Obama-Rede zu Mandelas 100. Geburtstag "Wir befinden uns an einem Scheideweg"

Erstmals seit Ende seiner Amtszeit hat der frühere US-Präsident Obama vor großem Publikum gesprochen. Anlass war der 100. Geburtstag von Nelson Mandela. Obama sparte nicht mit Anspielungen auf Nachfolger Trump.

Barack Obama in Südafrika
AFP

Barack Obama in Südafrika


Seine öffentlichen Auftritte sind selten geworden. Aber für die Feierlichkeiten anlässlich Nelson Mandelas 100. Geburtstag machte Barack Obama eine dieser raren Ausnahmen. In Johannesburg sprach er über Rassismus, Ausgrenzung und Toleranz.

Der einst von Mandela angeführte Kampf gegen die Diskriminierung von Menschen anderer Hautfarbe müsse in Zeiten von zunehmendem Populismus entschiedener denn je geführt werden. "Der Kampf um Gerechtigkeit ist nie vorüber", sagte Obama vor Tausenden Zuhörern. Sowohl in den USA als auch in Südafrika gebe es nach wie vor Rassismus, sagte Obama, der als erster schwarzer Politiker US-Präsident geworden war.

Jahrzehnte der Diskriminierung hätten zu großer Ungleichheit und Armut geführt. Es gebe immer noch zu viele Menschen, die sich von anderen, die nicht wie sie selbst aussähen oder sprächen, bedroht fühlten. Im Westen gebe es zudem inzwischen immer mehr Parteien, die eine offen nationalistische Agenda verträten, warnte Obama.

Mandela hingegen habe die "Hoffnung der Besitzlosen in der ganzen Welt auf ein besseres Leben verkörpert", sagte Obama. "Ich glaube an Nelson Mandelas Vision von Gleichheit und sozialer Gerechtigkeit." Sogar aus seiner kleinen Gefängniszelle heraus habe Mandela viele Menschen - darunter auch ihn selbst - inspiriert, sagte Obama. "Sein Licht schien selbst aus einer Gefängniszelle in Robben Island so hell, dass er es schaffte, in den späten Siebzigerjahren einen jungen Studenten am anderen Ende der Welt dazu zu inspirieren, seine eigene Prioritäten zu überdenken."

"Wir leben in seltsamen und unsicheren Zeiten"

Trotzdem existiere Rassismus nach wie vor "in den USA und Südafrika". Auch hätten Frauen und Mädchen noch immer nicht die gleichen Chancen wie Männer. Besorgt zeigte sich Obama angesichts nationalistischer Tendenzen in westlichen Ländern. An Mandelas 100. Geburtstags befinde sich die Welt an einem Scheideweg. "Wir leben in einer Zeit, in der zwei verschiedene Visionen dessen miteinander konkurrieren, wer wir sind und wer wir sein sollten", sagte Obama.

Den Herausforderungen einer globalisierten Welt müsse gemeinsam begegnet werden, forderte er in Johannesburg. "Wir leben in seltsamen und unsicheren Zeiten", sagte er in seiner Rede. "Wir brauchen mehr internationale Zusammenarbeit, nicht weniger."

In einer kaum versteckten Anspielung an den Politikstil von US-Präsident Donald Trump forderte Obama, Politiker müssten an Fakten glauben und dürften nicht einfach "Sachen erfinden". "Ohne Fakten gibt es kein Grundlage für Zusammenarbeit mehr", warnte Obama, der Trump allerdings nicht namentlich erwähnte. Zum Gelächter des Publikums sagte er: "Ich dachte nie, dass ich ein großer Politiker sei, nur weil ich keine Sachen erfinde."

"Sein Kampf hat das Leben von Millionen berührt"

Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa sagte, Mandela habe sein Leben dem Dienst an den Menschen gewidmet. "Sein Kampf und seine Opfer haben das Leben von Millionen berührt und werden auch den kommenden Generationen noch eine Inspiration sein." An der Veranstaltung in Johannesburg nahmen zudem unter anderem auch Mandelas Witwe Graça Machel und der frühere Uno-Generalsekretär Kofi Annan teil. Etwa 14.000 Menschen hatten sich im Cricket Station von Johannesburg versammelt.

Mandela wurde am 18. Juli 1918 geboren. Er war Anti-Apartheidskämpfer und wurde der erste schwarze Präsident Südafrikas. Mandela starb 2013. Für seinen Kampf gegen das rassistische weiße Minderheitsregime in Südafrika saß er fast drei Jahrzehnte im Gefängnis, bis er 1990 freikam.

