Terrornetzwerk von Barcelona Haupttäter könnte noch auf der Flucht sein

Wer steuerte beim Anschlag in Barcelona den Lieferwagen? Die Polizei hat Zweifel, ob es der bislang Verdächtigte aus dem Terrornetzwerk war. Sie fahndet jetzt nach einem 22-Jährigen, der sich womöglich nach Frankreich abgesetzt hat.

Polizist am Strand von Barcelona
REUTERS

Polizist am Strand von Barcelona


Der Haupttäter der Terrorattacke von Barcelona ist möglicherweise noch nicht gefasst. Die katalanische Polizei bezweifelt, dass der bisherige Hauptverdächtige Moussa Oukabir tatsächlich der Fahrer des Tatfahrzeugs war.

"Es ist eine Möglichkeit. Aber zu diesem Zeitpunkt (...) verliert sie an Gewicht", sagte der katalanische Polizeichef Josep Lluís Trapero am Freitagabend. Es gebe derzeit keine "ausreichenden Beweise", dass Oukabir den Lieferwagen auf der Touristenmeile Las Ramblas in Passanten gesteuert habe.

Der 17 Jahre alte Oukabir war nach Angaben der Polizei zusammen mit vier anderen Verdächtigen in der Nacht zum Freitag bei einem Anti-Terror-Einsatz in Cambrils rund 100 Kilometer südlich von Barcelona erschossen worden. Offen ist laut Trapero, wie er nach der Tat von Barcelona nach Cambrils gelangt sein könnte.

Fahndung nach 22-Jährigem

Medienberichten zufolge richtet sich die Aufmerksamkeit der Polizei nun auf Younes Abouyaaquoub, einen derzeit flüchtigen 22 Jahre alten Marokkaner. Dabei handele es sich um den Bruder eines der getöteten Terrorverdächtigen von Cambrils. Demnach stammt er aus Ripoll rund 100 nördlich von Barcelona.

Der Gesuchte war unbestätigten Berichten zufolge möglicherweise Richtung Frankreich unterwegs und könnte die Grenze bereits passiert haben. Die spanischen Behörden hätten einen Renault Kangoo als mögliches Fluchtfahrzeug identifiziert, berichtete die Nachrichtenagentur AP unter Berufung auf einen französischen Behördenvertreter. Am frühen Samstagmorgen durchsuchte die Polizei in den nordkatalanischen Städten Girona und Garrigas zwei Busse, allerdings ohne Ergebnis.

"IS" reklamiert Anschlag für sich

Bei der Attacke in Barcelona am Donnerstag waren mindestens 13 Menschen getötet worden, in Cambrils starb eine Frau. Die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) reklamierte die Attacke von Barcelona am Samstag für sich. Mehrere Glaubenskämpfer hätten sie in zwei Gruppen ausgeführt und "Kreuzfahrer" ins Visier genommen, teilte der IS in einer Erklärung über das Internet mit. Bisher war das IS-Bekenntnis nur von seinem Sprachrohr Amak verbreitet worden.

Die Ermittler gehen derzeit von einem Netzwerk von zwölf Verdächtigen aus. Fünf von ihnen wurden in Cambrils getötet, vier wurden festgenommen. Drei weitere sind noch nicht gefunden. Der spanische Innenminister Juan Ignacio Zoido sagte dennoch am Samstag, man halte die Terrorzelle für zerschlagen.

Größeres Attentat durch Explosion vereitelt?

Die Zelle soll den Anschlag auf dem Boulevard Las Ramblas in Barcelona und den vereitelten Anschlag von Cambrils in einer Wohnung im südkatalanischen Küstenort Alcanar geplant haben. Dort war wo es bereits am Mittwoch zu einer Explosion gekommen.

Dabei könnten ein oder zwei Verdächtige umgekommen sein. Die Beamten vermuten, dass die Gruppe in Alcanar Sprengstoff für ein größeres Attentat vorbereitet hatte und dies durch eine versehentliche Explosion vereitelt wurden. Deshalb könnten sich die Täter stattdessen zur Attacke mit Fahrzeugen enschieden haben. Die katalanische Polizei teilte am Samstag auf Twitter mit, dass sie in Alcanar kontrollierte Explosionen durchführe.

