Biografie über US-Präsidenten: Wie Obama einen Joint rauchte

Von Sebastian Fischer, Washington

Sie nannten sich "Kiffer-Bande", setzten Trends im Marihuana-Konsum - und Barack Obama war immer mittendrin. Eine neue Biografie beschreibt eindringlich die Jugend des späteren US-Präsidenten. Das sorgt in Amerika für Wirbel.

Barack Obama: "Marihuana hatte geholfen. Und der Suff. Vielleicht auch ein bisschen Koks" Zur Großansicht
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Barack Obama: "Marihuana hatte geholfen. Und der Suff. Vielleicht auch ein bisschen Koks"

Der Autor zeigt sich überrumpelt. Er wolle die "Twitterlyrik" ja nicht kontrollieren, aber in seinem Buch gebe es dann doch noch mehr als das Tagebuch der Freundin oder die Kiffer-Bande aus der High School. Das twittert David Maraniss am Freitagnachmittag in die Welt, nachdem ein weiterer Abschnitt aus seiner Biografie über US-Präsident Barack Obama für Aufregung sorgt.

Einer Biografie, die noch nicht einmal erschienen ist.

Erst am 19. Juni soll "Barack Obama: The Story" von Pulitzer-Preisträger Maraniss in den USA auf den Markt kommen. Auf 672 Seiten zeichnet er darin die Identitätssuche des späteren Präsidenten nach, das Buch endet mit Obamas Studienbeginn in Harvard im Jahr 1988. In einigen Jahren soll ein zweiter Band erscheinen. Aber schon diese ersten 27 Lebensjahre des Sohns einer Weißen aus Kansas und eines Schwarzen aus Kenia geben eine Menge Stoff her. Stoff, nach dem im Wahlkampfjahr 2012 Freunde wie politische Gegner Obamas geradezu gieren.

So sorgen schon die Vorabveröffentlichungen für Wirbel. Am Freitag war es das New Yorker Blog BuzzFeed, das eine Passage aus Maraniss' Buch zu Obamas Marihuana-Konsum während seiner High-School-Zeit auf Hawaii veröffentlichte. Vor allem geht es um das Wie dieses Konsums.

Kiffen im Auto und dazu ein Becks

Obama, den sie damals Barry nannten, gründete mit seinen Kumpels die "Choom Gang", die Kiffer-Bande. "Als Mitglied der Choom Gang war Barry Obama bekannt dafür, ein paar Trends im Haschisch-Rauchen zu setzen", schreibt Maraniss. "Total absorption" oder nur "TA" nannte der spätere Präsident die Vorschrift des "vollständigen Einsaugens". Beliebt war bei der Choom Gang ebenso das Kiffen im Auto, bei geschlossenen Fenstern, um nichts zu verschwenden. Dazu bevorzugte man "Bier aus grünen Flaschen" - gemeint sind die Marken Heineken, Becks und St. Pauli Girl.

Obama galt laut Maraniss gruppenintern als Schöpfer des Prinzips vom Unterbrechen: Kreiste ein Joint, ging demnach der spätere Präsident manchmal dazwischen, rief "Unterbrochen!" und nahm einen Extra-Zug. Offenbar, so beschreibt es Maraniss, habe der Obama-Zuschlag keinen in der Gruppe weiter gestört. Unter sein Foto im letzten High-School-Jahrbuch ließ Obama einen anspielungsreichen Satz setzen, in dem er der "Choom Gang und Ray für all die guten Zeiten" dankte. Ray war der Mann, der Obama und Co. das Dope besorgt haben soll.

Jenseits dieser bunten Details ist es allerdings längst bekannt, dass Obama in seiner Jugendzeit kiffte. Und nicht nur das. Obama beschreibt seinen Drogenkonsum sogar selbst in der bereits 1995 veröffentlichten Autobiografie "Dreams from My Father", in der er sich mit jener Zeit auseinandersetzt, als er auf der manchmal verzweifelten Suche nach seiner Identität war: "Marihuana hatte geholfen. Und der Suff. Vielleicht auch ein bisschen Koks, wenn man es sich leisten konnte. Heroin nicht." Es war eine sehr kritische Auseinandersetzung mit seiner Vergangenheit.