Obama, der als erster schwarzer Politiker US-Präsident wurde, gilt als Bewunderer Mandelas. Er hatte bereits auf dessen Trauerfeier 2013 eine bewegende Lobrede für den "Giganten der Geschichte" gehalten.

asc/ler/dpa/AFP



insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
brokerbundfuture1 17.07.2018
1. Obama ist einfach richtig gut
ja er konnte nicht alle Versprechen einlösen. Und doch ist er ein Garant der Weltordnung und hat Radikalismus auf allen Seiten hart bekämpft im Gegensatz zu diesem geistig verwirrten,nun auch alten Mann... übrigens sein Nachfolger. Schade USA, ein Land, so groß und so gegensätzlich, jedoch faszinierend für viele auch aus unserem Land.
hape2412 17.07.2018
2. Welch wohltuender Eindruck!
Man hatte schon fast vergessen, dass es auch einmal einen amerikanischen Präsidenten gegeben hat, für den man sich nicht andauernd fremdschämen musste, der nicht innerhalb eines Tages eine Aussage um 180° wenden musste, der nicht innerhalb des ersten halben Jahres seiner Präsidentschaft über 1.000 Mal beim Lügen erwischt wurde und der sich nicht täglich der Lächerlichkeit preis gegeben hat. Nun mögen die Trump-Fanboys und -girls gerne über mich herfallen ! Im Forum zum Artikel über die Aussagen von Paul Ryan und die Kehrtwende Trumps in der Russlandaffäre haben sie ja auch schon Gewehr bei Fuß gestanden, um ihrem Herrn und Meister beizuspringen und die Realität einmal mehr zu dessen Gunsten zurecht zu biegen. Sei es drum!
Filsbachlerche 18.07.2018
3. Ich habe auch Obama immer auch kritisch betrachtet,
doch er stand intellektuell und moralisch immer weit über seinem Nachfolger. Zitat aus dem Artikel: "In einer kaum versteckten Anspielung an den Politikstil von US-Präsident Donald Trump forderte Obama, Politiker müssten an Fakten glauben und dürften nicht einfach "Sachen erfinden". "Ohne Fakten gibt es kein Grundlage für Zusammenarbeit mehr", warnte Obama, der Trump allerdings nicht namentlich erwähnte. Zum Gelächter des Publikums sagte er: "Ich dachte nie, dass ich ein großer Politiker sei, nur weil ich keine Sachen erfinde." und hierin muß ich ihm voll beistimmen: Dieser DT ist nichts anderes als die personifizierte Verkörperung seines Lieblingsbegriffs "fake news". Das haben inzwischen ja auch die Rechtsaußen unter den Republikanern öffentlich verkündet.
mostein 18.07.2018
4. Die USA stehen für andere Prinzipien
Auch der Präsident Obama stand für ein Amerika, dass internationale Gerichte nicht anerkennt, aber selber über alles mitentscheiden will. Als Jurist sollte Obama sehr genau wissen, welch agressiver Partner die USA immer schon waren.
Hans58 18.07.2018
5.
Die gestrige Rede von Obama im Wanderers Stadium war m.E. eine der besten Reden, die er je gehalten hat. Auch wenn ein kleine Gruppe Kritiker hier in Südafrika die Frage gestellt hat, was Obama eigentlich das Recht gibt, eine Rede in Memoriam Nelson Rolihlahla Mandela zuhalten, so fand die Rede jedenfalls ein breites positives Echo in den heutigen nationalen Medien. Die Zuhörer jubelten ihm dann besonders zu, wenn er direkte und indirekte Anspielungen auf die Regierungszeit von Jacob Zuma ansprach, z.B. als er die Korruption nannte und den Hinweis gab, man müsse als Politiker wissen, wann man zurückzutreten habe. Obama endete seine Rede mit dem Hinweis, dass Madiba (Mandelas Clanname) zu keinem Zeitpunkt seinen Stolz auf seine Abstammung verneinte, stolz war, ein Schwarzer zu sein und stolz war, Südafrikaner zu sein. In einem Punkt setzte Obama sich mit Mandela gleich: "Stolz auf seine eigene Abstammung zu sein, ohne damit Menschen anderer Abstammung zu verunglimpfen"
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.