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Somalischer Flüchtling im Rollstuhl: Abdi Karshes Kampf um ein neues Leben

Von Till Mayer, München

Flüchtling im Rollstuhl: Abdi Karshe aus Somalia Fotos
Till Mayer

Als er 18 Jahre alt ist, trifft ihn eine Kugel; der Somalier Abdi Karshe ist seitdem querschnittsgelähmt. Im Bürgerkrieg hat der verletzte Mann keine Aussicht zu überleben. Er reist illegal nach Deutschland, findet Freunde - und sucht seine zweite Chance.

Ganz genau kann sich Abdi Karshe nicht mehr erinnern, wann ihm sein Vater das rote Trikot in die Hand gedrückt hat. Aber eines ist sicher: Es war lange bevor das Chaos in Mogadischu ausbricht und die Kugel seine Wirbelsäule trifft. Abdi Karshe ist noch ein Junge. Sein Vater kommt von einer Europareise zurück, im Gepäck hat er das Trikot von Bayern München. Karshe sieht verwundert auf das rote Shirt, seine Klassenkameraden schwärmen für Juventus oder Barcelona. "Bayern München?", fragt er seinen Vater. Der lacht und nickt: "Ein guter Verein, mein Junge." Als Karshe sich mit dem Trikot im Spiegel sieht, ist ihm klar: Das ist sein Club. Das Shirt streift er sich bei jedem Training über. Dann stürmt er und träumt von sattgrünem Rasen und Toren mit echten Netzen.

Eines Tages ist das Trikot so ausgewaschen, dass man die Farbe nur noch erahnen kann. Es ist eine Erinnerung an seinen Vater, der mittlerweile verstorben ist. Eine furchtbare Zeit ist angebrochen. 1994 gibt es in Mogadischu nur noch ein Gesetz - das schreiben die Milizen mit der Kalaschnikow.

Karshe und seine Freunde träumen weiter von der Fußballkarriere, analysieren die europäischen Erstliga-Spiele. Das gibt ein wenig Normalität in dieser Welt, die keine Sicherheit mehr bietet. Ein paar hundert Meter weiter sterben Menschen im Krieg.

Eines Tages stehen Kämpfer direkt vor der Schule, Karshe ist damals 18 Jahre alt. "Jetzt lauft um euer Leben", brüllt der Lehrer. Karshe rennt. Ein Querschläger trifft ihn. Der Teenager wird danach nie wieder laufen können: Er bleibt gürtelabwärts querschnittsgelähmt.

In seinem Viertel gibt es ein Krankenhaus, das ihn versorgt. Aber eines Tages ziehen auch die Ärzte ohne Grenzen ab. Die Mutter kauft Verbandszeug auf dem Markt. Medikamente sind schwer zu bekommen oder einfach unbezahlbar.

Mit dem Schleuser nach München

Karshes Zustand verschlechtert sich. Fast drei Jahre nach seiner Verletzung jagt immer noch das Fieber durch seinen Körper. Der junge Mann besteht nur noch aus Haut und Knochen. Ein Freund seines Vaters redet schließlich mit der Mutter. "Dein Sohn stirbt, wenn er in Somalia bleibt. Er hat hier keine Chance."

Die Mutter nimmt die letzten Ersparnisse des verstorbenen Vaters, Freunde geben Geld. 3000 Dollar kratzen sie zusammen für einen gefälschten kenianischen Pass, Flugtickets und den Schleuser. Über Dubai geht es nach München. "Geh hier zur Polizei, sie wird dir helfen. Ich kann jetzt nichts mehr für dich tun", sagt der Schleuser und verschwindet.

Mit seinem kenianischen Pass kann der Somalier einreisen. Doch die lange Reise hat den Rollstuhlfahrer alle Kraft gekostet. Er nimmt sich ein Taxi und gibt dem Fahrer seine hundert Dollar. "Fahren Sie mich irgendwohin", sagt Karshe. Vor einer Post wird er abgesetzt.

Mit letzter Kraft rollt der Somalier hinein und bittet, dass jemand die Polizei holt. Der Afrikaner verliert immer wieder das Bewusstsein. Auf der Polizeiwache nimmt man seine Personalien auf. Karshe erklärt, dass er ein Kriegsflüchtling ist. So recht weiß er gar nicht, wo er ist. "M-ü-n-c-h-e-n", sagt der Polizist immer wieder. Und ob er nicht den berühmten Fußballclub Bayern München kenne. Da versteht Karshe endlich und nickt. Mit Blaulicht geht es zum Klinikum und direkt auf die Intensivstation: 18 Monate bleibt er im Krankenhaus, eine OP folgt der nächsten. "Sie haben mir damals das Leben gerettet", ist sich der Mann im Rollstuhl sicher.

