Beerdigung von Hrant Dink "Wir sind alle Armenier!"

Die Beisetzung des ermordeten türkisch-armenischen Journalisten Hrant Dink geriet zu einer eindrucksvollen Kundgebung. Erstmals wurde in der Türkei ein Armenier derart gewürdigt - doch gleichzeitig bejubeln Nationalisten die grausame Tat.

Von Annette Großbongardt, Istanbul


Istanbul - An diesem Dienstag, dem Tag, an dem der ermordete Journalist Hrant Dink zu Grabe getragen wird, hat Premierminister Recep Tayyip Erdogan einen wichtigen Termin. Er muß einen Autobahntunnel eröffnen. Deshalb, so ließ er sich entschuldigen, könne er nicht an der Beerdigung teilnehmen.

Viele Demonstranten, die gekommen sind, Dink das letzte Geleit zu erweisen, verstehen das nicht. Hatte Erdogan nicht davon gesprochen, daß die Kugeln, die vergangenen Freitag den armenisch-stämmigen Journalisten töteten, eigentlich "Schüsse auf die Türkei" waren?

Im Stadtteil Sisli, dort wo Dink vor dem Redaktionsgebäude seiner kleinen Zeitung "Agos" von dem 17jährigen Ogün Samast erschossen worden war, haben sich über 100.000 Menschen versammelt, in einer Massenbewegung, wie sie das Land seit der Beisetzung des populären Ministerpräsidenten Bülent Ecevit im vergangenen November nicht mehr gesehen hat.

Die Menschen halten schwarze Schilder hoch, auf denen der Satz steht, mit dem dieses ruchlose Attentat wohl in die Geschichtsbücher eingehen wird: "Wir sind alle Hrant Dink!" und "Wir sind alle Armenier!". Für ein Land, in dem die Armenier zur bedrängten christlichen Minderheit gehören, in dem noch immer der historische Streit um den Massenmord an den Armeniern im Osmanischen Reich 1915 glimmt, ist das eine Sensation.

Muslimische Türken solidarisieren sich

"Meine Mutter schärfte uns immer ein: Sprecht nicht Armenisch auf der Straße! Haltet Euch im Hintergrund", berichtet ein junge armenische Produktdesignerin, die mit ihren Freundinnen zur Trauerkundgebung gekommen ist. "Mit Dink haben wir Armenier unsere Stimme verloren".

Doch nun, und das ist das Erstaunliche, solidarisieren sich auch viele muslimische Türken mit Dink und seinem Schicksal. Sie würdigen ihn als Kämpfer für Menschenrechte und Meinungsfreiheit, als Symbol für Demokratie und hadern damit, dass in ihrem Land noch immer jemand sterben muss, nur weil er ein Andersdenkender ist. Immer wieder brechen Menschen in Schluchzen aus, wischen sich Tränen vom Gesicht. Dink war ein charismatischer Mensch, ein warmherziger Intellektueller. Nun könnte er als erster Armenier zur einer Symbolfigur der Türkei werden.

Immer wieder klatschen die Leute im Trauerzug, als Ausdruck der Anerkennung für seine mutige Lebensleistung, als Zeichen der Solidarität für seine Familie, die sich vom Dach eines Busses an die Menge wendet. Rakel Dink, seine Witwe, spricht mit hoher, brüchiger Stimme, sie muss gegen den Wind ankämpfen, und ihre Hand, die das Blatt mit dem Brief an ihren toten Mann hält, zittert stark. "Mein Geliebter", sagt sie, "du hast uns, deine Familie verlassen, aber nicht die Türkei". Dink vertrat selbstbewusst seine armenische Herkunft, er kämpfte gegen anhaltende Diskriminierung der christlichen Minderheit, der er angehörte, doch er liebte die Türkei, sie war seine Heimat.

Rakel und Hrant Dink hatten sich schon als Halbwüchsige in einem armenischen Waisenhaus kennengelernt, wo sie beide aufwuchsen, sie heirateten, leiteten das Waisenhaus später sogar gemeinsam, doch sie verloren es an den türkischen Staat - enteignet, wie so viel christlicher Besitz. Doch Dink wollte nirgends anders leben. In Armenien? "Wie könnte jemand wie ich das Unrecht dort, die Intoleranz aushalten?", fragte er einmal. Ein europäisches Land? Nein, da hätte er sich fremd gefühlt. "Ja, wir Armenier haben einen Anspruch auf die Erde dieses Mutterlandes hier, aber nicht, um es zu spalten und aufzuteilen, sondern um in seiner tiefen Umarmumg begraben zu werden".

Von Nationalisten vor Gericht gezerrt

Nicht so früh und nicht auf diese Weise wollte er begraben werden, doch er hatte die Gefahr gespürt, die näher kam, in den nationalistischen Drohbriefen, die immer aggressiver wurden, nachdem er wegen vermeintlicher "Beleidigung des Türkentums" unter dem berüchtigten Strafrechtsparagraphen 301 vor Gericht gezerrt worden war und die Nationalisten einen Feind, einen Verräter aus ihm machten.

