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Obama und Ferguson-Unruhen: Der geplatzte Traum des Barack Obama

Von , New York

Unruhen in Ferguson: Obama, Mahner in Chief Fotos
AP

Die USA machen die schwerste Rassenkrise seit Generationen durch. Nur Präsident Obama, einst Symbol einer postrassistischen Nation, spielt dabei keine Rolle mehr - er hat seine gesellschaftliche Autorität verloren.

Barack Obama war im Urlaub, als der schwarze Teenager Michael Brown von einem weißen Polizisten erschossen wurde. Während in Browns Heimatort Ferguson in Missouri tagelange Rassenunruhen ausbrachen, spielte der erste afroamerikanische US-Präsident auf der Prominenteninsel Martha's Vineyard Golf.

Erst nach einer Woche verließ Obama seine Sommerfrische und kehrte kurz nach Washington zurück, um im Weißen Haus vor die obligatorischen TV-Kameras zu treten. Tags darauf war er schon wieder in Massachusetts.

Und keiner hat's gemerkt.

In den USA schwelt die schwerste Rassenkrise seit Generationen. Nur der vor fast sechs Jahren als Symbol einer postrassistischen Nation gewählte Obama spielt dabei kaum mehr eine Rolle. Er hat seine Stimme verloren, seine Autorität in der gesellschaftlichen Debatte, die er einst beherrschte, personifizierte und, so die Hoffnungen, beenden sollte.

Die postrassistische Vision blieb Illusion - und Obama schrumpfte zur Fußnote eines Traums.

Niemand hört mehr zu

Sein 27-Minuten-Auftritt vom Montag war das übliche Ritual eines Mahners in Chief, der mit klinischem Feinschliff den Eindruck politischer Kontrolle vorgaukelte. Obama hielt sich an die Fakten, vermied Emotionen, zeigte Verständnis für die "erhitzten Gemüter" und tadelte sowohl "exzessive Polizeigewalt" wie die sporadischen Plünderungen. Er schickte Justizminister Eric Holder nach Ferguson, statt selbst zu fahren. Er trat keinem zu nahe, ob schwarz oder weiß.

Unweigerliche Folge: Seine Worte verhallten.

Das liegt nicht nur daran, dass diese sich in ihrer vorsichtigen Ausgewogenheit neutralisierten, wie Komplementärfarben zu bedeutungslosem Grau. Oder daran, dass das Weiße Haus sie im Doppelpack feilbot: "Update zum Irak und der Situation in Ferguson", hieß die Ankündigung an die Medien. Irak, Ferguson: Alles gleich - samt der Bilder der aufmarschierenden Nationalgarde.

Es liegt auch daran, dass keiner Obama mehr zuhört. Erneut stirbt ein Schwarzer von Hand eines Weißen, erneut kondoliert, klagt, beruhigt der Präsident, erneut tut sich nichts.

Dabei verlangt das Déjà-vu von Ferguson Empörung, wenn nicht Wut, wie sie der schwarze Bürgerrechtler Al Sharpton zeigte. Er hat den Fall Michael Brown zum neuen Schlachtruf seiner alten Bewegung gemacht. Obamas Hautfarbe dagegen hindert ihn: Er wagt es nicht, die Stimme zu erheben, aus Angst, als "angry black man" zu gelten - das Gruselbild aller Ignoranten des Ku-Klux-Klans.

Versöhnender Einfluss "beschränkt"

Das war im Wahlkampf 2008 noch anders, als Obama nach langem Zaudern eine bewegende Grundsatzrede zum Rassismus hielt, gesprenkelt mit persönlichen Anekdoten. Es war sein bis heute bester Moment, der ihm die Präsidentschaftsnominierung garantierte.

Fünf Jahre später widmete Obama dem erschossenen Teenager Trayvon Martin den Satz: "Das hätte mein Sohn sein können." Und später sogar: "Trayvon Martin hätte ich vor 35 Jahren sein können." Da hatte sich das Blatt aber längst gewendet: Die Äußerungen vertieften die Kluft zwischen den Fronten.

Mehr noch: Obama ist heute so unbeliebt, seine Einmischung verschärft jeden Streit. Der Politologe Michael Tesler hat ermittelt, dass allein die Erwähnung Obamas die Bevölkerung polarisiert. Das Meinungsforschungsinstitut Gallup listet ihn sogar als den am stärksten polarisierenden US-Präsidenten seit 1984.

Seine Reden, einst seine Stärke, sind nun seine Schwäche. Sein versöhnender Einfluss sei deshalb nur noch "beschränkt", gerade in Rassenfragen, findet Brendan Nyhan vom Dartmouth College in der "New York Times".

Ein tragisches Ende: Der Mann, der antrat, das Land zu einen, spaltet es - und macht sich notgedrungen leise, abwägend, unsichtbar. Dies sei Obamas "Preis der Präsidentschaft", schreibt Ezra Klein auf der Newssite "Vox": "Das einzigartige Talent zu opfern, das ihn überhaupt erst zum Präsidenten machte."

Lesen Sie hier eine Chronologie der Ereignisse in Ferguson.

Chronologie

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 171 Beiträge
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1. Er hat leider so oft gelogen,
alexxa2 20.08.2014
dass die eigenen Bürger ihm nicht mehr glauben. Ich frage mich immer noch ob er alles freiwillig macht, oder selber unter Druck ist...
2. Wie könnte ein einziger Mann (Obama)...
otzer 20.08.2014
die Probleme eines 320-Millionen-Staates lösen?
3. Ein begnadeter Redner ist ...
jenli 20.08.2014
... noch lange nicht ein guter Präsident. Und Obama hat viel getan, um die US-Gesellschaft weiter zu polarisieren. Seine Position zum Klimawandel und den Regulierungen der EPA hat ihn für viele US-Amerikaner zum linken Weltverbesserer gemacht, der amerikanische Interessen an das IPCC verkauft. Heute ist Georg W. Bush wieder beliebter bei den Amerikanern, als Barrack Obama.
4. Was erlauben Obama?
fleischwurstfachvorleger 20.08.2014
Leider hat Obama zu viele Skrupel. Er hat sich mit der NRA angelegt und verloren. Er hat sich mit den Republikanern angelegt und nicht gewonnen. Er hat sich mit der Tea-Party angelegt und nicht gewonnen. Er hat, vor allen Dinge, in der Zeit, in der die Demokraten in beiden Häusern die Mehrheit hatten, versäumt, Pflöcke in den Boden zu rammen. Er ist zum Friedensnobelpreis-Weichei mutiert, welches sich von CIA und NSA in Stellvertreterkriege hetzen lässt. Er mordert stellvertretend außerhalb der USA, weil er das morden innerhalb der USA nicht verhindern kann. Ein schwacher Präsident, aber besser als Bush Senior und Junior. Und wir wissen nicht, welcher Präsident(in) uns als nächstes blüht.
5. Schwerste Rassenkrise seit Generationen?
westerwäller 20.08.2014
'Ne Nummer kleiner habt ihr's nicht? Bei Generationen (Mz.!) reden wir immerhin von 50+ Jahren .... Nur weil ein paar Hundert Verrückte in einer Kleinstadt ausflippen?
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Fläche: 9.833.517 km²

Bevölkerung: 318,857 Mio.

Hauptstadt: Washington, D.C.

Staats- und Regierungschef: Barack Obama

Vizepräsident: Joseph R. Biden

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