"Ich will arbeiten und Steuern zahlen"

Der 37-Jährige sitzt heute in seiner kleinen Einzimmerwohnung. Dort steht ein riesiger Flachbild-Fernseher - der ganze Stolz des Somaliers. Jahrelang hat er darauf gespart. "Ein Drittel konnte ich selber zahlen, den Rest haben mir die Elmanns geschenkt", sagt der Mann im Rollstuhl.

Die Münchner Familie zählt zu den Freunden des Afrikaners. Auf einer kleinen Anrichte steht ein Foto von ihnen. "Ich genieße jedes Spiel, das ich darauf sehen kann", sagt Karshe. Der Asylbewerber erzählt vom Roten Kreuz, dessen Sozialarbeiter ihm beigestanden haben. Vom Pflegedienst, der jeden Tag zu ihm kommt.

Gerne würde Karshe, der inzwischen einen deutschen Pass besitzt, etwas zurückgeben. "Ich will arbeiten und Steuern zahlen", sagt er. Er spricht fehlerfreies Deutsch, kann mit Computern umgehen. Das Rote Kreuz vermittelte ihn an die Hilfsorganisation Handicap International, die Flüchtlinge und Asylbewerber mit Behinderungen berät, ihnen Sprach- und Computerkurse anbietet. Abdi Karshe ist mittlerweile selbst Trainer. Dass aus Klienten Lehrende werden, ist Teil des Konzepts.

Welt voller Barrieren

Wahr ist aber auch: Die Wenigsten machen so positive Erfahrungen wie Karshe. 2012 haben fast 65.000 Personen in Deutschland um Asyl gesucht, nur 14,2 Prozent der Antragstellenden wurden als Flüchtlinge anerkannt.

Bayern hat von allen Bundesländern das strengste Lagersystem. Kritiker beklagen oftmals menschenunwürdige Bedingungen. Zurzeit leben in dem Bundesland 7636 Asylbewerber in Gemeinschaftsunterkünften, abgeschoben an den Stadtrand. Nicht selten sind das heruntergekommene Baracken, ausgediente Heime. Für Asylbewerber mit Behinderungen eine Welt voller Barrieren, die sie ohne fremde Hilfe nicht verlassen können. Doch sie tauchen im Zahlenwerk der Behörden nicht einmal auf: "Asylbewerber mit Behinderung werden nicht gesondert erfasst", teilt die Regierung von Oberbayern auf Anfrage mit. Zu den Lebensumständen heißt es knapp: "Asylbewerber mit Behinderung werden in barrierefreien Unterkünften aufgenommen. Bei Sanierung von Gemeinschaftsunterkünften achten wir selbstverständlich auch auf Barrierefreiheit."

Sanierung würde wohl vielen Unterkünften gut tun, klagen Kritiker. Dort herrscht Tristesse. Und gegessen wird, was sich in den gelieferten Essenspaketen befindet, oft Lebensmittel von minderer Qualität oder abgelaufene Produkte. Wer den Landkreis verlässt, um Freunde und Verwandte zu besuchen, muss eine Sondergenehmigung einholen. Bedingungen, die nicht zuletzt dazu führten, dass Dutzende Flüchtlinge auf dem Münchner Rindermarkt in den Hungerstreik traten.

"Als IT-Experte ist man ein gefragter Mensch"

Das musste Karshe nicht durchleiden. Der Afrikaner konnte schon aufgrund seiner schweren Kriegsverletzung nicht in einer Unterkunft untergebracht werden.

Er würde gern eine Ausbildung im Bereich Informationstechnik machen. "Als IT-Experte ist man ein gefragter Mensch", sagt Karshe. "Die Agentur für Arbeit unterstützt eine IT-Ausbildung wegen meiner immer wieder anstehenden Operationen nicht", erzählt er. "Aber ich würde es gerne probieren."

Er klingt nicht verbittert, als er über die Ablehnung der Behörde spricht, aber enttäuscht. Und er wird weiter kämpfen.

