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Deutschland-Kurs für syrische Flüchtlinge: "Schwulsein verboten, Nazis erlaubt?"

Aus Beirut berichtet Ulrike Putz

Lehrerin Zeinab Artel: Was ist in Deutschland erlaubt, was tabu? Zur Großansicht
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Lehrerin Zeinab Artel: Was ist in Deutschland erlaubt, was tabu?

Syrische Flüchtlinge, die nach Deutschland umsiedeln, müssen vorher einen "Kurs für kulturelle Orientierung" absolvieren. Es geht um Mülltrennung, Nazis, Schwulenrechte. Und die Frage, wo man in der Bundesrepublik sein Schaf schlachten darf.

Im Grunde hat Familie Fares nichts dazugelernt. Drei Tage lang hat Lehrerin Zeinab Artel auf die vier Erwachsenen eingeredet: In Deutschland darf man niemanden bestechen. Wer versucht, einen Beamten zu schmieren, macht sich strafbar. Auch "Geschenke", mit denen sich Gefälligkeiten gesichert werden, sind nicht erlaubt.

Doch alte Gewohnheiten sitzen tief, und so versuchen die Fares gerade, einen Platz auf dem nächsten Flieger nach Deutschland zu organisieren - mittels Bestechung. Ob nicht die Lehrerin beim Herrn Doktor ein gutes Wort einlegen könnte, so dass der seine gebrechliche Mutter flugfähig schreibt, drängelt Anas Fares. Man könne da doch sicher ein Arrangement finden, das alle zufriedenstellt.

Artel lacht über solche Angebote: "Natürlich verstehen meine Schüler nicht, was ein Leben ohne Bestechung bedeutet", sagt die 28-Jährige im Beiruter Büro der Internationalen Organisation für Migration (IOM). Syrien sei bis ins Mark korrupt, wie es Kleptokratien eben so seien. "Ihr ganzes Leben war auf Schmiergeld aufgebaut. Nur so konnten sie etwas erreichen", sagt Artel über die syrischen Flüchtlinge, die sie in einem dreitägigen Crash-Kurs auf ihr neues Leben in Deutschland vorbereitet.

5000 besonders schutzbedürftige Flüchtlinge aus Syrien sollen in Deutschland Unterschlupf finden. Darunter fallen Familien wie die von Anas Fares, der einerseits eine schwer herzkranke Mutter und andererseits drei Kleinkinder hat. Auch der syrische Sänger, der wegen Kinderlähmung nur mühsam laufen kann und sich im Kurs durch flotte Sprüche Aufmerksamkeit verschafft, fällt in diese Kategorie. Und dann sind da Familien wie die Maaz, die just zum Kriegsbeginn 2011 zum Christentum konvertierten und seitdem daheim ihres Lebens nicht mehr sicher sind.

"Kurs zur kulturellen Orientierung für Deutschland"

Doch vor einer Ausreise nach Deutschland haben die Behörden den "Kurs zur kulturellen Orientierung für Deutschland" gesetzt. Während ihre Kinder nebenan unter Aufsicht Ritterbilder ausmalen, mühen sich 25 Erwachsene, das deutsche Wesen zu begreifen. Es geht um Bürokratie, die Arbeitssuche, das Gesundheitswesen, aber auch um für Syrer Unerhörtes: "In Deutschland ist die Polizei auf deiner Seite, sie wird dir helfen", versichert Artel ihren skeptischen Schülern: Im Polizeistaat Baschar al-Assads dürften die Wenigsten von ihnen Gutes mit der Staatsmacht assoziieren.

Murhaf Kasuha und seine Frau Maschd al-Bitar: "Kurs zur kulturellen Orientierung für Deutschland" Zur Großansicht
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Murhaf Kasuha und seine Frau Maschd al-Bitar: "Kurs zur kulturellen Orientierung für Deutschland"

Höhepunkt des Kurses ist der Moment, an dem Artel laminierte Fotos austeilt. Die Auswanderer müssen anhand der Bilder raten, was erlaubt, was verboten ist. Vieles erklärt sich von selbst: Diebstahl, Drogen, Gewalt gegen Frauen, das wird zu Hause in Syrien auch geahndet.

Doch dann wird es schon knifflig: Ein Bild zeigt ein Schaf, dem gerade die Kehle durchgeschnitten wird. "Weder in der Wohnung, auf dem Balkon noch auf der Straße dürfen Tiere geschlachtet werden", erklärt Artel. "Aber wie soll das denn gehen? Wenn geheiratet wird, muss man doch ein Schaf schlachten", wundert sich Murhaf Kasuha, der vor dem Krieg in der Stadt Kusair drei Kleidergeschäfte betrieb.

