Ägyptens TV-Star Bassem Youssef: Ein Komiker als Staatsfeind

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Weil er sich über Präsident Mursi und islamistische Prediger lustig gemacht hat, droht dem ägyptischen Komiker Bassem Youssef das Gefängnis. Seinen Termin beim Staatsanwalt machte der TV-Star zum Happening. Der Fall zeigt: Für Regierungskritiker wird die Lage in Ägypten immer brenzliger.

AP

Er nimmt kein Blatt vor den Mund, lästert über fanatische Islamisten und macht auch vor Präsident Mohammed Mursi nicht Halt. Mit seiner Satiresendung "al-Barnamag", zu Deutsch "Das Programm", ist der Comedian Bassem Youssef in nicht einmal zwei Jahren zum größten Star des ägyptischen Fernsehens aufgestiegen. Millionen Zuschauer schalten jeden Freitag ein, wenn der 39-Jährige im Satellitensender CBC die Muslimbrüder, die Armee, das Staatsfernsehen oder muslimische Prediger auf die Schippe nimmt. Mal kuschelt er sich an ein Kissen mit roten Herzen und dem Porträt des Präsidenten darauf, dann porträtiert er den Staatschef als pharaohaften "Super-Mursi", dessen übermenschliche Kräfte dieser sich jedoch nur einbildet.

Eigentlich ist Youssef Herzchirurg. Noch immer arbeitet er als Arzt, wenn seine Show pausiert. Nach dem Sturz von Diktator Husni Mubarak begann er, auf YouTube satirische Kurzfilme hochzuladen. Binnen kürzester Zeit entwickelten sich seine Clips, in denen er ägyptische Politiker und TV-Stars parodierte, zu Publikumsrennern. Manche Filme wurden mehr als 17 Millionen Mal angeklickt. Nur ein halbes Jahr später bekam der Komiker seiner erste Fernsehsendung, die sich an der "Daily Show" des US-Komikers Jon Stewart orientiert.

Youssef geht es jedoch nicht nur darum, sich über die Herrschenden lustig zu machen. "Ich will der Gesellschaft den Spiegel vorhalten und aufzeigen, welche Kultur dahinter steckt", sagte er vor Monaten in einem Interview. Doch mit seinem Humor und besonders seinen Witzen über Mursi hat sich Youssef auch viele Feinde in Ägypten gemacht. Am Samstag ordnete der Generalstaatsanwalt die Festnahme des Komikers an. Er wirft dem TV-Star vor, Präsident Mursi beleidigt und den Islam verleumdet zu haben. Außerdem habe er falsche Behauptungen verbreitet, mit dem Ziel, die öffentliche Ordnung zu stören.

Youssef reagierte gelassen auf die Vorwürfe: "Wir sind doch nicht diejenigen, die den Islam beleidigen. Wir stellen nur jene bloß, die den Glauben missbrauchen und ihm mehr Schaden zugefügt haben als jeder sonst", sagte er am Samstagabend in einem TV-Interview.

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TV-Star Bassem Youssef: Kampagne gegen Komiker
Am Sonntagvormittag stellte sich Youssef in Kairo den Behörden. Aus seinem Termin beim Staatsanwalt machte er ein großes Happening. Umringt von Dutzenden Anhängern marschierte der Komiker vor dem Justizgebäude auf. Auf dem Kopf trug er einen übergroßen Hut, wie ihn Mursi jüngst während eines Staatsbesuchs in Pakistan trug. Während des Termins setzte er mehrere Tweets ab, wie: "Sie haben mich ernsthaft nach meiner Augenfarbe gefragt" und: "Die Polizisten und Juristen im Büro wollen alle Fotos mit mir machen. Vielleicht war das der Grund für meine Vorladung." Nach mehrstündigen Vernehmungen setzten die Richter den Komiker gegen eine Kaution in Höhe von umgerechnet etwa 1700 Euro vorläufig auf freien Fuß.

Doch auch wenn Youssef die Affäre mit Humor nimmt: Ägyptens Opposition kritisiert das Vorgehen der Justiz scharf. Friedensnobelpreisträger Mohamed ElBaradei twitterte in der Nacht zum Sonntag, ein solches Vorgehen kenne man nur von "faschistischen Regimen".

Tatsächlich ist die juristische Kampagne gegen Bassem Youssef nur der jüngste Vorfall in einer langen Kette von Anklagen gegen kritische Köpfe in Ägypten. Im vergangenen Oktober wurde der TV-Moderator Tawfiq Okascha zu vier Monaten Haft verurteilt, weil er Präsident Mursi beleidigt haben soll. Das Berufungsverfahren läuft noch, so lange bleibt Okascha auf freiem Fuß. Drei weitere Journalisten mussten sich ähnlichen Strafverfahren stellen, wurden aber freigesprochen. Erst Anfang der Woche leitete die Staatsanwaltschaft Verfahren gegen fünf Regierungsgegner ein, denen sie vorwirft, zu Gewalttaten gegen die Muslimbrüder aufgerufen zu haben.

Menschenrechtsgruppen sehen dahinter den systematischen Versuch, Kritiker der islamistischen Regierung mundtot zu machen. Nach Angaben von Yussefs Anwalt Gamal Eid wurden allein in den ersten 100 Tagen von Mursis Amtszeit viermal mehr Verfahren wegen Präsidentenbeleidigung eingeleitet als in den gesamten 30 Jahren von Husni Mubaraks Amtszeit.

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insgesamt 43 Beiträge
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1. Arabellion...
Zappa_forever 31.03.2013
...vom Regen in die Traufe.
2. Hoffnung
bennysalomon 31.03.2013
Ich finde die Geschichte zeigt aber auch das es Hoffnung gibt in Ägypten. Man kann so tapferen Bürgern nur viel Glück wünschen. Islamisten und Salafisten sind die Feinde der Freiheit und der freien Bürger eines jeden islamischen Staates.
3. Arabische Frühlingsgefühle
sabaidii 31.03.2013
Na Hauptsache Demokratie. Endlich mal eine Medizin die für alle paßt. Zumindest wenn der uns freundlich gesinnte Diktator abhanden kommt. Schade drum, eigentlich, waren doch fette Jahre und man hat wenigstens gewußt woran man war. Und die Geschäfte liefen auch wie geschmiert. Aber jetzt wählen die plötzlich was sie wollen, dabei haben die doch gar keine Ahnung was Ihnen guttut. Demokratie. Eigentlich Unfug. Was ist denn eigentlich mit dem Militär? Sarkasmus aus.
4. Wes Geistes Kind
karlkaefer 31.03.2013
extremistische Regierungen sind, sollte ja wohl auch den ignorantesten und/oder wohlwollensten Menschen klar sein. Buchempfehlung: *Machiavelli*. Der Fürst. Und ob sich die jeweilige Regierung ein religiöses oder ein politisches Mäntelchen umhängt, spielt dabei gewiss keine Rolle.
5. Verfahren wegen Präsidentenbeleidigung
eldiabolo 31.03.2013
Wieder was dazugelernt. Solange in einem Land die Freie Meinungsäußerung Strafbar ist kann es keine Demokratie geben. Und solange in einem Land Islamisten Herrschen kann es keine Demokratie geben. Ist so. Dass soll jetzt keine Beleidigung für den Islam sein, aber mal allen ernstes. Staat und Religion gehören getrennt. Funktioniert in Europa toll weil eh der Großteil der Politiker nie in die Kirche geht zum Beispiel. In den meisten Europäischen Ländern hat Politik nichts mit Religion zu tun, nur in Islamischen Ländern wird dies wohl niemals der fall sein.
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