Landesweite Demonstrationen Hunderte Verletzte bei Protesten in Brasilien

Es sind die größten Proteste seit Jahrzehnten: Mehr als eine Million Menschen haben in Brasilien gegen Korruption und hohe Lebenshaltungskosten demonstriert. Nicht überall blieb es friedlich - am Rande der Kundgebungen kam ein Mensch ums Leben.


Brasília/Hamburg - Die Demonstrationen in Brasilien gehen weiter - und werden immer größer. In der Nacht zum Freitag gingen landesweit in etwa hundert Städten mehr als eine Million Menschen auf die Straße. Die Demonstranten forderten ein besseres Gesundheits- und Bildungssystem und eine Ende der Korruption. In mehreren Orten endeten die Kundgebungen in Gewalt. Ein Mensch kam ums Leben, vermutlich Hunderte wurden verletzt.

An den größten Protesten in Rio de Janeiro beteiligten sich rund 300.000 Menschen. Die meisten von ihnen zogen friedlich durch das Zentrum der Stadt in Richtung Amtssitz des Bürgermeisters. Doch die Situation eskalierte, als die Polizei Tränengasgranaten auf den Protestzug abfeuerte. Anschließend kam es zu Straßenschlachten. Randalierer setzten im Verlauf der Nacht Autos in Brand, rissen Zäune um und steckten Plastikplanen in Brand. Auch mehrere Geschäfte im Stadtzentrum wurden geplündert.

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Hunderte Verletzte: Ausschreitungen beim Millionenprotest
Laut Augenzeugen sollen es die Angreifer besonders auf Plakate für den gerade in Brasilien stattfindenden Confederations Cup abgesehen haben. In Salvador de Bahia beschädigten Randalierer mehrere Busse des Fußball-Weltverbandes Fifa. In der Stadt fand am Abend das Confederations-Cup-Spiel zwischen Uruguay und Nigeria statt.

"Stoppt die Korruption, verändert Brasilien!"

An den sportlichen Großereignissen im Land - der Fußball-WM 2014 und den Olympischen Spielen in Rio 2016 - entzündet sich der Zorn vieler Brasilianer. Sie beklagen, dass durch die massiven Investitionen die Lebenshaltungskosten der Bürger nach oben geschnellt seien. Außerdem habe die Steuerlast in den vergangenen Jahren immer weiter zugenommen, ohne dass sich dadurch Schulen, Krankenhäuser oder Straßen verbessert hätten. Eine weitere Losung der Protestbewegung lautet: "Stoppt die Korruption, verändert Brasilien!"

In Rio wurden bei Zusammenstößen zwischen den Demonstranten und Sicherheitskräften mindestens 44 Menschen verletzt. In Brasília gab es mehr als hundert Verletzte, die von Gummigeschossen getroffen wurden oder Atemwegsbeschwerden wegen des Tränengaseinsatzes erlitten. Eine aufgebrachte Menge versuchte, das Außenministerium in der Hauptstadt zu stürmen und legte Feuer vor dem Gebäude.

In São Paulo, wo etwa hunderttausend Menschen demonstrierten, blieben die Proteste hingegen weitgehend friedlich. In der Kleinstadt Ribeirão Preto, etwa 300 Kilometer von São Paulo entfernt, wurde ein 18-Jähriger am Rande der Demonstrationen getötet. Ein Autofahrer, der sich offenbar weigerte, an einer von Demonstranten errichteten Barrikade zu halten, erfasste den jungen Mann mit seinem Wagen.

Als Konsequenz aus den anhaltenden Unruhen hat Präsidentin Dilma Rousseff eine geplante Japan-Reise abgesagt. Ihre Pressestelle teilte mit: "Sie hat entschieden, wegen der aktuellen Ereignisse in Brasilien zu bleiben."

syd/dpa/AP

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insgesamt 22 Beiträge
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rosiratlos 21.06.2013
1. Das ist das Problem,
wenn man die Ausrichtung der Fußball-WM an ein Land vergibt, in dem die sozialen Gegensätze schlimmer nicht sein können. Oder glaubt die FIFA, die Menschen leben aus nostalgischen Gründen in den zahlreichen Favelas? Und weil es so Spaß macht, gibt es zwei Jahre später gleich noch Olympia obendrauf. Natürlich kommen einige, vor allem strukturelle Maßnahmen später dem ganzen Land zugute und solche Großveranstaltungen sind schlussendlich auch gute Werbung für ein Land. Aber ich kann die Leute verstehen, dass sie jetzt die Bühne des Confed-Cups nutzen wollen, um der ganzen Welt zu zeigen, wie schlecht es ihnen geht.
schaech 21.06.2013
2. so kann es gehen...
ich habe für die offiziellen protest-gründe genauso viel verständnis,wie in bezug auf die proteste in der türkei... der unterschied ist,dass ich die "demonstranten" in brasilien als plünderer,brandschatzer und gewalttäter wahrnehme,denen ich die harte reaktion der sicherheitskräfte wirklich gönne. im falle brasiliens kann man wirklich von eigensicherung der beamten sprechen. die sollten sich ein beispiel an den demonstranten in der türkei nehmen,die bei allem widerstand keine solche zerstörungsorgie und plünderorgie veranstaltet haben.
freiheit123 21.06.2013
3.
Die Türkei und Brasilien haben die IWF-Schulden abbezahlt und jetzt brechen die Proteste aus ... komisch. 14.05.2013 - Türkei zahlt nach 52 Jahren IWF-Schulden ab. Anfang 2006 war dies auch Brasilien gelungen.
kirmanco 21.06.2013
4. wie kommt es
dass es hier gegen die Korruption im Lande demonstriert wird aber nicht gegen die Regierung? Wird nur in der Türkei gegen die Regierung demonstriert oder ist man hier bei seiner Wortwahl etwas nachdenklicher und vorsichtiger?
cuenal 21.06.2013
5.
Zitat von schaechich habe für die offiziellen protest-gründe genauso viel verständnis,wie in bezug auf die proteste in der türkei... der unterschied ist,dass ich die "demonstranten" in brasilien als plünderer,brandschatzer und gewalttäter wahrnehme,denen ich die harte reaktion der sicherheitskräfte wirklich gönne. im falle brasiliens kann man wirklich von eigensicherung der beamten sprechen. die sollten sich ein beispiel an den demonstranten in der türkei nehmen,die bei allem widerstand keine solche zerstörungsorgie und plünderorgie veranstaltet haben.
genau das haben sie getan. Wie verblendet oder schlecht unterrichtet sind sie eigentlich? über 200 PKWs in Brand gesetzt, Dutzende Banken und Automaten demoliert, Kranken- und Polizeiwagen in Brand gesetzt, alle Baumaschinen am Taksim-Platz (der eine verkehsberuhigter Platz werden soll und seit Monaten Bautätigkeit im Gange ist) in Brand gesetzt..Alleine der Schaden durch Brandstiftung soll ein Schaden von über 50 Mio€ generiert haben.
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