Obama stellte später fest, er sei nicht stolz auf den Drogenkonsum damals: "Es war ein Fehler." Seinen Vorvorgänger im Amt, Bill Clinton, aber - der einst sagte, er habe nicht inhaliert - kann Obama bis heute nicht verstehen: Denn ums Inhalieren gehe es ja nun mal beim Kiffen. Das erinnert dann wieder an das Obama-Prinzip der "total absorption".

Kaum veröffentlicht, verbreiteten sich die Auszüge aus dem Maraniss-Buch am Freitag viral. "Audacity of Dope" wandelte das "Time Magazine" den Titel von Obamas zweitem Buch ("Audacity of Hope") ab; das öffentlich-rechtliche Radio NPR drechselte: "Inhale to the Chief."

Damit hat Autor Maraniss den zweiten Aufreger innerhalb weniger Wochen geliefert. Denn zuvor hatte bereits das Magazin "Vanity Fair" in seiner aktuellen Ausgabe einige Passagen aus dem Buch abgedruckt. Darin geht es um Obamas New Yorker Zeit in den frühen Achtzigern. Und es geht um Genevieve Cook.

"Dann gingen wir in sein Schlafzimmer"

Das ist die Story: An einem Dezemberabend 1983 ist die damals 25-Jährige auf eine Weihnachtsparty im East Village eingeladen. Die Feier steigt im sechsten Stock, die Australierin Genevieve Cook hat eine Flasche Baileys dabei und kennt eigentlich niemanden außer dem Gastgeber. Dann geht sie in die Küche. Und da steht, in Jeans, T-Shirt und Lederjacke, der 22-jährige Barack Obama.

Es dauert nur wenige Tage, dann sind die beiden ein Paar. "Ich glaube, er hat mir dann ein Abendessen gekocht", erinnert sich Cook heute, "wir gingen in sein Schlafzimmer und redeten. Und dann blieb ich die Nacht. Es fühlte sich alles sehr zwangsläufig an." Bis Mai 1985 sind sie zusammen.

So hat Cook es David Maraniss erzählt. Der Obama-Biograf durfte auch ihre Aufzeichnungen sehen, ihre Tagebücher. Darin beschreibt sie einen intellektuellen jungen Mann, der im Geist schon viel älter scheint, als er wirklich ist. Sie bemerkt neben Zärtlichkeit auch "Coolness" bei Obama: "Obwohl er süße Worte sagt sowie offen und vertrauensvoll sein kann, ist da diese Kühle." Maraniss bemerkt: "Wenn sie ihm sagte, dass sie ihn liebe, war seine Antwort nicht 'Ich liebe dich auch' sondern: 'Danke'."

Das Bild des kühlen, kalkulierenden Obama - es ist einer der Gründe, warum Obamas Leute im Weißen Haus und seiner Chicagoer Wahlkampfzentrale dem Erscheinen des Buches mit einer gewissen Anspannung entgegensehen. Wird es die Erzählung vom 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten massiv verändern? Oder nur ergänzen, auch durch die allzu menschlichen Aspekte des Zweifelns und der Sinnsuche?

"Dies ist ein gefährliches Buch für Obama", urteilte das Polit-Magazin "Politico". Es sei schließlich kein Zufall gewesen, dass der Präsident selbst sich 90 Minuten Zeit genommen hat, um Maraniss ein Interview zu gewähren - und auf diese Weise noch Einfluss zu bekommen auf die Geschichte.

David Remnick, der vor drei Jahren selbst eine gefeierte Biografie zu Obama vorgelegt hat ("The Bridge"), stellte damals im SPIEGEL-ONLINE-Interview mit Blick auf das Narrativ des Präsidenten und dessen Autobiograpfe "Dreams from My Father" fest: "Denke ich, dass er seine Lebensgeschichte auf raffinierte Weise manipuliert hat? Nein. Glaube ich, dass er sie poetisch aufgehübscht hat? Ja." Politiker versuchten schließlich stets, ihr Leben als symbolisch für die Geschichte ihres Landes darzustellen. Obama präsentiere seine Entwicklungsgeschichte als Teil der Rassengeschichte der USA, so Remnick.

