Assads Folterregime Verschwunden in Syrien

Unter dem Assad-Regime sind Tausende Menschen in Syrien einfach "verschwunden": Es fehlt von ihnen jede Spur, seit sie verhaftet wurden. Jetzt lässt sich rekonstruieren, was mit ihnen passiert ist.

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Human Rights Watch/ privat

Der Terror geschieht in diesem, von der Regierung kontrollierten Teil Syriens im Verborgenen. Menschen "verschwinden", wie es euphemistisch heißt: Sie werden verhaftet und weggebracht in geheime staatliche Folterkerker.

Über ihr Schicksal werden Angehörige und Freunde im Ungewissen gelassen. Es gibt keinen Haftbefehl und keinen Prozess, ja noch nicht einmal eine offizielle Bestätigung dafür, dass sie festgenommen wurden. Sie sind einfach verschwunden.

Wer sind die Menschen in den staatlichen Folterkerkern? Warum mussten sie verschwinden? Die Menschenrechtsorganisation "Human Rights Watch" (HRW) hat sich in einem am Mittwoch veröffentlichten Bericht die Geschichten von acht Verschwundenen genauer angesehen.

Sie sind gewissermaßen zufällig ausgewählt: Alle waren auf den Leichenfotos zu sehen, die ein syrischer Militärfotograf, bekannt unter seinem Pseudonym "Caesar", im August 2013 aus Syrien schmuggelte und die im März 2015 im Internet veröffentlicht wurden.

In 82 Interviews mit Verwandten, Freunden, ehemaligen Häftlingen und desertierten Sicherheitskräften konnte HRW ihre Geschichten rekonstruieren. In dieser Fotostrecke werden sie vorgestellt.

Der Geburtsort reicht aus, um als verdächtig zu gelten

Alle acht waren zwischen 14 und 39 Jahren, sieben Männer, eine Frau, alle Zivilisten. Manche hatten an Demonstrationen teilgenommen oder sich für Menschenrechte engagiert. Einige waren zufällig ins Visier des syrischen Staates geraten: Sie stammten aus Vororten von Damaskus, die als Unruhehochburgen galten. Damit wurden sie zu Verdächtigen.

In Haft wurden sie solange gefoltert, bis sie gestanden oder starben. Und wenn sie gestanden hatten, wurden sie weiter gequält. Die Bedingungen in den Kerkern sind so miserabel, dass manche sie nicht überlebten: überfüllte, stickige Zellen ohne Toilette oder Waschbecken, kaum Essen, kaum Wasser, kaum Luft.

Anders als beim "Islamischen Staat" (IS) wurden die Inhaftierten nicht vor laufenden Kameras gequält, sondern heimlich. Ihre Leichen wurden nicht zur Schau gestellt, sondern in Massengräbern am Rande von Damaskus verscharrt, berichteten mehrere Ex-Sicherheitskräfte HRW.

Die Wirkung dieses Terrors ist ähnlich: Die Eltern wagten nicht offiziell nachzufragen, was aus ihren Kindern wurde. Zu groß war die Angst, dasselbe Schicksal erleiden zu können. Einige zahlten jedoch Tausende Euro Schmiergelder an korrupte Beamte, um ihre Kinder zu retten oder zumindest Gewissheit zu bekommen.

Der Staat ist für die meisten Entführungen verantwortlich

Wie viele Menschen in Syriens staatlichen Folterkerkern verschwunden sind, lässt sich nur erahnen. Seit März 2011 konnten Menschenrechtler über 65.000 Fälle dokumentieren, die in den Folterkerkern des syrischen Staates verschwanden. Bei 90 Prozent handelte es sich um Zivilisten, eine sehr hohe Quote.

Zum Vergleich: Der berüchtigte IS, die Nusra-Front und alle anderen Rebellengruppen haben zusammen bisher mindestens 2200 Menschen in Syrien verschleppt. Der Großteil aller Vermissten, 97 Prozent, entfiele demnach auf den syrischen Staat.

Wie viele der Verschwundenen bereits ermordet wurden, ist ungewiss. Caesars Fotos zeigen nur einen Ausschnitt des Grauens: Es sind mindestens 6786 Menschen, die in Haft umkamen. Doch die Fotos wurden nur in zwei Leichenhallen aufgenommen in Damaskus und ausschließlich zwischen Mai 2011 und August 2013.

Die Durchnummerierung der Leichen lasse nach Berechnungen von HRW darauf schließen, dass allein in Damaskus in diesem Zeitraum mindestens 11.000 Menschen in Haft gestorben seien. Dies entspräche mehr als 13 Toten pro Tag.

Die syrische Regierung bestreitet, dass in ihren Kerkern Menschen systematisch ermordet werden. Die Fotos, die Augenzeugenberichte, die Satellitenaufnahmen der Massengräber - jedes neue Indiz wird als Lüge abgetan. Die Regierung weigert sich seit Jahren, den Aufforderungen der Uno nachzukommen, unabhängigen Beobachtern Zugang zu den Kerkern zu gewähren.

HRW nimmt die internationale Gemeinschaft in die Pflicht: Wenn über eine Übergangsregierung in Syrien verhandelt werde, müsse dabei mindestens gewährleistet werden, dass die Folter aufhöre. Diejenigen, die dafür verantwortlich seien, dürften nicht länger dem Gefängnissystem vorstehen. Alle Gefangenen müssten einem regulärem Gericht vorgestellt werden, um über die Rechtmäßigkeit ihrer Inhaftierung zu entscheiden, fordern die Menschenrechtler.



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