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Obama trifft Castro: "Señor Presidente, Andrea hat noch eine Frage an Sie!"

Aus Havanna berichtet

Barack Obama, Raúl Castro Zur Großansicht
AFP

Barack Obama, Raúl Castro

Sticheleien, Scherze und ein schwer genervter Raúl Castro: Die Pressekonferenz von Barack Obama und Kubas Präsident war einer jener kostbaren Momente, in denen sich Politik von ihrer ungeschliffenen Seite zeigt.

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Am Ende dieses denkwürdigen Termins im Revolutionspalast geht es darum, welchen Weg die beiden nehmen sollen, um von der Bühne zu verschwinden.

Es gibt zwei Möglichkeiten, entweder rechtsherum über Barack Obamas Ausgang oder linksherum über Raul Castros Ausgang. Hier entlang, signalisiert Obama und zeigt in seine Richtung. Hier entlang, signalisiert Castro und zeigt in seine Richtung. Der US-Präsident wird jetzt etwas entschlossener. Hier entlang, sagt er noch mal, und letztlich bleibt Castro nichts anderes übrig, als sich Obama anzuschließen.

Wer will, kann darin eine gewisse politische Metaphorik erkennen, es ist ja doch alles sehr aufgeladen bei diesen kubanisch-amerikanischen Konsultationen.

Es geht um alte Feindschaften und neue Wege, um Krisen, Krieg und Frieden, und natürlich geht es um zwei Welten, die da plötzlich aufeinandertreffen. Die Moderne trifft auf die Vormoderne, der Kapitalismus auf den Sozialismus oder jedenfalls das, was davon noch übrig geblieben ist. Die Schlacht der Ideologien ist längst entschieden, das gibt diesem Termin eine Unwucht, die weniger für Obama als für Castro Schwierigkeiten mit sich bringt.

Für den Präsidenten Kubas ist es nicht irgendein Termin, er empfängt den ehemals so großen Satan im Herzen seines Imperiums, dem Revolutionspalast, eine dieser sozialistischen Betonbauten, die auch in Moskau oder Peking stehen könnten. Vor dem Palast steht das Mahnmal für den Freiheitskämpfer José Marti. Nebenan, an der Fassade des Innenministeriums, prangt das Konterfei Che Guevaras.

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Obama in Kuba: Besuch für die Geschichtsbücher
Der Raum, in den Castro den US-Präsidenten lädt, liegt im Erdgeschoss des Palastes. Zwei hölzerne Pulte, zwei Fahnen im Hintergrund, viele Stuhlreihen. Die Wände sind marmoriert, von den Decken hängen schwere violette Vorhänge. Und der Raum ist hoch. Sehr hoch.

Der Last-minute-Deal

Das Problem ist, dass der Termin mit Obama eine Pressekonferenz sein soll, was ein Instrument ist, das unter den Castros nicht sehr häufig - beziehungsweise nie - auf der Tagesordnung steht. Das Nationalfernsehen überträgt live, aber heikler ist, dass auch die US-Sender ihre Kameras aufgestellt haben und Dutzende Journalisten darauf warten, Fragen stellen zu können.

Die Amerikaner und die Kubaner, so streuen es später Obamas Leute, haben sich auf das Format erst in den Minuten vor dem Termin geeinigt. Rund eine Stunde müssen die geladenen Journalisten vor dem Palast ausharren. Die einen knipsen Erinnerungsfotos, die anderen schimpfen auf die schlechte Organisation. Dann gehen die Türen auf. Zwei Fragen an Obama, eine an Castro, so lautet die Abmachung, aber die US-Delegation weist die Gegenseite vorsichtshalber darauf hin, dass die eigene Presse bei solchen Auftritten gern auch Fragen an beide Staatschefs stellt. Die Demokratie ist nicht immer so ganz berechenbar, aber lasst es uns mal versuchen: Das ist die Botschaft.

Ein Mitarbeiter Obamas bringt kurz vor Beginn die Mappe mit dem Manuskript und legt sie auf das Pult, das für den Amerikaner vorgesehen ist. Der Mitarbeiter Castros bringt einen ganzen Ordner. Außenminister John Kerry setzt sich in die erste Reihe.

