Erdogan und Assad Freunde, Feinde, Opportunisten

Der türkische Präsident Erdogan und Diktator Assad waren politische Partner, bevor sie im Syrien-Krieg zu Konkurrenten wurden. Nun könnten die Staatschefs wieder kooperieren, denn es gibt einen gemeinsamen Gegner.

Recep Tayyip Erdogan und Baschar al-Assad (2008)
REUTERS

Recep Tayyip Erdogan und Baschar al-Assad (2008)

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Sie nannten sich "Tayyip" und "Baschar", besuchten einander regelmäßig und verbrachten 2008 sogar einen gemeinsamen Urlaub im türkischen Badeort Bodrum. Der türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdogan und der syrische Präsident Baschar al-Assad pflegten eine Männerfreundschaft, wie sie in der internationalen Politik selten ist.

Es war eine Beziehung zu beiderseitigem Nutzen: Beide Regierungen schlossen ein Freihandelsabkommen, Syrer konnten visafrei in die Türkei reisen, im Gegenzug eröffneten türkische Geschäftsleute Unternehmen in Syrien.

Recep Tayyip Erdogan, Baschar al-Assad, Emine Erdogan und Asma al-Assad (2008 in Bodrum)
AFP

Recep Tayyip Erdogan, Baschar al-Assad, Emine Erdogan und Asma al-Assad (2008 in Bodrum)

Für Assad war Erdogan der Türöffner in Europa: Die guten Kontakte nach Ankara sorgten dafür, dass bald auch EU-Staaten wie Frankreich dem syrischen Diktator die Aufwartung machten. Im Gegenzug konnte sich Erdogans als Brückenbauer zwischen Europa und arabischer Welt inszenieren.

Erdogan betrachtete Assads Zurückweisung als Beleidigung

Mit Ausbruch des Aufstands gegen Assad war von dieser Freundschaft nicht mehr viel übrig. Erdogan nannte Assad einen "Massenmörder" und "Terroristen", Assad warf Erdogan vor, Dschihadisten in Syrien zu unterstützen. Der syrische Bürgerkrieg hat beide Staaten in den vergangenen Jahren wiederholt an den Rand einer militärischen Konfrontation geführt.

Nun aber nähern sich die Machthaber wieder an. Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu teilte zuletzt mit, man könne sich durchaus vorstellen, mit Assad zusammenzuarbeiten. Es wäre eine weitere spektakuläre Wende in dem bewegten Verhältnis zwischen den Nachbarn.

Als 2011 in Syrien die ersten Proteste gegen das Regime ausbrachen, drängte Erdogan Assad, Muslimbrüder in die Regierung zu holen. Für ihn galt die in Syrien verbotene Bruderschaft als natürlicher politischer Verbündeter, weil sie ideologisch einen ähnlichen Kurs vertritt wie Erdogans AKP. Ihm schwebte ein Modell nach ägyptischem Vorbild vor: Dort war die Muslimbruderschaft nach dem Sturz des Diktators Husni Mubarak zur dominierenden politischen Kraft aufgestiegen. Genau das war für Assad ein Horrorszenario. Er wies die Ratschläge aus Ankara brüsk zurück und entfachte stattdessen einen Krieg gegen sein eigenes Volk.

Erdogan, so sagen Vertraute, betrachtete Assads Zurückweisung als persönliche Beleidigung. Er vollzog eine erste, einschneidende Kurskorrektur: Sein Geheimdienst begann, Rebellen gegen das syrische Regime aufzurüsten. Darunter befanden sich radikale Islamisten.

Der türkische Präsident bestand auch dann noch auf einen Regierungswechsel in Damaskus, als Russland 2015 in den Krieg eingriff und das Kräfteverhältnis zugunsten Assads verschob. Mit einem Präsidenten, der "fast eine Million seiner eigenen Bürger ermordet hat", könne es keinen Frieden für Syrien geben, betonte Erdogan damals.

Erdogans Angst vor der YPG

In den vergangenen Monaten allerdings hat Erdogan immer seltener von einem Regimewechsel in Syrien gesprochen und Attacken gegen Assad vermieden. Das liegt aber weniger daran, dass er seine Meinung über den Diktator geändert hat, als vielmehr am Aufstieg einer dritten Partei - der kurdischen Miliz YPG.

Die YPG hat im Westen Anerkennung erfahren, indem sie gemeinsam mit den USA erfolgreich gegen die Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS) kämpfte. Sie kontrolliert inzwischen ein Drittel Syriens - darunter Gebiete, in denen Kurden nur eine Minderheit der Bevölkerung stellen. Erdogan betrachtet die Miliz als syrischen Ableger der Guerillaorganisation PKK, die von den USA und der EU als Terrororganisation eingestuft wird.

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Erdogans Prioritäten in der Syrien-Politik haben sich verschoben: Ihm geht es weniger darum, Assad loszuwerden, als vielmehr eine kurdische Autonomieregion unter Führung der YPG in Syrien zu verhindern.

Bereits vor einem Jahr marschierten türkische Soldaten in die syrische Stadt Afrin ein, die bis dahin unter der Herrschaft der YPG stand. Erdogan würde den Einsatz gerne auf den Nordosten ausdehnen, um in der Grenzregion eine sogenannte Pufferzone zu schaffen. Bislang scheiterte eine weitere Militäroperation der Türkei am Widerstand der USA, die die YPG als Partner im Kampf gegen den IS schätzt und Soldaten in der Region stationiert hat.

