Befreite Geisel Betancourt schildert Details ihrer Rettung

Sie war die wohl bekannteste Geisel der Welt: Nach sechs Jahren Gefangenschaft ist Ingrid Betancourt frei. In bewegenden Worten schilderte sie ihre Rettung. Sie und die anderen Befreiten hätten sich so gefreut, dass beinahe der Militärhubschrauber abgestürzt sei.


Bogota - Dünn ist sie, gekleidet in Tarnkluft. Die Augen blitzen und strahlen vor Glück, als Ingrid Betancourt in Bogota nach sechs Jahren Geiselhaft wieder ein freier Mensch ist. Noch auf dem Flughafen bedankt sie sich für die jahrelange weltweite Unterstützung. "Ich danke euch Kolumbianern. Ich danke euch Franzosen und allen, die mich weltweit begleitet haben", sagt die 46-Jährige, die auch die französische Staatsbürgerschaft besitzt, auf Spanisch und Französisch. Zugleich lobt sie den kolumbianischen Staatchef Alvaro Uribe.

Noch am Flughafen schildert die Politikerin Einzelheiten der Befreiungsaktion - will ihre Eindrücke weitergeben. Sie und die 14 weiteren Geiseln hätten nicht gewusst, dass es sich bei der Besatzung des Hubschraubers, mit dem sie angeblich in ein anderes Lager der Rebellen gebracht werden sollten, um Soldaten der kolumbianischen Armee gehandelt habe, die sich in die Rebellengruppe eingeschleust hatten. Die Soldaten seien wie die Guerillas gekleidet gewesen und hätten wie diese gesprochen.

"Wir wurden gezwungen, in Handschellen den Hubschrauber zu besteigen, das war sehr demütigend", berichtet eine zwar blasse, aber über das ganze Gesicht strahlende Betancourt auf dem Luftwaffenstützpunkt über den Ablauf der Aktion. "Dann, plötzlich, haben sie die beiden Rebellen, die mit uns an Bord waren, entwaffnet, und der Leiter der Operation schrie: 'Wir sind die kolumbianische Armee, und Sie sind frei!' ... Der Hubschrauber stürzte fast ab, weil wir angefangen haben, zu klatschen und zu schreien und auf und ab zu springen." Betancourt berichtet von überschwänglichen Reaktionen an Bord: "Wir haben geschrien, geweint und uns umarmt. Wir konnten es nicht glauben", erzählte Betancourt. "Das ist wie ein Wunder."

Mit einem Lächeln auf dem Gesicht fügt sie hinzu: "Danke, Kolumbien. Danke, Frankreich." Den Franzosen dankt sie mit besonders bewegenden Worten. Dass sie heute am Leben sei, schulde sie dem Einsatz Frankreichs. "Ich möchte mich bei Präsident Sarkozy bedanken und bei allen Franzosen, die unsere Unterstützung, unser Licht und unser Leuchtturm waren." Es sei an der Zeit, den Franzosen zu sagen, dass sie sie bewundere und stolz sei, auch Französin zu sein." Und dann fügt Betancourt hinzu: "Am Ende meines Lebens möchte ich, dass sie mich in Frankreich begraben."

Doch auch Kolumbien dankt sie mit warmen Worten: "Danke an das Heer, Dank an mein Vaterland Kolumbien, danke für die tadellose Operation." Die Befreiungsaktion sei perfekt gewesen. "Ich habe den Medien sehr viel zu verdanken, und ohne sie wäre ich bestimmt nicht mehr am Leben."

Betancourt appelliert auch an die kolumbianische Regierung, die übrigen Geiseln nicht zu vergessen. "Wir müssen die rausholen, die dort zurückblieben, und möge Gott, dass dies über Verhandlungen geschehe, aber wenn nicht, dann mögen wir Vertrauen in unsere Streitkräfte haben, und heute denke ich in diesem Augenblick auch an die, die nie zurückkehren werden."

Glückliche Familie

Betancourts Kinder, Melanie und Lorenzo, 22 und 19 Jahre alt, ringen in Paris nach der Freilassung um Fassung. "Es ist schwer, die richtigen Worte zu finden", sagt der Sohn der endlich befreiten Politikerin im Elysée-Palast. "Wir haben einen Kampf für die Freiheit gewonnen. Das ist der schönste Augenblick meines Lebens."

Der Ehemann Betancourts hat den Zustand seiner Frau als gut bezeichnet. Sie sei "perfekt und bei klarem Verstand", sagt Juan Carlos Lecompte dem kolumbianischen Fernsehsender Caracol. "Sie ist nur ein bisschen mager", fügt er lächelnd hinzu. Lecompte räumt ein, von dem guten Gesundheitszustand seiner Frau überrascht zu sein. Die Befreiung seiner Frau löse Gefühle aus, "die mit Worten nicht zu beschreiben" seien.

Weltweit wurde die Befreiungsaktion, die dank einer monatelang vorbereiteten Geheimdienstaktion geglückt war, mit Erleichterung aufgenommen. US-Präsident George W. Bush beglückwünschte den kolumbianischen Präsidenten Uribe zu dem Militäreinsatz und nannte ihn einen "starken Führer". Bei einer Ansprache im Elyséepalast dankte der französische Präsident Nicolas Sarkozy dem kolumbianischen Präsidenten Uribe für die Befreiung der Politikerin, die auch die französische Staatsbürgerschaft besitzt.

Unabhängig von der Befreiungsaktion für Betancourt ist in der Nacht zu Donnerstag auch der Norweger Olf Anshuus Nino aus der Gewalt der Farc freigekommen. Das Außenministerium in Oslo teilte mit, die Farc habe Nino freigelassen, nannte aber keine Einzelheiten. Nino, der als Mathematikdozent an einer kolumbianischen Universität arbeitete, war im Januar zusammen mit fünf Kolumbianern entführt worden.

Ingrid Betancourt hatte sich im Februar 2002 mitten im Wahlkampf um das Präsidentenamt befunden, als sie im Süden des Landes zusammen mit ihrer Mitarbeiterin Clara Rojas verschleppt wurde. Zuletzt gab es Ende vergangenen Jahres ein Lebenszeichen von ihr: Auf einem Video war eine abgemagerte und gefesselte Betancourt als gebrochener Mensch zu sehen, der kein Wort sprach. Spätestens da wurde die Mutter zweier Kinder zum Symbol für alle verschollenen Farc-Geiseln im kolumbianischen Dschungel.

Die Farc ist die älteste, noch bestehende linke Rebellengruppe Lateinamerikas und hatte einst 17.000 Kämpfer. Sie finanziert sich nicht nur durch Entführungen, sondern auch durch den Kokainhandel. Zuletzt musste sie aber empfindliche Verluste hinnehmen. So töteten kolumbianische Soldaten Anfang März im Dschungel Ecuadors die Nummer zwei der Gruppe. Zudem desertierte eine prominente Kommandeurin der Farc und erklärte öffentlich, die Organisation befinde sich in der Auflösung.

ler/dpa/AFP/AP



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