Klar ist: Es gibt eine Menge zu erzählen über Barack Obama - weit übers Kiffen und frühe Freundinnen hinaus. Am Freitag schreibt noch eine Twitter-Followerin an Autor Maraniss: "Ich hab ja nicht den Teenager Obama zum Präsidenten gemacht. Ich habe den älteren, weiseren Kerl gewählt - aber, hey, danke für das Drama :)" Darauf der Autor: "Da hast du absolut recht, das ist eben eines der Risiken, wenn man in der modernen US-Politkultur Biografien schreibt."

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insgesamt 59 Beiträge
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1. Abwahl
dieterdax 26.05.2012
Ich denke damit sollte für den Amerikaner doch langsam klar werden, welch eine Type sie da zum Präsidenten gewählt haben. Einen kiffenden, koksenden Ex-Suffkopp nämlich. Es scheint doch allerhöchste Zeit, dass dieser Delinquent aus dem Oval Office verschwindet, bevor er sein (Drogen-)Konsummuster noch zum Goldstandard für die amerikanische Jugend verklärt.
2.
Hagenruck 26.05.2012
Zitat von dieterdaxIch denke damit sollte für den Amerikaner doch langsam klar werden, welch eine Type sie da zum Präsidenten gewählt haben. Einen kiffenden, koksenden Ex-Suffkopp nämlich. Es scheint doch allerhöchste Zeit, dass dieser Delinquent aus dem Oval Office verschwindet, bevor er sein (Drogen-)Konsummuster noch zum Goldstandard für die amerikanische Jugend verklärt.
Sie haben recht! Er sollte umgehend von einem irren Republikaner ersetzt werden, der die Steuer für die Wohlhabenden auf 0% senkt, die Banken dereguliert und umgehend einen Krieg mit dem Iran anzettelt - das spült nämlich zumindest etwas Geld in die Kassen des sog. "militärisch-industriellen Komplex".
3. Mein Gott...
vogelskipper 26.05.2012
Da bin ich ja mal gespannt, was die Presse daraus machen wird, allen voran Fox. Wer Amerika kennt oder mal dort gelebt hat, der weiß doch auch, dass Kiffen dort zum Alltag gehört und es quasi jeder schon getan hat. Ich war dort noch auf keiner Party, wo keine Joints die Runde gemacht haben. Aber jetzt werden all die kiffenden, koksenden, saufenden und ehebrechenden Republikaner Boys, die sich nach außen wie die Unschuld vom Lande geben, wieder Kanonenfutter wittern und das in den Medien so aufbereiten, als ob Obama der einzige Ami wäre, der so etwas je gemacht hat. Wenn das Thema zu arg hochgepushed wird, besteht meines Erachtens sogar die Chance, dass es Obama eher hilft, denn im Grunde werden viele denken, dass sie in ihrer Jugend ja genau das gleiche gemacht haben. Obama sollte also dazu stehen und nicht wie Clinton anfangen zu behaupten, dass er nicht auf Lunge geraucht habe oder nicht penetrierte;-)
4.
Stelzi 26.05.2012
Zitat von dieterdaxIch denke damit sollte für den Amerikaner doch langsam klar werden, welch eine Type sie da zum Präsidenten gewählt haben. Einen kiffenden, koksenden Ex-Suffkopp nämlich. Es scheint doch allerhöchste Zeit, dass dieser Delinquent aus dem Oval Office verschwindet, bevor er sein (Drogen-)Konsummuster noch zum Goldstandard für die amerikanische Jugend verklärt.
Sein Vorgänger, der Alkoholiker der zwei Kriege vom Zaun gebrochen hat, wurde wiedergewählt. Sein Nachfolger, der als Jugendlicher das getan hat, was viele tun, beendet diese Kriege und soll nach deiner Deutung deshalb eine Gefahr sein?
5. Damit ist er einer des Volkes
dreamcaster 26.05.2012
Wer hat nicht in der Jugend schon einen Joint geraucht oder mal zu viel getrunken, alle die es nicht taten sind für mich nicht offen für Neues und auf ihren engstirnigen Weltbild hängen geblieben oder schlicht nur klägliche Opportunisten. Es spricht doch nur für seine Ehrlichkeit, die Heuchelei der restlichen Politiker ist mir viel eher suspekt. Z.B. unser Joschka Fischer hatte wohl noch eine stürmischere Jugendzeit hinter sich - hat es ihm geschadet?
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