich gut aus. Ich hoffe, dass das bei mir auch so sein wird."

"Zweistaatenlösung der einzige Weg"

Nach der Israel-Wahl nutzte der US-Staatschef das Interview auch, um den wiedergewählten israelischen Regierungschef Benjamin Netanyahu deutlich zu kritisieren. Hintergrund ist der Streit über einen möglichen Palästinenserstaat. Er habe Netanyahu nach dessen Wahlsieg in dieser Woche darauf hingewiesen, "dass eine Zweistaatenlösung der einzige Weg ist, Israels Sicherheit langfristig sicherzustellen, wenn es sowohl ein jüdischer Staat als auch demokratisch bleiben will".

Offenbar im Bemühen um Stimmen aus dem rechten Lager hatte Netanyahu kurz vor der Abstimmung am Dienstag erklärt, dass es in seiner Amtszeit keinen Palästinenserstaat geben werde. In Interviews mit US-Fernsehsendern nach der Wahl vollzog der Ministerpräsident jedoch erneut eine Kehrtwende. "Wir nehmen ihn beim Wort", sagte Obama. Die USA müssten nun evaluieren, welche anderen Optionen offenstünden, um sicherzustellen, dass in der Region "kein Chaos" entstehen könne.

Zu den Verhandlungen mit Iran sagte Obama: "Unser Ziel ist, das in einigen Wochen - nicht einigen Monaten - zum Abschluss zu bringen." Wichtig sei aber, ob Teheran bereit sei, der Welt zu beweisen, dass es keine Atomwaffe entwickelt. Auch müsse dies verifiziert werden können. "Offen gesagt haben sie bislang noch nicht die Zugeständnisse gemacht, die ich für nötig halte, um ein Abkommen abzuschließen", sagte der US-Präsident. "Aber sie haben sich bewegt, also gibt es eine Chance."

heb/dpa



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
DidiViefie 22.03.2015
1. Volle Zustimmung
Herr Obama. Auch wenn Sie nicht mein Freund sind, da gebe ich Ihnen RECHT. Die Gier der Medien nach Krisen koennte man es nennen. Schlimm dabei ist auch, dass kaum noch recherhiert wird. Viel zu aufwendig. Da wird lieber ABGEKUPFERT.
sesamerin 22.03.2015
2. Volltreffer
Wobei die Krisengier relativ einfach zu erklären ist. Die Medien sind hinter der Auflage bzw. der Quote her. Sog. Krisen, Katastrophen und Skandale verkaufen sich hervorragend.
Sponsor 22.03.2015
3. Zwar desilliusioniert von Obama,
aber er hat hier in einigem Recht. Alles ist gleich Krise. Wir sind schon fast süchtig geworden nach schlechten Nachrichten, und wenn es grade mal keine gibt, werden Kleinigkeiten hochgeputscht. Ist jetzt keine Medienschelte, eher Gesellschaftskritik. Wir müssen wieder lernen, uns auch mit positive Entwicklungen, die es ja auch gibt, zu beschäftigen, auch wenn sie uns nicht so den Dopamin-Kick wie Negativmeldungen geben.
Palmstroem 22.03.2015
4. Die Welt ist nun mal nicht friedlicher geworden
Es liegt nicht nur an den Medien ...... "In den letzten Jahren ist die Zahl der Todesopfer durch Konflikte mit staatlicher Beteiligung gestiegen. In einigen Weltregionen, insbesondere im Nahen Osten, wurde ein signifikanter Anstieg von Opferzahlen verzeichnet, die auf Kampfhandlungen zurückzuführen sind. Gleichzeitig stieg die Zahl internationalisierter innerstaatlicher Konflikte. Diese Entwicklungen deuten auf einen besorgniserregenden Aufwärtstrend von tödlichen Gewaltkonflikten mit staatlicher Beteiligung hin."(Sipri Jahresbericht 2014)
ficino 22.03.2015
5. Ja,
Recht hat er, uneingeschränkt! "Good news are bad news", alte Journalisten-Regel, und der ultimative Presse-Kampfbegriff ist dann die "journalistische Zuspitzung". Dass die Menschen immer noch auf so etwas reinfallen, darf man gerade in Israel bewundern. Mit ein bisschen mehr praktizierter Selbstkritik könnten auch und vor allem die Medien einen Beitrag zum inneren als auch zum äußeren Frieden leisten, das wäre doch endlich mal eine "News", oder?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.