"Mörder 301", auch das steht auf Plakaten, die Demonstranten auf der Trauerkundgebung hochhielten. Für sie und die überwiegende Mehrheit der türkischen Medien ist klar, dass der Schandparagraph 301, wegen dem Dink und anderen Intellektuellen wie Orhan Pamuk der Prozess gemacht wurde, Mitschuld am Tod Dinks trägt, denn er schuf die mörderische Atmosphäre des Hasses und der Hetze.

Nachdem der am Samstag abend festgenommene Todesschütze vor der Polizei erklärte, er habe Dink getötet, weil der türkisches Blut als schmutzig bezeichnet habe, häuften sich auf ultranationalistischen Websites die Freudenmails: "Danke, wer immer den Befehl gegeben hat! Danke an den, der den Auslöser gedrückt hat!" Und: "Das ist die beste Nachricht überhaupt".

"Der 301 hat Dink getötet", schrieb der einflussreiche Kolumnist Mehmet Ali Birand am Dienstag, dem Tag, als Hrant Dink beerdigt wurde, schließlich ganz unverblümt. Und so viele trügen Mitschuld: "Sagt mir, ob ich Unrecht habe! Sind wir eine harte Gesellschaft? Setzen wir nicht unsere religiösen Minderheiten herab? Wir betrachten unsere Bürger verschiedener ethnischer Gruppe nicht als welche von uns. Wir hassen verschiedene Standpunkte, Meinungen. Wir sind nur allzu bereit, unsere Sicht mit Gewalt durchzusetzen".

Auch "wir Intellektuelle und Eliten sind mitschuldig, wir haben unsere Stimme nicht laut genug erhoben, um auf die Absurditäten in den Verfahren gegen ihn hinzuweisen", kritisierte sein Kollege Suat Kiniklioglu in der islamischen Zeitung "Zaman". Tatsächlich hatte Dink die Aussage, für die er zu sechs Monaten Haft auf Bewährung unter dem Paragraphen 301 verurteilt worden war, nie so gemacht. Er hatte nicht vom "vergifteten Blut der Türken" gesprochen, sondern vielmehr die Armenier aufgefordert, auch ihrerseits ihren historischen Hass gegenüber den Türken zu überwinden und zu Dialog zu finden. Das bestätigte Dink sogar die Staatsanwaltschaft, das Gericht wollte es anders sehen.

Ob der Artikel 301 nun endlich abgeschafft wird, daran werde sich zeigen, ob die Türkei wirklich ihre Lehren aus der Ermordung Dinks ziehe, sagte der Europaabgeordnete der Grünen, Cem Özdemir am Dienstag in der armenischen Marienkirche, wohin er zur Trauerfeier für seinen ermordeten Freund Dink gekommen war. Auch der Umgang mit der ausstehenden Reform des Stiftungsrechts, das endlich ein Besitzrecht für die christlichen Minderheiten festschreiben und ihnen verlorenes Eigentum zurückgebensoll, sei ein Gradmesser dafür, so Özdemir, "was politisch von diesem Tag bleibt".

Teilnehmer aus Deutschland

Nicht weit von ihm stehen die Grüne Bundesvorsitzende Claudia Roth sowie der Vorsitzende der türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat. Özdemir erinnert sich noch, wie Dink einmal auf einer gemeinsamen Veranstaltung in Straßburg von Diaspora-Armeniern als "Sklave der Türken" beschimpft worden war. "Und hier haben sie ihn dann zum Feind der Türken gemacht."

Denn tatsächlich hatte Dink sich für Verständigung, Aussöhnung und Dialog eingesetzt und Scharfmacher und Ewiggestrige auf beiden Seiten kritisiert. Dass nicht alle Armenier ihn schätzten, zeigte sich auch an seinem ständigen Konflikt mit dem armenischen Patriarchen, dem Dink zu laut und zu politisch war.

Doch am Dienstag war es das Amt des Patriarchen, die Trauerpredigt zu halten, in der schönen alten, goldglänzenden Marienkirche. "Wir alle haben Hrant Dink verloren", sagte der Patriarch Mutafyan, und rief dazu auf, "endlich die Armenier als vollwertige Bürger dieses Landes zu akzeptieren, und auch die Feindschaft gegen Armenien zu beenden. Als er den Segen sprach, konnte er ein Schluchzen nicht verbergen.

"Wir sind aufgeweckt worden aus unserem Traum, die Türkei sei endlich dabei, ein normales Land zu werden", schrieb der Kolumnist Suat Kiniklioglu am Tag, als Hrant Dink beerdigt wurde. Dass seine Ermordung aber nun von manchen als Argumentationshilfe benutzt werde, dass die Türkei eben doch nicht nach Europa gehöre, das, so die Schriftstellerin Elif Schafak, "hätte Hrant besonders empört".



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