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1.
keindogma 14.07.2013
Was das wohl den deutschen Steuerzahler kostet? Sozialhilfe, Krankenkosten, Pflegekosten? Aber schön das er einen Flachbildschirm hat.
2. Australien weist sogar Diabetiker und Übergewichtige ab!
thiotrix 14.07.2013
Solche Leute könnten ja leichter ernsthaft krank werden und so der Allgemeinheit zur Last fallen. Und in Deutschland? Da können Leute offenbar aus jedem beliebigen Land mit gefälschten Pässen und mit Schleuserhilfe einreisen und sich auf Kosten der deutschen Steuerzahler gesund pflegen und ein ganzes Leben versorgen lassen. Gleichzeitig werden bei Deutschen seit vielen Jahren soziale Leistungen abgebaut, die Krankenkassen kürzen ihre Leistungen immer weiter. Die Steuereinnahmen sind so hoch wie nie zuvor, aber bei den deutschen Bürgern kommt immer weniger an und es wird immer mehr gespart. Millionen alte Menschen mit kleinen Rente leben unter bescheidenen bis erbärmlichen Bedingungen, werden als Pflegefall miserabel versorgt. Aber für Asyl ist offenbar Geld ohne Ende da!
3. Waffenlieferanten
barle 14.07.2013
Warum das Geld für die Versorgung von Bürgerkriegsflüchtlingen nicht über eine Sondersteuer von denen nehmen, die damit Geld verdienen? EADS, KMW und Heckler verdienen doch genug.
4. Und wieder nur Gemeckere und
ronald1952 14.07.2013
Zitat von sysopTill MayerAls er 18 Jahre alt ist, trifft ihn eine Kugel; der Somalier Abdi Karshe ist seitdem querschnittsgelähmt. Im Bürgerkrieg hat der verletzte Mann keine Aussicht zu überleben. Er reist illegal nach Deutschland, findet Freunde - und sucht seine zweite Chance. http://www.spiegel.de/politik/ausland/behinderter-fluechtling-aus-somalia-kaempft-in-muenchen-um-arbeit-a-909664.html
gezetere, war auch nicht anderst zu Erwarten. Quer durch unsere gesamte Gesellschaft zieht sich ein Band des Asozialen Verhaltens, daß unsere Westliche Gesellschaft an den Rand eines Abgrundes führt. Ohne das ich jetzt ein sehr Gläubiger Mensch wäre, schiebe ich diese Tatsache doch dem Velust des Glaubens zurück. Der Glaube oder die Kirche hat sich leider selbst Erledigt, weil sie sich nicht an die eigenen Vorgaben hält, die da wären Nächstenliebe usw. Leider ist es nun einmal so das, wird der Glaube plötzlich aus welchen Gründen auch immer abgelehnt, die Dinge die Positiv daran waren und unser Gesellschaftliches Leben auf Jahrtausende ermöglichten mit Aufgegeben und das zum Schaden unserer Gesellschaft. Das führt zu dem, was wir mit dem Glauben eigendlich Ausschalten wollten, zur absoluten Verrohung der Gesellschaft,wo das einzelne Individuum kaum noch zu einer Barmherzigen Regung gegenüber anderen fähig ist. Aber dieses Problem kannten unsere Vorfahren schon vor Jahrtausenden und schufen so die 10 Gebote die so ziehlich die ganze Reihe der Hauptvergehen der Menschen abdeckten. Leider wird der Mensch alleine auf sich gestellt und ohne Geistige Leitung sehr schnell zu einer wahren Bestie in seinem Menschlichen Verhalten. schönen Tag noch,
5.
hennings.90 14.07.2013
Wer nach diesem Bericht nach den nötigen Kosten für den Steuerzahler fragt und damit seinem Verständnis nach nach Gerechtigkeit für Steuerzahler, versteht grundlegende Dinge nicht. Ohne fehlendes Mitgefühl und Hilfsbereitschaft anzusprechen .Während Eurohawk, Managermästungen, Subventionen für Aldi, Großbaustellen als Millionengräber existieren ( um nur einen geringen Teil des ungerechtfertigten Geldrauswerfens zu nennen), stellt man sich hin und schreib zwielichtige Kommentare ohne Sinn und Verstand. Egal ob man sich auch gegenüber diesen Dingen aufregt, in einer von solchen Leuten geforderten gerechten Welt, würden weder Millionen in diesen Dimensionen verpulvert noch müssten Asylanten überhaupt des Krieges wegen flüchten und sich an Banalitäten wie einem Fernseher erfreuen. Und wenn sie es doch tun ist es unsere Pflicht als "Kopf der Welt" dafür zu sorgen, dass diese Menschen leben können. Das existenziellste zu sichern was es gibt. Zitat: "aber schön das er einen Flachbildschirm hat". Das ist so daneben das es lustig ist!
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Fläche: 637.657 km²

Bevölkerung: 11,123 Mio.

Hauptstadt: Mogadischu

Staatsoberhaupt der Übergangsregierung:
Hassan Scheich Mohammed

Regierungschef der Übergangsregierung:
Omar Abdirashid Ali Sharmarke

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