State of the Union Obama träumt von Amerika

Amerika schwach? Reine Einbildung! Mit einem Auftritt wie zu seinen besten Zeiten verabschiedet sich Barack Obama vom Kongress. Die Rede ist eine Art Vision für die Zukunft des Landes.

Von , Washington


Dienstagabend, der US-Kongress in Washington, Barack Obama steht vor seiner letzten großen Rede. Wie lange wird sie gehen? 60 Minuten? 90 Minuten? 120 Minuten? "Ich versuche, es kurz zu halten", sagt der US-Präsident. "Ich weiß ja, viele von Ihnen wollen schnell zurück nach Iowa." Lacher im Saal, auch unter den Präsidentschaftskandidaten, die im ersten Vorwahlstaat gerade mehr Zeit verbringen als zu Hause.

Nein, Obama ist nicht gekommen, um eine introvertierte Rede zu halten. Das ist nicht erlaubt, nicht einmal jetzt, wo er zum letzten Mal vor dem Kongress auftritt. Ist ja eine Rede zur Lage der Nation, die er hier hält. Und diese Lage muss aus Sicht eines Präsidenten immer ganz gut sein, ansonsten wäre man ja gescheitert als Nummer eins. Also: Stimmung prima, Präsident prima, Land prima. America, the beautiful.

Und alle mal klatschen, bitte.

Aber wer hätte gedacht, dass das noch funktioniert bei Obama? Lethargisch wirkte der Präsident in den vergangenen Monaten. In sich gekehrt. Genervt, dass der Kongress immer alles abwehrt, was er vorschlägt. Der Mittlere Osten brennt, in Nordkorea spielt ein Diktator mit Bomben, und dann läuft auch noch Donald Trump herum und erzählt, wie schwach die USA seien. Entsetzlich.

"Wir sind die stärkste Nation der Erde. Punkt."

Und jetzt? Von Lethargie keine Spur. Schwach? Von wegen! "Die Vereinigten Staaten sind die stärkste Nation der Erde. Punkt. Es ist nicht einmal knapp!", ruft Obama. Jubel. "Wenn jemand nach Führung sucht, geht er nicht nach Moskau. Oder Peking. Er ruft uns an!" Mehr Jubel. "Kein Staat greift uns direkt an - weil jeder weiß, dass das der Weg in den Ruin wäre!" Noch mehr Jubel, sogar unter seinen Gegnern.

Plattitüden der Selbstvergewisserung, klar. Aber Obama will an diesem auch für ihn persönlich so wichtigen Tag den Amerikanern eine Botschaft mitgeben: Lasst euch nicht einreden, dass wir an Stärke verloren haben, nur weil wir nicht mehr ganz so kriegerisch unterwegs sind wie früher. Lasst euch nicht so schnell verunsichern, nur weil der "Islamische Staat" immer brutaler zu werden scheint. Lasst sie reden. Unsere Gegner. Die Schwarzmaler. Die Wahlkämpfer.

Obama hat sich viel vorgenommen für diesen Auftritt. Er scherzt, er kämpft, er träumt, er verteidigt sich. Es ist wie in seinen besten Zeiten. Natürlich geht es um sein Vermächtnis. Über seine Fehler in der Syrien-Strategie geht er elegant hinweg, aber von den Erfolgen vergisst er kaum einen. Die Gesundheitsreform, die Operation gegen Osama Bin Laden, die Überwindung der Finanzkrise, die gesunkene Arbeitslosenquote - alles kommt vor. "Wir sind weit vorangekommen", sagt Obama. "Jeder, der sagt, die amerikanische Wirtschaft sei im Abstieg begriffen, bewegt sich im Bereich der Fiktion."

"Alles Gerede von einem wirtschaftlichen Niedergang der USA ist heiße Luft."

"Amerika ist die stärkste Nation der Welt. Punkt! Es ist nicht mal knapp!"

"Bei jedem wichtigen internationalen Thema erwarten die Menschen auf der Welt nicht von Peking oder Moskau eine Führungsrolle - sie rufen uns an."

"In der heutigen Welt werden wir weniger von bösen Imperien bedroht, sondern mehr von gescheiterten Staaten."

"Sowohl al-Qaida und jetzt IS stellen eine direkte Bedrohung für unsere Leute dar, weil in der heutigen Welt schon eine Handvoll von Terroristen, die das menschliche Leben nicht schätzen, nicht mal das eigene, einen großen Schaden anrichten können. Wir müssen sie ausschalten."

