Umweltsünden im irakischen Basra So sieht das "Venedig des Nahen Ostens" heute aus

Salz im Wasser, Müll obenauf: Zehntausende Menschen in der irakischen Millionenstadt Basra sind krank, weil das Trinkwasser verdreckt ist. Eine Folge jahrzehntelangen Versagens.

Alessio Mamo

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Das "Venedig des Nahen Ostens" verkommt. Zwischen den 16. und 19. Jahrhundert hatten die osmanischen Herrscher ein Kanalnetz in der irakischen Stadt Basra angelegt. Die Wasserstraßen, die sich zwischen Lehm- und Holzhäusern mit ihren charakteristischen bunten Fensterscheiben hindurchschlängelten, machten die Stadt weit über die Grenzen des Iraks berühmt.

Heute sind diese Kanäle eine Gefahr für die Gesundheit. Plastikflaschen und Müll aller Art treiben an der Wasseroberfläche.

Doch der sichtbare Dreck ist gar nicht das größte Problem: Weitaus gefährlicher sind die Keime und das Salz im Wasser. Denn obwohl Basra mehr als 50 Kilometer vom Persischen Golf entfernt liegt, ist das Wasser des Flusses Schatt al-Arab, der an der Stadt vorbeifließt und das Kanalsystem speist, inzwischen fast so salzig wie Meerwasser.

Dafür gibt es eine Vielzahl von Gründen:

  • Die Türkei und Syrien haben in den vergangenen Jahren mehrere große Staudämme an Euphrat und Tigris errichtet. Deshalb kommt im Schatt al-Arab, der durch den Zusammenfluss der beiden Flüsse nördlich von Basra entsteht, immer weniger Wasser an. Dafür fließt mehr und mehr Wasser aus dem Persischen Golf zurück, der Flusslauf hat sich nahezu umgedreht.
  • Die Infrastruktur im Irak ist völlig veraltet. Das Abwasser der Hauptstadt Basra und anderer Orte entlang von Euphrat und Tigris fließt weitgehend ungeklärt in die Flüsse. Hinzu kommen Abwässer voller Chemikalien aus der irakischen Ölindustrie.
  • Viele Iraker beklagen zudem fehlendes Umweltbewusstsein ihrer Landsleute. Sie würden ihren Müll rücksichtslos in die Kanäle werfen. Die Landflucht und das damit einhergehende Bevölkerungswachstum in Basra verstärken das Problem.
  • Die katastrophale Lage ist aber auch ein Erbe des Regimes von Saddam Hussein. Als nach der gescheiterten Invasion Kuwaits die schiitische Mehrheit im Südirak gegen den Diktator revoltierte, rächte sich Saddam. Systematisch ließ er die Marsche und Sümpfe nördlich von Basra trockenlegen. Das unwegsame Terrain war zuvor ein ideales Rückzugsgebiet für Schmuggler, Kriminelle und schiitische Rebellen. Saddams Militärkampagne hatte nicht nur verheerende Folgen für das Ökosystem, sie trieb auch Hunderttausende Marsch-Araber in die Städte, allen voran nach Basra.

Der Fotograf Alessio Mamo zeigt die dramatische Lage in seinen Bildern.

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Umweltkrise im Irak: Basra hat den Kanal voll

Das hat Folgen: Im vergangenen Jahr wurden mehr als 120.000 Einwohner der Stadt wegen Krankheiten behandelt, die vom verdreckten und versalzenen Trinkwasser in Basra herrührten. Der bekannteste von ihnen war der EU-Botschafter im Irak: Ramon Blecua wollte sich selbst ein Bild von der Lage machen und wurde prompt krank.

Der Ärger über die katastrophalen Lebensbedingungen trieb im Sommer 2018 Zehntausende Demonstranten in Basra auf die Straßen. Bei Zusammenstößen mit Sicherheitskräften wurde mehrere Menschen getötet. Die Proteste trugen mit dazu bei, dass Regierungschef Haider al-Abadi mit seinem Plan, eine weitere Amtszeit anzutreten, scheiterte.

Erst vor knapp zwei Wochen ließ sich der neue irakische Ministerpräsident Adil Abdul-Mahdi zum ersten Mal seit seinem Amtsantritt Anfang Oktober in Basra blicken. Er besuchte unter anderem eine Wasserentsalzungsanlage. "Das Ziel meines Besuches ist es, gemeinsam Lösungen zu finden, um das Leid der Menschen in Basra zu lindern", sagte der Premier.

Das Absurde an der Situation: Eigentlich müsste Basra die reichste Provinz des Landes sein. Mehr als 90 Prozent des Erdöls, das der Irak ins Ausland liefert, werden hier gefördert. Zudem befinden sich in der Stadt selbst als auch im weiter südlich gelegen Umm Qasr die wichtigsten Häfen des Landes. Doch wegen Korruption und Misswirtschaft kommt von den Reichtümern in Basra selbst kaum etwas an.



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