Castro ist angespannt. Man merkt das, sein Eingangsstatement, das doch eigentlich die neuen Beziehungen feiern könnte, ist in großen Teilen nicht sehr freundlich. Er hat eine Liste vorbereitet mit Dingen, die er Obama unter die Nase reibt. Das Embargo natürlich, das immer noch nicht gekippt worden ist. Das Gebiet Guantanamo, das die Amerikaner doch bitte schön endlich mal zurückgeben sollten. Und Venezuela, an dessen Destabilisierung aus Castros Sicht den USA sehr gelegen ist. "Ich hatte in unseren Gesprächen eben keine Zeit mehr, das mit ihm zu besprechen", sagt Castro. "Ich mache das jetzt hier."

Obama lauscht ungerührt seinem Simultanübersetzer und lässt sich auch dann nichts anmerken, als Castro ausführlich darüber spricht, wie unverständlich er es findet, dass in Amerika so existentielle Dinge wie die Gesundheitsversorgung oder gewisse Nahrungsmittel nicht von der Regierung gestellt werden: "Es gibt Unterschiede, die nicht einfach verschwinden werden", sagt Kubas Präsident. Obama nimmt alles hin, er ermuntert seinen Nebenmann sogar dazu, auch Kritik an den USA zu üben: "Nur so können wir voneinander lernen." Es ist ein bemerkenswerter Moment der Demut.

Die Falle

Aber er hat Castro eben auch eine Art Falle gestellt mit diesem Termin. Gleich nach Obamas freundlicher Erwiderung kommen die Fragen. Die erste stammt von Jim Acosta, CNN-Moderator und Halbkubaner. Er erkundigt sich - teils auf Englisch, teils auf Spanisch - bei Obama, warum er sich nicht mit Fidel Castro getroffen habe, und bei Raul Castro, warum er die politischen Häftlinge nicht freilasse und wen er sich als nächsten Präsidenten eher wünsche: Donald Trump oder Hillary Clinton. Obama antwortet als Erster, aber während er spricht, tuschelt Castro plötzlich recht lange mit einem Berater. Obama ist irritiert und blickt ins Publikum, als wolle er sagen: Nanu - was macht der denn da? "Entschuldigung", sagt der US-Präsident in Richtung seines Amtskollegen. "Das klang auch nach einer Frage an Sie."

Castro würde die Frage am liebsten übergehen, aber er muss jetzt ran. "Politische Häftlinge?", sagt Castro. "Geben Sie mir eine Liste. Wenn Sie Namen nennen und mir eine Liste geben, lasse ich sie noch heute frei." Obama lächelt, er weiß, dass Castro, dessen Regime erst vor seiner Ankunft wieder Dissidenten hat festnehmen lassen, mit dieser Antwort schwer durchkommen wird.

Castro ist jetzt schon etwas nervöser, er nestelt an seinen Kopfhörern, die Frage nach Trump oder Clinton beantwortet er mit einem einfachen: "Ich darf in den USA nicht wählen." Ein kubanischer Journalist meldet sich und will wissen, was Castro für die Verbesserung der Beziehungen zu den Vereinigten Staaten tun wolle. "Ihr stellt mir zu viele Fragen", sagt Castro. "Ich glaube, die Fragen sollten an Präsident Obama gerichtet werden."

"Andrea, Andrea."

Für den US-Präsidenten ist das weniger ein Problem. Er ruft Andrea Mitchell auf, Starmoderatorin des Senders NBC. Sie fragt Obama nach dem Embargo und Castro nach den Menschenrechten. Obama erklärt das Embargo für erledigt, nur der Zeitpunkt der offiziellen Kündigung sei noch nicht sicher. "Ich bin jetzt fertig", sagt Obama und wird plötzlich zum Moderator. An Castro gewandt, sagt er: "Ich glaube, Señor Presidente - ich glaube, Andrea hatte noch eine Frage an Sie." An Mitchell gewandt: "Er hat gesagt, er nimmt nur eine Frage entgegen." Und wieder in Richtung Castros: "Sie ist eine unser besten Journalisten in Amerika, ich bin sicher, sie würde sich über eine kurze Antwort freuen."

Castro reibt die Handflächen aneinander, er ist jetzt schwer genervt und blickt in Richtung Mitchell. "Andrea", ruft der 84-Jährige. "Andrea. Wenn ihr hierbleiben würdet, würdet ihr 500 Fragen stellen. Ich wollte nur eine beantworten, jetzt beantworte ich eineinhalb."

