Beerdigung in Pakistan: Hunderttausende geben Bhutto letztes Geleit

Sie weinten, kasteiten sich, brüllten ihren Schmerz über den Verlust heraus: Hunderttausende Trauernde haben den Sarg Benazir Bhuttos zu ihrer letzten Ruhestätte begleitet. Überall im Land kam es zu Randale, mindestens 17 Menschen starben.

Islamabad/Naudero - Der Leichnam Benazir Bhuttos wurde in einem schlichten Holzsarg in einem weißen Fahrzeug langsam zum Familienmausoleum in Garhi Khuda Bakhsh gefahren - begleitet von Hunderttausenden Menschen, die der ermordeten Oppositionspolitikerin das letzte Geleit gaben. Zum Zeichen ihrer Trauer schlugen sich die Bhutto-Anhänger gegen die Brust, beklagten ihren Verlust.

Bedeckt war der Sarg mit einer rot-grün-schwarzen Fahne von Bhuttos Pakistanischer Volkspartei (PPP). Bhutto wurde neben ihrem Vater beerdigt. Ihr Ehemann Asif Ali Zardari und ihre drei Kinder reisten aus Dubai an, um der Beerdigung beizuwohnen.

Die Prozession begann am Nachmittag (Ortszeit) vom Anwesen ihrer Familie in der südpakistanischen Stadt Naudero. Tausende Trauernde, darunter viele Frauen und Kinder, versammelten sich um die Bhutto-Residenz. "Benazir lebt, Bhutto lebt", riefen viele der Trauernden. "Sie war nicht nur die Anführerin der PPP, sie war die Anführerin des ganzen Landes. Ich weiß nicht, was jetzt mit Pakistan passieren wird", sagte einer ihrer Anhänger, Nazakat Soomro.

Der in der Provinz Sindh gelegene Ort wurde von einem Großaufgebot von Sicherheitskräften weiträumig abgesperrt. An mehreren Straßensperren kam es zu Zusammenstößen zwischen Polizisten und Bhutto-Anhängern, berichteten Augenzeugen.

Unruhen im ganzen Land - viele Tote

Offenbar als Racheakt wurde heute, nur einen Tag nach dem Tod der Oppositionsführerin, ein Attentat auf Musharraf-Anhänger verübt: Vier Menschen starben.

Im ganzen Land hat der Tod der Oppositionsführerin schwere Unruhen ausgelöst. Bei Protesten in der Heimatprovinz der Politikerin Sindh kamen viele Menschen ums Leben, offizielle Angaben zur Zahl der Toten schwanken zwischen 17 und 20. Unter den Opfern sind nach Angaben des Provinz-Innenministers, Zaman, auch drei Polizisten. Er rechne damit, dass sich die Situation nach der Beerdigung Bhuttos noch verschlimmern werde.

Die Polizei hatte ihren Beamten nach der Gewaltwelle in der Nacht am Morgen die Erlaubnis zu schießen erteilt. Demonstranten steckten Autos und Züge in Brand und warfen Steine. In der südpakistanischen Stadt Hyderabad setzten Sicherheitskräfte Schusswaffen gegen Bhutto-Anhänger ein: "Wir eröffneten das Feuer, als die Demonstranten gewalttätig wurden. Fünf sind durch Schusswunden verletzt worden", sagte der Polizeibeamte Abdul Qadir Summo.

In der Stadt Multan sollen Demonstranten mehrere Bankgebäude und eine Tankstelle gestürmt und geplündert haben. Augenzeugen berichteten von Polizei-Einsätzen mit Tränengas. "Diese Leute sind nicht zu kontrollieren", berichtete ein Augenzeuge aus der 200 Kilometer nördlich der Hafenmetropole Karachi gelegenen Stadt Khirpur.

In Peshawar stürmte eine aufgebrachte Menge am Morgen das Büro einer regierungsnahen Partei und steckte es in Brand. Tausende Bhutto-Anhänger hätten auf den Straßen der nördlichen Stadt demonstriert und seien dann in das Büro der Partei Pakistanische Muslimliga eingedrungen, berichtete ein Reporter der Nachrichtenagentur AFP. Die Menge rief "Bhutto lebt", zündete das Büro an und bewarf außerdem ein Kino mit Steinen. Die Polizei hielt sich zurück.

Rätsel um Täterschaft von al-Qaida

Kurz nach dem Attentat auf Bhutto hatte sich nach Angaben mehrerer TV-Sender das Terrornetzwerk al-Qaida zum Mord an der pakistanischen Oppositionspolitikerin bekannt. Allerdings gibt es bislang kein offizielles Bekennerschreiben von al-Qaida, in dem die Verantwortung für die Ermordung Bhuttos übernommen wird. Aber ein mutmaßlicher Regionalkommandeur al-Qaidas in Afghanistan, Mustafa Abu al-Yazid, veröffentlichte heute lediglich eine Erklärung, der zu Folge al-Qaida nichts mit den Bombenanschlägen in der pakistanischen Stadt Jaharasad vor einigen Tagen zu tun hatte. „Wir schlagen nicht in Moscheen gegen unsere Ziele zu“, heißt es in dem Kommunique, das SPIEGEL ONLINE vorliegt.

Derselbe Mann, Mustafa Abu al-Yazid, soll allerdings einem pakistanischen Journalisten gegenüber mit der Ermordung Bhuttos geprahlt haben. Medienberichten zufolge habe der Terrorführer den Reporter Syed Saleem Shahzad angerufen und sinngemäß erklärt, al-Qaida habe überlegt, welches Ziel für die USA in der Region am wertvollsten sei – und dann, im Oktober, beschlossen, Bhutto zu töten. In einem Bericht Shahzads für die News-Website ADNKronos International heißt es, al-Qaida habe zu diesem Ziel Todesschwadrone ausgeschickt; Urheber der Anschlagsidee sei al-Qaidas Nummer Zwei, Aiman al-Sawahiri.

Auf einschlägigen islamistischen Internetseiten wird unterdessen eine neue Rede von al-Qaidas Nummer Eins Osama Bin Laden angekündigt. Wann das Band erscheinen soll, blieb zunächst offen. In der Vergangenheit hatten sich solche Ankündigungen aber meist als zutreffend erwiesen.

Regierung leitet offizielle Untersuchung ein

Die pakistanische Regierung hat nun eine offizielle Untersuchung des Mordes angekündigt. Nach einer Krisensitzung des Kabinetts sagte Übergangs- Premierminister Mohammedmian Soomro, die Regierung werde eine Untersuchungskommission einsetzen und in Abstimmung mit der Führung der PPP einen Richter als deren Vorsitzenden bestimmen.

Unklar ist weiterhin, ob die für den 8. Januar angesetzten Wahlen in Pakistan trotz Bhuttos Ermordung stattfinden werden. Die Regierung will offenbar an dem Termin festhalten - Übergangs-Ministerpräsident Mohammedmian Soomro erklärte, es gebe derzeit keine Pläne die Wahl zu verschieben. Eine solche Entscheidung werde in Abstimmung mit allen politischen Parteien getroffen. "Im Moment bleibt es wie geplant bei den Wahlen", sagte Soomro auf einer Pressekonferenz.

amz/yas/AP/AFP/dpa/Reuters

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