Im Video: Die Erei gnisse im Überblick

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Am Samstagmorgen durchsuchten Beamte in der Stadt Ripoll nördlich von Barcelona das Haus eines Imams. Die Sicherheitskräfte hätten nach DNA-Spuren gesucht, berichtete die Zeitung "El País" unter Berufung auf Polizeikreise. Es gebe die Vermutung, dass es sich bei einer der beiden Leichen, die in Alcanar gefunden worden waren, um den muslimischen Geistlichen handeln könnte.

Zwölf Verletzte in kritischem Zustand

Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) legte am Samstag weiße Rosen am Tatort in Barcelona nieder. Er hatte bereits am Freitag ein Krankenhaus besucht und mit einer verletzten Deutschen sowie Angehörigen gesprochen.

Insgesamt befanden sich laut den katalanischen Notfalldiensten am Samstag noch 54 Menschen im Krankenhaus. Zwölf Patienten seien in kritischem Zustand, 25 weitere schwer verletzt. Nach Angaben des Auswärtigen Amtes wurden 13 Deutsche verletzt, einige von ihnen lebensgefährlich.

Seit vergangenem Sommer war es in Europa wiederholt zu Anschlägen mit Fahrzeugen gekommen. Auch bei einer Messerattacke im finnischen Turku am Freitag geht die Polizei mittlerweile von einem terroristischen Hintergrund aus.

dab/dpa/AP

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unixv 19.08.2017
1. womöglich nach Frankreich?
oder Deutschland oder Finnland? wer weiß das schon. Die Deutschen oder EU Behörden, schon mal nicht! Wird Zeit, das die sich jetzt nach Jahren endlich mal auf VERSTÄNDIGUNG unter den EU und Länder-Behörden einigen! Austausch, der Behörden aller EU-Länder, so wichtig wie nie, da könnte die Ehe-Für -Alle mal ein Beispiel sein, wie schnell doch die Politik-Darsteller sein können, wenn sie dann mal wollen! Gebt Gas ihr Diäten-Empfänger, gebt Gas! Da stecken wir auch gerne, bei Sicherheit, Infrastruktur , Wohnungsmangel, Arbeitsplatzmangel und arme Kinder und Rentner zurück, macht endlich was!
hassowa 19.08.2017
2. Die spannende Frage an diesem Punkt ist ja
Wie konnte sich der potenzielle Haupttäter nach der Tat problemlos nach Frankreich absetzen? Und genau hier fängt das Problem des europäischen Terrorismus an. Internationale Terroristen sind die Profiteure der grenzenlosen Reisefreiheit in der EU.
Profdoc1 19.08.2017
3. Nr. 1 UNIXV
Sie sind naiv. Nicht, weil Sie glauben, dass PolitikerInnen, wenn Sie handeln, etwas lösen können, sondern, weil Sie das Wesen des Terrors nicht wahrhaben wollen! Selbst wenn es den perfekten Austausch gäbe, lässt sich nicht sicherstellen, dass dadurch Terror gänzlich verhindert werden könnte. Es können zig Anschläge verhindert werden; es genügt, wenn einer gelingt. Finden Sie sich damit ab.
wortbändigerin 19.08.2017
4.
Das Schengener Abkommen ist meines Erachtens gescheitert und eine Rückkehr zu Grenzkontrollen innerhalb Europas scheint mir unumgänglich. Ich fürchte hierfür fehlen jedoch Personal, Geld und der politische Wille sich dieses Scheitern einer grundsätzlich schönen Idee einzugestehen.
Profdoc1 19.08.2017
5. @Nr. 2, naiv
Glauben Sie allen Ernstes, dass bei eigenstaatlichen Grenzen eine Flucht nicht passiert...... Sie sind naiv. Ich darf an die RAF, Brigade Rosse, etc. in den '70ern erinnern. Die haben die Länder wie ihre Unterwäsche gewechselt. Kleiner Tipp zum Ausprobieren. Fahren Sie mal z.B. zur deutsch-österreichischen Grenze, abseits der Hauptrouten, dann wissen Sie, was ich meine! Auch in den Zeiten vor EU. Das macht keinen Unterschied. Deshalb bitte erst reflektieren, bevor das EU-Geheul wieder losgeht.
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