Seine Kinder sind elf und sieben Jahre alt, Kasuhas Läden und sein Haus liegen in Trümmern. In der Pause zeigt er Fotos herum. "Wir können nicht zurück, ich sehe uns in Deutschland alt werden", sagt der 42-Jährige, seine 38-jährige Frau nickt. Für sie ist es deshalb sinnvoll, schon jetzt an zukünftige syrische Hochzeiten ihrer Kinder in Deutschland zu denken. "Bring das Schaf zum Schlachter, schächte es da", rät die Lehrerin.

Das nächste Bild zeigt einen Mann mit drei Frauen im Arm: "Die islamische Mehrehe ist verboten", erklärt Artel und hält dann ein Piktogramm hoch, das zwei händchenhaltende Männer mit einem Liebesherz zeigt. "Schwul sein ist verboten!", ruft ein Mann. "Falsch!", sagt Artel und löst damit ungläubiges Gelächter aus. Homosexualität sei Teil der persönlichen Freiheit, die in Deutschland jeder genieße. "Wenn ihr im Café zwei Männer zusammen seht, dürft ihr eure Abscheu nicht zeigen", sagt sie.

Bitte pünktlich sein - auf die Minute

So geht es weiter: Kinder dürfen nicht geschlagen werden, die Deutschen nehmen Pünktlichkeit bis auf die Minute ernst, und dann ist da noch die Sache mit der Mülltrennung. Doch erst als die Lehrerin ein Hakenkreuz auf rotem Grund hochhält, ist die Verwirrung perfekt: "Wieso darf man die Nazi-Fahne nicht zeigen?", wollen die Flüchtlinge wissen. "Sind die Deutschen nicht stolz auf ihre Geschichte?"

Dazu muss man wissen, dass Adolf Hitler im Nahen Osten von manchen bis heute verehrt wird. Dass das Nazi-Regime die Vernichtung der Juden betrieb, gilt solchen - offen antisemitischen - Arabern als verdienstvoll. Doch den Deutschen deshalb Komplimente zu machen, sei eine ganz schlechte Idee, warnt Madame Zeinab. "Hitler, Nazis, der Holocaust: Vergesst es einfach. Die Deutschen sind da sehr empfindlich."

"Für uns ist das alles verwirrend", sagt Vater Maaz, der wegen seines christlichen Glaubens verfolgt wird. "Doch unsere Kinder werden das alles von klein auf lernen. Sie sollen kleine Deutsche werden."