"Amerikas Führung im 21. Jahrhundert besteht nicht in der Wahl, den Rest der Welt zu ignorieren, oder jedwedes Land im Aufruhr zu besetzen und wiederaufzubauen. Führung meint eine kluge Anwendung militärischer Gewalt - und die Welt hinter den richtigen Gründen zu vereinen."

"Wenn Politiker Muslime beleidigen, ob hier oder anderswo, wenn eine Moschee mutwillig zerstört wird oder ein Kind gemobbt wird, macht uns das nicht sicherer."

"Aber Demokratie braucht auch grundlegende Bande des Vertrauens zwischen ihren Bürgern. Das funktioniert nicht, wenn wir denken, dass die Leute, die nicht mit uns übereinstimmen, alle von Böswilligkeit angetrieben werden oder dass unsere politischen Gegner unpatriotisch sind oder Amerika schwächen wollen."

Aber eigentlich tut er das, was er am Anfang seiner Amtszeit hätte machen sollen: Er entwirft das Bild eines Amerikas in zehn, in zwanzig Jahren. Weniger Tagespolitik, mehr Vision. In seinem künftigen Amerika gibt es eine vernünftige Kinderbetreuung und erschwingliche Bildung. Es gibt höhere Mindestlöhne und ein funktionierendes Einwanderungssystem, ein Militär, das bestens ausgestattet ist, aber weise eingesetzt wird, und Menschen, die schöne Dinge erfinden. Wie damals, als die Amerikaner neue Raumschiffe bauten und zum Mond flogen.

Obamas neue Mondfahrt

Obama hat da eine Idee. "Für die Angehörigen, die wir alle verloren haben, für die Familien, die wir noch retten können: Lasst uns Amerika zu dem Land machen, das Krebs ein für alle Mal besiegt", ruft er. Es ist seine neue Mondfahrt. "Und ich setze Joe Biden ans Steuerrad", sagt er in Richtung seines Vizepräsidenten, der im vergangenen Jahr seinen Sohn an die Krankheit verlor. Ovationen bei Demokraten und Republikanern.

Obama, der Mann des "change". Hoffnung, Fairness, Innovation. Es klingt fast, als wollte er noch einmal antreten. Dabei können seine Wünsche jetzt allenfalls noch Leitplanken für den nächsten Präsidenten sein, so er oder sie denn aus seiner Partei kommt.

Das will Obama noch sicherstellen. Die Republikaner knöpft er sich vor, ohne auch nur einen der Präsidentschaftskandidaten beim Namen zu nennen. "Unser öffentliches Leben verkümmert, wenn immer nur die extremen Stimmen Aufmerksamkeit bekommen", ruft er. Die internationalen Krisen müsse man klüger angehen als nur mit hartem Gerede. "Wenn Politiker Muslime beleidigen, wenn eine Moschee verwüstet und ein Kind schikaniert wird, macht uns das nicht sicherer. Es verrät das, was uns als Nation ausmacht."

Es ist eine kleine, aber feine Abrechnung mit Donald Trump.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 107 Beiträge
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Seite 1
paulpuma 13.01.2016
1.
Wie immer man Obama beurteilen mag: Er liebt sein Land und will sein bestes. Hätten wir doch auch solche Politiker.
Olaf 13.01.2016
2. Träum weiter..
Er hat ja alle Chancen gehabt, aber man muss nicht nur Träumer sein, sondern Entschlusskräftiger Realist um diese in die Realität umsetzten zu können. Sonst bleibt man eben nur ein Schnacker.
heini444 13.01.2016
3. Man kann diese blöde
USA Huldigungen hier nicht mehr lesen. Nichts aber auch garnichts hat Obama verändert. Kein Krieg wurde beendet, nein es wurden immer mehr. Er setzt das Werk der Anderen vor ihm fort. Nämlich Europa zu schwächen. Hoffnung habe ich für eine vernünftige amerikanische Weltpolitik nicht mehr.
bwfrightchicken 13.01.2016
4. oha olaf
Aha und Sie könnten das Olaf? Obama ist gescheitert, ja. Aber nur weil er zu demokratisch ist. In diesem Land, indem viele Menschen am liebsten mit Pistolengürtel rumlaufen und V8 fahren. Obama ist der modernste, charismstischste US Präsident denn wir alle je erleben durften. Ab jetzt geht's bergab. Meinen Respekt hat er!
lövgren 13.01.2016
5.
Zitat von OlafEr hat ja alle Chancen gehabt, aber man muss nicht nur Träumer sein, sondern Entschlusskräftiger Realist um diese in die Realität umsetzten zu können. Sonst bleibt man eben nur ein Schnacker.
Hat schon immer was besonderes und humorvolles, wenn ein deutscher Forist den US-Präsidenten als "Schnacker" bezeichnet.
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