Barcelona nach dem Anschlag "Liebe für alle, Hass für niemanden"

Angst oder Offenheit? Nach dem Anschlag müssen sich die Menschen in Barcelona entscheiden, wie sie auf die Tat radikaler Muslime reagieren. Eines scheint klar: Für den Hass der Rechten ist in der Stadt kein Platz.

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Aus Barcelona berichtet


Sie kommen mit Pappkartons und Fahnen, auf ihnen prangt das Lambda-Zeichen, das Symbol der rechtsextremen Identitären Bewegung. Gezielt stellen sich die Rechten dorthin, wo am Donnerstagnachmittag ein weißer Lieferwagen auf die Flanierstraße Las Ramblas in Barcelona eingebogen war und 13 Personen tötete.

Ihre Botschaft "Wir wollen keine Muslime hier." Hasserfüllt sind die Gesichter der rund ein Dutzend breitschultrigen Männer und der unscheinbaren jungen Frau. Immer wieder brüllen sie die Worte in den Himmel Barcelonas. Ihr Ziel: Den Terroranschlag nutzen, um Stimmung gegen Muslime machen.

Laut spanischen Medienberichten gehörten nach Erkenntnissen der Polizei zwölf Menschen der Terrorzelle an, die für die Anschläge in Barcelona und dem kleinen Touristenort Cambrils verantwortlich ist. Wer den weißen Lieferwagen gefahren hat, ist noch unklar. Offenbar sind alle bisher Verdächtigen marokkanischer Herkunft.

Damit ist eingetreten, wovor Experten gewarnt hatten. Spanien hat schon lange ein Problem mit radikalisierten Muslimen aus dem nordafrikanischen Land. "Barcelona ist zentraler Schauplatz der Dschihadisten-Szene in Spanien", schreibt der Politikwissenschaftler Fernando Reinares in der spanischen Zeitung "El País". Jeder vierte der in Spanien verhafteten Salafisten oder Dschihadisten habe sich in der Provinz Barcelona radikalisiert.

Für die stolzen Katalanen ist das keine erfreuliche Erkenntnis. Sie mussten sich nach dem Anschlag entscheiden, wie sie dem Terror entgegentreten wollten. Und ihre Antwort ist eindeutig. "Wir haben keine Angst", rufen sie am Freitag zu Tausenden. Unter denen, die die Rechtsradikalen vertreiben, sind nicht nur Antifaschisten, sondern auch eine ältere Großmutter, die immer wieder so laut "Nazis no" und "Faschisten raus aus unserem Viertel" brüllt, dass selbst ein Polizist grinsen muss.

Von Stunde zu Stunde wird das Meer aus Trauerkerzen auf den Ramblas größer. Die berühmten menschlichen Statuen, die dort immer stehen, verteilen Rosen im Zeitlupentempo. An ein Infohäuschen kleben Spanier und Touristen Hunderte kleine Notizzettel, um so ihre Anteilnahme auszudrücken. Das beliebteste Motiv: "Liebe für alle, Hass für niemanden".

Eine Gruppe Muslime hat den Slogan sogar auf weiße Zettel gedruckt und hält sie im Zentrum der Stadt hoch. Viele Passanten umarmen sie spontan dafür. Die Katalanen zeigen, dass sie sich ihre liberale und multikulturelle Großstadt nicht kaputtmachen lassen wollen - auch wenn es schwerfällt.

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Nach dem Anschlag: Barcelona trotzt dem rechten Hass

Der Chef der linken spanischen Protestpartei Podemos, Pablo Iglesias, erinnert daran, dass Barcelona schon immer ein bisschen weltoffener war als der Rest des Landes. Auch die Bürgermeisterin Barcelonas hatte schon kurz nach dem Anschlag getwittert: "Barcelona, Stadt des Friedens. Der Terror hält uns nicht davon ab, zu sein, wer wir sind: weltoffen, mutig und solidarisch."

Selbst der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy und sein katalanischer Amtskollege Carles Puigdemont schafften es am Freitag, ein Bild der Einheit zu vermitteln - trotz notorisch schlechter Beziehungen zueinander.

Dass die bemüht positive Stimmung in Barcelona trotzdem nicht die ganze Wahrheit ist, zeigt sich auch im Internet: Auf Twitter trendete zwischenzeitlich der Hashtag "StopIslam". Unbekannte sprühten zudem Graffiti an die Wände einer Moschee in Montblanc in der Provinz Tarragona: "Ihr werdet sterben, verdammte Mauren."

Gemeint sind mit solchem fremdenfeindlichen Drohungen Menschen wie Said. Er stammt aus Marokko und arbeitet in einem der überteuerten Restaurants an den Ramblas. Seinen echten Namen möchte er lieber nicht nennen.

"Gestern habe ich am ganzen Leib gezittert, als die Menschen hier Zuflucht gesucht haben", sagt Said. "Ich fühle mich schrecklich."

Er wisse, welche Diskussionen ihm allein aufgrund seiner Herkunft wohl in den kommenden Monaten bevorstünden. Sein Argument: "Wenn ein Weißer einen Wagen in eine Menschenmenge steuert, heißt es oft, er sei verrückt. Ich sage: Derjenige, der gestern hier die Menschen überfahren hat, hat nichts mit dem Islam am Hut. Unter den Opfern sind Kinder. Das ist doch nicht mehr normal. Er muss verrückt sein!"



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