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    Seite 1    
1. Lobenswert
werbungsv 15.02.2014
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINESyrische Flüchtlinge, die nach Deutschland umsiedeln, müssen vorher einen "Kurs für kulturelle Orientierung" absolvieren. Es geht um Mülltrennung, Nazis, Schwulenrechte. Und die Frage, wo man in der Bundesrepublik sein Schaf schlachten darf. http://www.spiegel.de/politik/ausland/beirut-deutschland-kurs-fuer-fluechtlinge-aus-syrien-a-951604.html
Natürlich ist das Prinzip, "fremden" "Kulturen" eine neue Lebensart beizubringen, lobenswert. Allerdings finde ich das ganze doch etwas blauäugig: - den Holocaust und die Sache mit den Nazis zu "vergessen", halte ich für dramatisch falsch. Und zwar ganz einseitig falsch! Wir Deutsche sollten das hinter uns lassen, ohne es zu vergessen, aber gerade diese Menschen aus potenziell antisemitisch-angehauchten Ländern, denen Hitler als großer Staatsmann gilt, sollten streng diesbezüglich aufgeklärt und erzogen werden! Die dürfen das auf keinen Fall vergessen, sondern es MUSS ihnen verständlich gemacht werden, dass Fremdenhass und Antisemitismus und Religionsfreiheit gerade gegenüber Atheismus (auch) in unserem Land eine Pflicht ist. Ohne geht gar nix, finde ich.. - Ich finde wir gehen viel zu "gutmenschig" mit anderen Sichtweisen um. Die keine Sichtweisen sind. Denn eine Alternative zu Freiheit, Aufklärung und Gleichberechtigung gibt es nicht!
2.
abraxas63 15.02.2014
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINESyrische Flüchtlinge, die nach Deutschland umsiedeln, müssen vorher einen "Kurs für kulturelle Orientierung" absolvieren. Es geht um Mülltrennung, Nazis, Schwulenrechte. Und die Frage, wo man in der Bundesrepublik sein Schaf schlachten darf. http://www.spiegel.de/politik/ausland/beirut-deutschland-kurs-fuer-fluechtlinge-aus-syrien-a-951604.html
Es ist immer wieder erstaunlich, wie sich manche aus den politischen linken bis linksliberalen Bereich für Zuwanderung von Menschen stark machen, die, wären sie Deutsche, von der selben Linken irgendwo zwischen schwer konservativ bis rechtsextrem eingeschätzt würden. Und aufs intensivste bekämpft.... Ich zähle mich übrigens zur Linken... Warum ist Politik so verdreht? Kann mir jemand diese Frage beantworten?
3. alternativ
Ballonmütze 15.02.2014
''In Deutschland ist die Polizei auf deiner Seite, sie wird dir helfen" Es sei denn in Syrien wird es wieder 'besser', dann klingeln sie nachts an deiner Tür und schieben dich ab. ;-) Im Ernst: Gute Sache solch ein Kurs. Sollte es für einige Bürger die schon hier sind, auch geben. Ob mit oder ohne Migrationshintergrund. :-)
4.
Nania 15.02.2014
Zitat von werbungsvNatürlich ist das Prinzip, "fremden" "Kulturen" eine neue Lebensart beizubringen, lobenswert. Allerdings finde ich das ganze doch etwas blauäugig: - den Holocaust und die Sache mit den Nazis zu "vergessen", halte ich für dramatisch falsch. Und zwar ganz einseitig falsch! Wir Deutsche sollten das hinter uns lassen, ohne es zu vergessen, aber gerade diese Menschen aus potenziell antisemitisch-angehauchten Ländern, denen Hitler als großer Staatsmann gilt, sollten streng diesbezüglich aufgeklärt und erzogen werden! Die dürfen das auf keinen Fall vergessen, sondern es MUSS ihnen verständlich gemacht werden, dass Fremdenhass und Antisemitismus und Religionsfreiheit gerade gegenüber Atheismus (auch) in unserem Land eine Pflicht ist. Ohne geht gar nix, finde ich.. - Ich finde wir gehen viel zu "gutmenschig" mit anderen Sichtweisen um. Die keine Sichtweisen sind. Denn eine Alternative zu Freiheit, Aufklärung und Gleichberechtigung gibt es nicht!
So sehr eine Aufklärung sinnvoll wäre, die Menschen haben andere Sorgen. Das sind Flüchtlinge, die vor Krieg, Gewalt und dem Tod fliehen. Eine Aufklärung über historische Fakten und darüber, wie man hier mit der Geschichte (vor allem übrigens der eigenen) umgeht, ist in meinen Augen absolut nebensächlich. Das kann man später hier machen - und muss es nicht auf der Flucht reinquetschen. Da verstehen es sowieso vermutlich die wenigsten. Darüberhinaus wäre es dann auch wünschenswert, wenn die fliehenden Syrer hier dann mit der nötigen Umsicht behandelt werden. Als Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen, in ein Land kommen, dessen Gepflogenheiten und Werte zumindest in Teilen unbekannt sind und dessen Geschichte sie nur in Auszügen kennen. Es wäre vermessen, zu fordern, dass ein Flüchtling, der hier hin kommt, direkt alles über die Kultur weiß und auch weiß, mit den Unterschieden zwischen seiner und "unserer" umzugehen. Das benötigt auch von unserer Seite aus Umsicht und Respekt.
5.
syracusa 15.02.2014
Zitat von abraxas63Es ist immer wieder erstaunlich, wie sich manche aus den politischen linken bis linksliberalen Bereich für Zuwanderung von Menschen stark machen, die, wären sie Deutsche, von der selben Linken irgendwo zwischen schwer konservativ bis rechtsextrem eingeschätzt würden. Und aufs intensivste bekämpft.... Ich zähle mich übrigens zur Linken... Warum ist Politik so verdreht? Kann mir jemand diese Frage beantworten?
Ihr Irrtum - den Sie mit vielen anderen und wohl auch vielen Linken teilen - ist wohl der einer grundfalschen Definition von "links". Links zu sein bedeutet zuallererst für die uneingeschränkte Durchsetzung von Menschen- und Bürgerrechten und den nur durch diese eingeschränkten individuellen Freiheiten einzutreten. Soziale Gerechtigkeit ist kein Wert an sich, sondern folgt aus elementaren Menschen- und Bürgerrechten. Links zu sein bedeutet deshalb auch zuallererst, die Meinung und von der eigenen abweichenden Kultur eines jeden anderen Menschen zu respektieren. Die Grenzen liegen auch da wieder bei der Achtung der Menschen- und Bürgerrechte. Man muss niemandem dabei zusehen, wie er die Grundlagen unseres Zusammenlebens zerstört. Links zu sein, bedeutet deshalb auch, Menschen, deren Leben, Gesundheit und Sicherheit bedroht sind, zu helfen und sie, sofern das möglich ist, auch zu beschützen. Dass man dabei seine Hilfe und seinen Schutz auch Menschen zukommen lässt, die nicht der eigenen Meinung folgen, und die z.B. wie im vorliegenden Fall aus tradionellen und kulturellen Gründen stark homophob sind, versteht sich von selbst. Es wird sich dann schon zeigen, ob die starken Werte, die man vertritt und durch seine Hilfeleistung auch beweist, beim Empfänger zu neuen Einsichten führen.
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Syrien-Krieg: Schlimmste Flüchtlingskrise seit Ruanda

Fläche: 185.180 km²

Bevölkerung: 22,265 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Wail al-Halki; Imad Khamis (designiert)

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