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Rede an die Nation: Obamas wichtigste Waffe wirkt nicht mehr

Von , New York

Wenn der US-Präsident im Oval Office spricht, ist die Lage ernst: Barack Obama hat auf den Anschlag von San Bernardino reagiert. Früher konnte er mit einer einzigen Rede die Welt bewegen - jetzt wirken seine Worte hilflos.

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Ein festlicher Abend sollte es werden im Weißen Haus. Dutzende Stars waren eingeladen, man wollte die Empfänger der Kennedy Center Honors feiern, eine hohe Auszeichnung für US-Künstler. George Lucas, Steven Spielberg, Martin Scorsese und viele andere waren da: Der East Room, mit Christbäumen geschmückt, wimmelte vor Hollywood-Prominenz.

Barack Obama begrüßte seine Gäste mit einer launigen Rede, die Amerikas Errungenschaften pries, das Land, seine Kultur. Und dann, nach einer Runde Smalltalk, verschwand er auch schon wieder.

Wenig später stand der Präsident im Oval Office und wandte sich ans Volk - diesmal war es ihm bitterernst: "Ich möchte mit Ihnen über diese Tragödie reden, die Bedrohung durch den Terrorismus und darüber, wie wir unser Land sichern können."

"Diese Tragödie" ist der Anschlag im kalifornischen San Bernardino, bei dem 14 unschuldige Amerikaner starben - der tödlichste Terrorakt in den USA seit 9/11. Seither beherrscht hier nichts anderes die Schlagzeilen: Wer waren die zwei Täter, das Ehepaar Syed F. und Tashfeen M.? Was war ihr Motiv? Warum konnte M. - wie Obama es erstmals formulierte - unbemerkt "den dunklen Pfad der Radikalisierung einschlagen"?

Vier Tage lang hatte sich Obama dazu weitgehend bedeckt gehalten, während immer deutlicher wurde, dass dies wohl viel mehr war als ein Amoklauf, sondern Terrorismus. Die Bluttat eines Duos, von dem zumindest einer mit der Terrormiliz "Islamischer Staat" sympathisierte.

Angesichts der Verunsicherung der Öffentlichkeit blieb Obama keine andere Wahl, als sich an die Nation zu wenden. Zu lapidar waren seine bisherigen Stellungnahmen, zu routiniert und nur auf den US-Waffenwahn bezogen. Doch statt um ein weiteres Shooting handelt es sich bei San Bernardino um einen Terrorakt von neuer Qualität: der IS - auf amerikanischem Boden?

Die Kulisse für Obamas Rede ist deshalb dramaturgisch bedeutsam: Das Oval Office war schon oft Schauplatz historischer Reden. Obama selbst hat es dafür zuvor erst zweimal eingesetzt - während des Öldesasters im Golf von Mexiko und zum Ende des Irak-Kriegs. Und nun also nach San Bernardino.

"Dies war ein Terrorakt"

Viel Neues hatte der Präsident freilich nicht zu sagen. "Bislang haben wir keine Beweise dafür, dass die Killer von einer Terrororganisation aus Übersee gesteuert wurden", sagte Obama. Doch sei inzwischen klar, dass sie einer "pervertierten Interpretation des Islams" gefolgt seien, "die zum Krieg gegen Amerika und den Westen aufruft. Dies war ein Terrorakt mit der Absicht, unschuldige Menschen umzubringen."

So explizit hatte Obama das noch nicht gesagt - offenbar wollte er der Kritik entgegentreten, er verkenne den Ernst der Lage. Zugleich ist die Katze aus dem Sack: Eine Terrorzelle im kalifornischen Idyll - vorbei die Illusion, wenigstens hier sei man sicher vor dem IS.

Obama sprach von einer "neuen Phase" des Terrorismus. Eine neue Strategie dagegen bot er allerdings nicht an. Stattdessen wiederholte er die alten Rezepte: Luftschläge, Training örtlicher Truppen, Finanzsanktionen gegen den IS - und bloß keine US-Bodentruppen.

Dabei ist dieser Ansatz allen Beteuerungen zum Trotz generell erfolglos geblieben: Der IS, gestand Generalstabschef Joseph Dunford neulich vor dem Kongress, sei keineswegs so eingedämmt, wie es Obama noch kurz vor San Bernardino behauptet hatte.

