Anschläge in Spanien Terror mit drei Lieferwagen und 120 Gasflaschen

Die Strukturen der Terrozelle von Barcelona werden deutlicher. Mit mindestens 120 Gasflaschen planten ihre Mitglieder offenbar eine noch viel verheerendere Attacke. Der Hauptverdächtige ist weiter auf der Flucht.

Verdächtiger in Cambrils
AFP

Verdächtiger in Cambrils


Auch drei Tage nach dem Terroranschlag von Barcelona sind noch viele Fragen offen - besonders die nach dem Haupttäter. Mittlerweile konzentriert sich die Fahndung auf den 22-jährigen Younes Abouyaaqoub. Er könnte auf dem Boulevard Las Ramblas einen Lieferwagen in die Menschenmenge gelenkt und damit 13 Menschen getötet haben. Mehr als 120 wurden verletzt.

Nach Abouyaaquoub werde weiter gefahndet, sagte der katalanische Polizeichef Josep Lluis Trapero. Er könne bislang nicht bestätigen, dass er den Lieferwagen gesteuert habe. "Wir wissen nicht wo der Fahrer ist." Trapero wollte nicht ausschließen, dass sich Abouyaaquoub ins benachbarte Frankreich abgesetzt hat.

Younes Abouyaaqoub
AFP/ Mossos d'Esquadra

Younes Abouyaaqoub

Die Behörden gehen davon aus, dass hinter der Tat eine größere Gruppe stand, von der aber keine Gefahr mehr ausgeht. "Wir können sagen, dass die Zelle von Barcelona total zerschlagen ist", sagte Innenminister Juan Ignacio Zoido am Samstag.

Die Polizei spricht von einer zwölfköpfigen Gruppe. Fünf der mutmaßlichen Attentäter seien bei dem Anti-Terror-Einsatz in der Stadt Cambrils getötet worden. Vier wurden demnach verhaftet, drei weitere identifiziert (siehe Übersicht am Ende des Textes). Neben der Flaniermeile Las Ramblas und dem Küstenort Cambrils konzentrieren sich die Ermittlungen auch auf die Ortschaft Alcanar.

Die Explosion in Alcanar

Explosionsort in Alcanar
Bombers De La Generalitat/ Europa Press/ DPA

Explosionsort in Alcanar

Einige Mittäter starben möglicherweise bereits am Mittwoch bei einer Explosion in Alcanar etwa 200 Kilometer südlich von Barcelona. Den Behörden zufolge handelte es sich dabei wahrscheinlich um den missglückten Versuch, eine Bombe zu bauen. Die Terrorzelle habe in dem Haus mindestens 120 Gasflaschen für "einen oder mehrere Anschläge" in der katalanischen Hauptstadt gehortet, teilte die Polizei am Sonntag mit.

In den Überresten des Hauses haben die Behörden mindestens zwei Getötete identifiziert. Zu ihrer Identität machten sie zunächst keine weiteren Angaben. Laut früheren Informationen könnten bis zu drei Personen ums Leben gekommen sein.

Die toten Terroristen von Cambrils

Langsam wird klarer, unter welchen Umständen fünf der Verdächtigen am Donnerstag im Küstenort Cambrils von der Polizei getötet wurden. Allein vier von ihnen erschoss laut einem Bericht der Zeitung "El Mundo" ein einzelner Beamter der sogenannten Mossos d'Esquadra. Die katalanische Polizeitruppe geriet in der Vergangenheit wiederholt wegen Übergriffen in die Schlagzeilen, mehrere Beamte wurden wegen Folter zu Gefängnisstrafen verurteilt.

Chronologie der Ereignisse

Der Beamte in Cambrils wurde dem Bericht zufolge in der früheren spanischen Fremdenlegion (Legión Espanola) ausgebildet, was entscheidend für seine Reaktion gewesen sei. Er entspreche aber "nicht dem Prototyp eines Rambos in einer Eliteeinheit", sondern arbeite in einer Gruppe im benachbarten Tarragona, die dort normalerweise Feierlichkeiten und Läden bewache. Am Tag des Terroreinsatzes habe der Polizist Überstunden gemacht, um sein Gehalt aufzubessern. Die Sicherheitskräfte im Küstengebiet waren aufgrund der erhöhten Terrorwarnung aufgestockt worden.

In Cambrils waren die Terroristen mit einem Audi A3 in eine Polizeikontrolle geraten und geflüchtet, dabei wurde eine Passantin tödlich verletzt. Nachdem sich das Auto überschlagen hatte, versuchten die Insassen zu Fuß zu flüchten, wobei sie Stichwaffen und Sprengstoffattrappen trugen. Vier von ihnen wurden an Ort und Stelle erschossen, ein fünfter etwa 500 Meter weiter an der Küstenpromenade gestellt.

Ein offenbar von Touristen gefilmtes Video zeigt, wie Beamte aus wenigen Metern Entfernung mehrfach auf den Mann schießen und ihn auffordern, sich auf den Boden zu legen. Als er dennoch versucht, eine Straße zu überqueren, treffen ihn drei weitere Schüsse und er bleibt reglos liegen.