Seit US-Präsident Donald Trump jedoch im Dezember überraschend den Abzug seiner Truppen aus Syrien angekündigt hat, entscheidet sich die Zukunft der Kurden in Syrien nicht mehr Washington - sondern in Damaskus und Moskau.

Wettrennen zwischen der Türkei und der YPG

Russlands Präsident Wladimir Putin ist Assads wichtigster Verbündeter. Er sähe es gerne, wenn sein Protegé die Kontrolle über das gesamte syrische Staatsgebiet zurückerlangen würde, was eine dauerhafte Herrschaft der YPG ausschließt, jedoch auch den Handlungsspielraum der Türkei in Nordsyrien einschränkt.

Trumps Zick-Zack-Kurs in Syrien hat dazu geführt, dass zwischen der Türkei und der YPG ein merkwürdiges Rennen eingesetzt hat: Beide Parteien wetteifern, wer schneller einen Deal mit Putin und Assad schließen kann.

Die Kurden haben das syrische Regime bereits vor Wochen um Schutz vor der Türkei gebeten, um zumindest ein Stück Autonomie in der Region zu bewahren. Ein hochrangiger kurdischer Offizieller sagte laut des Portals "Al-Monitor" am Rande eines Washington-Besuchs diese Woche, dass sich kurdische Kämpfer der syrischen Armee anschließen könnten.

Kreml-Chef Putin wiederum hat bei einem Treffen mit Erdogan Ende Januar auf ein Abkommen verwiesen, das die Türkei und Syrien 1998 in der türkischen Stadt Adana geschlossen hatten. Darin verpflichtet sich die syrische Regierung, in ihrem Territorium gegen Kräfte, die die Türkei bedrohen, zu intervenieren.

Sollte der Adana-Deal wiederbelebt werden, würde das einen begrenzten Militärschlag der Türkei gegen die YPG in Nordsyrien legitimieren. Im Gegenzug müsste die türkische Regierung Diktator Assad als rechtmäßigen Herrscher über Syrien anerkennen. Es sieht so aus, als wäre Erdogan mehr und mehr bereit, diesen Schritt zu gehen.

insgesamt 33 Beiträge
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Seite 1
xtdrive 02.02.2019
1.
Man kann nur hoffen, dass es Syrien, Russland und die Türkei auf eine Regelung einigen können, die den Kurden eine gewisse Autonomie zuerkennt, diese haben sie sich verdient. Warum steht da eigentlich "Diktator" Assad. Diese Bezeichnung müsste dann ja wohl bei 50% aller Staatschefs dieser Welt jeweils beigefügt werden.
capote 02.02.2019
2. Intressen
Es gibt in der Politik keine Freundschaften, es gibt nur Interessen. Nachdem Assad nun weiss, was Erdowahn für ein fascher Fuffziger t, wird der sehr vorsichtig sein.
HeisseLuft 02.02.2019
3. So ca., und?
Zitat von xtdriveMan kann nur hoffen, dass es Syrien, Russland und die Türkei auf eine Regelung einigen können, die den Kurden eine gewisse Autonomie zuerkennt, diese haben sie sich verdient. Warum steht da eigentlich "Diktator" Assad. Diese Bezeichnung müsste dann ja wohl bei 50% aller Staatschefs dieser Welt jeweils beigefügt werden.
"Diese Bezeichnung müsste dann ja wohl bei 50% aller Staatschefs dieser Welt jeweils beigefügt werden." Hab jetzt nicht nachgezählt, könnte aber stimmen. Und?
MyMoon 02.02.2019
4. Geschichtsklitter
Der Artikel suggeriert das der Syrienkrieg allein auf Assad und Erdogan zurückzuführen wäre. Das ist schlichtweg falsch. Nicht Die Türkei hat die Rebellen alleine unterstützt gegen Assads regime. Nein, da war immer die USA und andere Staaten der EU sowie die Golfstaaten involviert. Der Syrienkrieg wäre auch schnell beendet gewesen wenn man "sofort" die sich gebildete Freie Syrische Armee voll unterstützt hätte, statt die Syrier alleine zu lassen. Die Unentschlossenheit Obamas und des Westens Assad wirlich zu stürzen hat dazu geführt das sich durch die Hilfe vom Golf radikale Milizen bilden und wachsen konnten. Auch hat das Assad in die Hände gespielt, und er hat zu beginn des Krieges nur die FSA und gemäßigte Rebellen bekämpft und mit dem IS eine Art Waffenstillstand gehabt. Das der Krieg so lange gedauert hat und so viele Opfer und Zerstörung verursacht hat ist sicher nicht Schuld der Türkei oder Assads allein. Die beiden sind doch im Prinzip fast die kleinsten Akteure. In Wirklichkeit ist der Syrienkrieg ein Stellvertreterkrieg der USA/EU gegen Russland/China. Es geht für Russland um den Hafen im Mittelmeer in Tartus und Militärstützpunkte und die USA um die Kontrolle allgemein des Nahen Ostens und der Welt (Vor allem wenn es im Interesse Israels ist).
N12724 02.02.2019
5. @xtdrive
Warum da Diktator steht?! Mhm weiß auch nicht vielleicht, weil dieser man chemische Kampfstoffe gegen sein eignes Volk eingesetzt hat und sich mit Hilfe des Militärs (und natürlich Russlands) an der Macht hält und gehalten hat. Sich seines eigenen Volkes rücksichtlos entledigt hat und diese eingesperrt hat und für tausende Tote und Geflüchtete verantwortlich ist. Haben sie den Artikel auch nur versucht zu lesen?
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