Begegnung im Fitnessstudio Obama fühlt sich übers Ohr gehauen

Die Begegnung einer "Bild"-Reporterin mit Barack Obama in einem Berliner Sportstudio ist jetzt auch in den USA Thema: US-Blogger verhöhnen den Bericht als peinlich. Jetzt präsentiert Obama seine Version: "Ich bin gelinkt worden."

Von , New York


New York - Barack Obama hat die Medien eigentlich meisterlich im Griff. Seine Auftritte sind streng choreografiert, kontrolliert wie auf einem Film-Set: Zugang zum Star bekommt nur, wer ins Marketingkonzept passt. Bei seinem Berlin-Besuch zum Beispiel ließ sich Obama nur von handverlesenen US-Journalisten interviewen. Mit einer Ausnahme.

"Bild"-Reporterin mit Obama im Fitnessstudio: Die Bilder des Rendezvous wurden auch im Internet veröffentlicht

"Bild"-Reporterin mit Obama im Fitnessstudio: Die Bilder des Rendezvous wurden auch im Internet veröffentlicht

"'Bild'-Reporterin mit Obama im Fitness- Studio", titelte die "Bild"-Zeitung am Tag nach der Obama-Visite in Berlin. Darunter ein Bericht von "City-Talkerin" Judith Bonesky: "Während Tausende an der Siegessäule auf ihn warteten, traf ich, die 'Bild'-Reporterin, Barack Obama allein - im Fitnessstudio!"

Dann folgte eine schwülstige Beschreibung: Obamas "durchtrainierte Arme", seine "knackige Rückansicht", die maskulinen 32-Kilo-Hanteln, "erst zehnmal rechts, dann zehnmal links" - und zum Höhepunkt: "Barack Obama legt den Arm um meine Schultern, ich fasse ihn um die Hüfte - wow, er schwitzt nicht mal!" Fazit von Bonesky: "Was für ein Mann!"

Nun kam auch heraus, was Obama von dem Rendezvous hielt. "Ich bin in dem Sportstudio gelinkt worden", beklagte sich der Hoffnungsträger der US-Demokraten am Sonntag bei Star-Kolumnistin Maureen Dowd von der "New York Times": "Sie hat uns übers Ohr gehauen."

Eine Begegnung, zwei Erlebnisse

Obamas Version: "Wir betreten das Sportstudio. Sie ist schon auf dem Laufband. Sie sieht aus wie ein ganz gewöhnliches deutsches Mädchen. Sie lächelt und winkt verlegen, aber macht sich nicht die Mühe, was zu sagen. Als ich wieder gehe, sagt sie: 'Oh, kann ich ein Foto haben? Ich bin ein großer Fan.' Reggie (Reggie Love, Obamas Assistent, Anm. d. Red.) schießt ein Foto."

Laut Obamas Darstellung war demnach nicht klar, dass es sich bei der Frau um eine Reporterin handelt.

Zum Kontrast, noch mal Boneskys Version: "Die Tür geht auf. ER ist es wirklich! ER (1,87 m) ist viel größer, als ich ihn mir vorgestellt habe. ER trägt ein graues T-Shirt und eine schwarze Jersey-Hose, beides von Nike. Dazu weiße Joggingschuhe von Asics. Und ein umwerfendes Lächeln! 'Hallo, wie geht's?', fragt er auf Englisch mit kräftiger, sehr männlicher Stimme. Ich antworte: 'Sehr gut. Und wie geht es Ihnen?' ER: "Sehr gut, danke!' Und dann: "Ich rufe: 'Mr. Obama, sorry, dürfte ich ein Foto machen?' ER lächelt: 'Na klar!' Obama fragt nach meinem Namen. Ich antworte: 'Ich heiße Judith.' ER: 'Ich bin Barack Obama. Schön, dich kennenzulernen, Judith!'"

Alles ist subjektiv. Die "Bild"-Zeitung veröffentlichte sogar noch ein Web- Video, das mit den Worten beginnt: "Bonesky kann ihr Glück kaum fassen". Die Reporterin bezeichnet Obama als "ganz süß", preist die "knackige Hinteransicht" und schwärmt: "Ich bin jetzt noch in so einem Traum drin."

Obama sah Zeitung und Schlagzeile noch am selben Abend, um 22.45 Uhr im Restaurant Borchardt präsentierte ihm "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann den Scoop, ließ sich dabei fotografieren - auch dieses Foto wurde dann im Internet veröffentlicht. "So sind die Berliner, Mr. Obama", heißt es dazu auf der "Bild"-Web-Seite. "Leben und leben lassen!"

Die "Bild"-Zeitung kann die Aufregung im Obama-Lager nicht verstehen - schließlich habe Obamas persönlicher Assistent Reggie Love an dem Abend positiv auf das Foto reagiert und darum gebeten, als dessen Urheber in der Zeitung zu erscheinen, sagte ein "Bild"-Sprecher.

"Lasst uns ihre Sexytime-Erinnerungen gemeinsam genießen"

Im Gespräch mit Dowd verglich Obama sein Berliner Sportstudio-Erlebnis mit einer Szene aus dem Film "Die Farbe des Geldes", in dem Paul Newman einen Billardspieler darstellt. "Forest Whitaker sitzt einfach nur da und tut so, als könnte er kein Billard spielen", so Obama. "Und dann zockt er den Abzocker ab. Sie hat uns abgezockt."

Nicht nur Obama mokierte sich über Bonesky. Die "Süddeutsche Zeitung" widmete der jungen Reporterin ein "Streiflicht": "Diese Reportage, das darf man jetzt schon sagen, ist für Frau oder auch Fräulein Bonesky der verwandelte Matchpoint gewesen, die journalistische Mondlandung." Und die Übersetzung, von der "Bild"-Zeitung ins Netz gestellt, fand schnell auch den Weg in die US-Blogs - und wurde dort Objekt endlosen Spotts.

Einer höhnte: "Deutsche Reporterin schmilzt in der Gegenwart des göttlichen Obamas." Warner Todd Huston schrieb auf "Newsbusters" über die "anbiedernde Unreife". "Offenbar stelle 'Bild' lieber 14-jährige, von Stars faszinierte Fan-Girls als Reporter ein statt seriöse Erwachsene." Das ist zwar Unsinn, Bonesky ist 27, aber auch der Washington-Klatschblog "Wonkette" amüsierte sich: "Lasst uns ihre Sexytime-Erinnerungen gemeinsam genießen", lästerte er und wiederholte die gesamte Begegnung, die in ihrer hölzernen Übersetzung eher an den fiktiven Reporter Borat aus dem Klamauk-Film "Borat - Kulturelle Lernung von Amerika um Benefiz für glorreiche Nation Kasachstan" erinnert.

Die Lehre aus dieser Geschichte?

Selbst Obama, der perfekte Menschenfänger, lernt noch dazu. "Ich merke jetzt erst", sagte er zu Dowd, "an was ich mich noch alles gewöhnen muss."

Mitarbeit: Björn Hengst

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