Die mutmaßlichen Mitglieder der Zelle im Überblick

Die Zeitung "El País" veröffentlichte mittlerweile Details zu allen Getöteten und sieben weiteren mutmaßlichen Mitgliedern der Terrorzelle:

In Cambrils getötet

Moussa Oukabir stahl seinem älteren Bruder Driss laut dessen Angaben den Pass und soll damit jenen Fiat-Lieferwagen angemietet haben, der für die Attacke auf den Ramblas verwendet wurde. Der 17-Jährige galt zunächst auch als Fahrer, der Polizei zufolge fanden sich dafür aber bislang keine ausreichenden Beweise.

Mohamed Hichamy war offenbar an der Anmietung der Tatfahrzeuge beteiligt. Nach bisherigen Angaben nutzte die Zelle bei Planung und Durchführung des Anschlags mindestens drei Lieferwagen.

Omar Hichamy war der Bruder von Mohamed und minderjährig. Die Brüder gehörten zu einer Gruppe von Freunden in der Kleinstadt Ripoll, die sich möglicherweise unter Einfluss des Imams Abdelbaki Es Satty radikalisierten. (Lesen Sie hier mehr über die Situation in Ripoll).

Im Video: SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent Steffen Lüdke:

SPIEGEL ONLINE

Said Aalla gehörte eine Kreditkarte, die in einem in Cambrils zurückgelassenen Lieferwagen gefunden wurde. Er war der Bruder von Yousseff und Mohammed, Letzterer wurde in Ripoll festgenommen.

Houssaine Abouyaaqoub war der Bruder von Younes Abouyaaqoub, dem mutmaßlichen Fahrer des Lieferwagens in Barcelona.

Auf der Flucht oder in Alcanar getötet

Youssef Aalla reiste im Dezember 2016 mit Mohamed Hichamy nach Zürich. Er war möglicherweise am Bombenbau beteiligt.

Abdelbaki Es Satty könnte als ehemaliger Imam von Ripoll für die Radikalisierung der Jugendlichen verantwortlich sein.

Younes Abouyaaqoub gilt derzeit als Hauptverdächtiger für den Anschlag in Barcelona. Drei verwendete Lieferwagen wurden mit seiner Kreditkarte gemietet.

Festgenommen

Driss Oukabir ist der Bruder von Moussa, der ihm seinen Pass gestohlen haben soll.

Mohammed Aalla stellte sich den Behörden. Er ist der Besitzer des Audi A3, mit dem die Gruppe in Cambrils unterwegs war. Mohammed ist der Bruder des in Cambrils getöteten Said und von Youssef, der mutmaßlich am Bombenbau beteiligt war.

Mohamed Houli Chemlal wurde bei der Explosion in Alcanar verletzt und festgenommen.

Salh El Karib betreibt einen Callshop in Ripoll. Zu seiner Rolle gibt es noch keine Angaben.

dab/AP/dpa/Reuters

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Seite 1
taglöhner 20.08.2017
1.
Etwas beunruhigend, eine solch umfangreiche Vernetzung ohne auffällig zu werden.
schulz-fan 20.08.2017
2.
Mir ist nicht klar, warum auf einen wehrlosen Mann, nachdem er bereits von drei Kugeln getroffen war, weitere - tödliche - Schüsse abgefeuert wurden. Es muß erlaubt sein, diese Frage zu stellen. Auch angesichts des schrecklichen Verbrechens der Terroristen dürfen wir nicht die Augen verschließen vor möglichen Überreaktionen der Polizeikräfte.
Maler 20.08.2017
3.
Zitat von taglöhnerEtwas beunruhigend, eine solch umfangreiche Vernetzung ohne auffällig zu werden.
Wohl wahr. Man weiss einfach zuwenig darüber, wie viel Hass in (manchen) Moscheen verbreitet wird. Da ist sicher mehr im Busch als manchem lieb sein wird zu erfahren. Das europaweit (nach veröffentlichten Unfragen) grob 25 oder 30% der Muslime (bei jungen Männern deutlich mehr) Verständnis für Anschläge zeigen ist erschreckend, wird aber leider allzu gern unter den Tisch gekehrt. Es ist mir mittlerweile vollkommen unverständlich wie ängstlich dennoch unsere Politiker dieses Thema angehen. Kopf in den Sand - auch nach dem nächsten, übernächsten, überübernächsten Mal?
alice-b 20.08.2017
4. Und jetzt
Und jetzt kommt die deutsche Presse und schreibt was die Polizei falsch gemacht hat, bzw. besser hätte machen müssen. Ja, aus dem gemütlichen Büro, und die Fakten in einer Stunde und mehr, immer wieder in Ruhe gelesen, da kommen andere Sichtweisen zum tragen. Aber die Polizisten mussten Vorort sofort entscheiden.
mps58 20.08.2017
5. Mein Dank an den Polizisten
Auch wenn der Autor es nicht lassen kann, den Polizisten in ein zwielichtiges Licht zu setzen, ich möchte ihm danken für eine großartige Leistung. Bei jemandem der eine Sprengstoffweste trägt, ob Attrappe oder echt, schießt man nicht um zu verletzen, sondern um größeren Schaden für Unbeteiligte abzuwenden.
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