Auch US-Heimatschutzminister Jeh Johnson forderte in einem Interview mit der "New York Times" "einen völlig neuen Ansatz" gegen den IS. Den bleibt Obama weiter schuldig - er appelliert lieber an diffuse Gefühle. Motto: Fürchtet euch nicht. "Der Terrorismus ist eine echte Bedrohung", sagte er, "doch wir werden sie überwinden."

Hoffnung, dass US-Regierung diese Gefahr in den Griff bekommt, sinkt

Solche Worthülsen ziehen hier freilich längst nicht mehr. Das Vertrauen der Amerikaner in das ratlose, machtlose Washington ist zerrüttet: Umfragen zeigen, dass die Terrorangst wächst - die Hoffnung, dass die US-Regierung diese Gefahr noch in den Griff bekommt, sinkt.

Kein Wunder, dass die Unsicherheit schnell in Hysterie umschlägt - und sich die Ressentiments vor allem gegen Flüchtlinge und Muslime richten. Im Vorwahlkampf versteigen sich besonders die US-Republikaner, angeführt vom Demagogen Donald Trump, zu immer krasseren Tiraden gegen alle, die anders sind als sie selbst.

Obama versucht dagegenzuhalten. Zwar forderte er Muslime in seiner Rede auf, stärker gegen Radikale in ihren eigenen Reihen vorzugehen, warnte jedoch vor einer Verteufelung der Glaubensrichtung: "Wir dürfen uns nicht gegeneinander wenden und zulassen, dass dieser Kampf als ein Krieg zwischen Amerika und dem Islam definiert wird."

13 Minuten dauerte Obamas Auftritt nur, das war kürzer als seine Lobesworte für die Kennedy-Geehrten. Danach warf er sich in einen Smoking, um an der Gala im Kennedy Center teilzunehmen. Er habe die Feier genossen, war danach zu hören.


Zusammengefasst: In seiner Rede an die Nation wertet US-Präsident Obama den Anschlag von San Bernardino explizit als Terrorakt. Im Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" will er an seiner Strategie festhalten: Luftschläge, Training örtlicher Truppen, Finanzsanktionen gegen den IS. US-Bodentruppen lehnt er ab.

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insgesamt 110 Beiträge
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1. Doppelmoral!
lillime2 07.12.2015
Er wirkt so hilflos wie alle westlichen Regierungen, weil sie die Financiers und Unterstützer dieser Terrorgruppe weiter schützen, Türkei und Saudi-Arabien. Das ist das Dilemma des Westens. Der normale "dumme" Bürger durchschaut bzw. merkt diese Doppelmoral. ISIS ist im Gewissen Sinne "hausgemacht". Öffentlich zugeben möchte Obama seine Fehler wohl nicht.
2. Aufrüstung
glasperlenspieler 07.12.2015
Es ist verständlich, dass Worte nichts bewirken. Der Bürger spürt die reale Gefahr und hat das Bedürfnis, sich aufzurüsten, wenn der Staat keinen Schutz mehr bietet sondern selbst zur Gefahr wird.
3. Wie hätte er es denn
linoberlin 07.12.2015
sonst machen sollen? Wir müssen uns langsam damit abfinden, dass wir die letzten Monate erleben, in denen die USA einen besonnenen Präsidenten an ihrer Spitze haben.
4. Ach wie Traurig!
Shantam 07.12.2015
Was werden die Menschen auf diesem Planeten, diese Reden, vermissen! Im Nahmen des Terrors, sind diese Anschläge, natürlich zu vergelten! Eventuell jetzt den Irak bombardieren! Im Nahmen der Gerechtigkeit ist es nur gut einige Unschuldige jetzt zur Rechenschaft zu ziehen!
5.
denn76 07.12.2015
Kurz vor dem Amoklauf/Terrorangriff postet die Ehefrau also noch mal schnell bei Facebook, und bekundet die Treue zum IS. Finde ich ähnlich merkwürdig wie den syrischen Pass, den man als Selbstmordattentäter wohl immer dabei haben muss. Die reale Gefahr, von der örtlichen Polizei in den USA erschossen zu werden, ist übrigens um ein hundertfaches höher als Opfer eines islamistischen Anschlags zu werden.
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Fläche: 9.833.517 km²

Bevölkerung: 318,857 Mio.

Hauptstadt: Washington, D.C.

Staats- und Regierungschef: Barack Obama

Vizepräsident: Joseph R. Biden

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