Die Antwort fällt nicht ganz ungeschickt aus, das muss man sagen. Es gebe so viele Menschenrechte, und er kenne keinen Staat, der sich an alle halte, sagt Castro. In Kuba zum Beispiel, gehe man davon aus, dass eine allgemeine Krankenversicherung ein Menschenrecht sei. Und Bildung ebenfalls. Und übrigens auch der Grundsatz des gleichen Lohns für gleiche Arbeit. Es sind kleine, aber feine Spitzen in Richtung des Gasts, die man mit einem Verweis auf die Armut der Kubaner oder die miserable Lage der Wirtschaft natürlich leicht kontern könnte, aber Obama lässt ihn reden. "Menschenrechte", sagt Castro, "sollten nicht politisiert werden." Er blickt auf seine Uhr, verweist auf anstehende Termine und beendet die Pressekonferenz.

Castro sieht jetzt wieder glücklicher aus. Die beiden Präsidenten gehen aufeinander zu. Castro greift nach Obamas Arm und hält ihn in die Höhe, als gelte es - jetzt, am Ende dieses Termins - als gemeinsame Sieger zu posieren. Obama lacht, er weiß nicht recht, wohin mit seinem Handgelenk. Es knickt ab, die Kameras klicken. Die neue Freundschaft, sie muss eben noch ein wenig geübt werden.

Zusammengefasst: Das ist unüblich im sozialistischen Kuba: Der Staatschef erscheint bei einer Pressekonferenz. In diesem Fall hatte Raúl Castro keine andere Wahl - US-Präsident Barack Obama ist schließlich zu Besuch. Vorher nicht abgestimmte Fragen, die mitgereiste US-Journalisten stellten, auch nach weggesperrten Dissidenten, brachten den Kubaner sichtlich aus der Fassung.

Hinweis der Redaktion: In einer ersten Version des Artikels wurde suggeriert, der Revolutionspalast sei von der Castro-Regierung gebaut worden. Das trifft nicht zu. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 90 Beiträge
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1. Hoffnung
ray8 22.03.2016
Dieser Termin ist noch immer nichts weniger als ein Wunder! Großen Dank an die Koalition der Willigen!
2. mit zweierlei Maß gemessen!
castaneda 22.03.2016
Bevor der Präsident die Kubaner auf Menschenrechet enaspricht sollte er sich die Fragen gefallen lassen zu dem völkerrechtswidrigen Regimechange in Ukraine, Libyien und Syrien. Die Frage ob er es nicht unterlassen kann die Terroristen in Syrien zu unterstützen ( die dann über die Grenze nach Syrien gehen und sich direkt bei Al Nusra eintragen ). Warum unternimmt Amerika nichts im Jemen. Raoul sollte dort mal das Gespräch mit der "Opposition" suchen und in....... Die Kubaner hingegen haben mit Überzeugung gegen die Armut und die Unterdrückung durch einen von Amerika unterstützen Diktator gekämpft. Nicht zuletzt deshalb misslang die Landung in der Schweinebucht ( seinerzeit die ärmste Gegend Kubas ). Da sind Menschen auf offener Straße gestorben, weil es keine Gesundheitversorgung gab. In der Situation hätte Amerika das Gespräch mit der Opposition suchen sollen. Da hätten sie noch viel lernen können.
3. verwunderlich
rainer60 22.03.2016
es ist, meiner Meinung nach, doch schon sehr verwunderlich wenn ausgerechnet die USA menschenrechtsfragen an kuba stellt. ausgerechnet das land das in guantanamo die Menschenrechte mit fuessen tritt.
4. Guantanamo
sogehtdasnicht 22.03.2016
Das klang jetzt leider nicht so, als ob die US-Starjournalisten die Gelegenheit genutzt haben, Obama nach der Schließung und Räumung von Guantanamo zu fragen. Aber Menschenrechte auf KUBA... Bacardi zittert wohl schon vor dem Ende des Boykotts von kubanischem Rum. Vielleicht hängt das Ende der Sanktionen ja auch an solchen Kleinigkeiten. Nicht das die USA da noch auf entgangene Gewinne verklagt werden...
5. Kuba ähnelt sehr den USA - aber viel ärmer
ex rostocker 22.03.2016
Vorbildliche Gesundheitsversorgung in Kuba? Die staatliche Vorsorge ist so gering, dass selbst für simpelste Behandlungen, Medikamente und Krankenhausaufenthalte harte US-Dollars nötig sind. Eine Gesundheitsversorgung, die nur Kopfschmerztabletten bei einer Lungenentzündung bietet, ist nicht besser als die für Nichtversicherte in den USA. Und die Ärzte soweit nicht längst in die USA geflüchtet, arbeiten in Angola und Simbabwe - in Kuba selbst herrscht völliger Ärztemangel.
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Bevölkerung: 11,238 Mio.

Hauptstadt: Havanna

Staats- und Regierungschef: Raúl Castro

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