Beirut: Willkommen in Arabiens schwuler Party-Metropole

Von , Beirut

Freizügigkeit trotz aller Tabus: Beirut gilt als homosexuelle Party-Metropole des Nahen Ostens. Araber und westliche Touristen genießen die Freiheiten in der libanesischen Hauptstadt. Sogar ein schwuler Schönheitskönig wurde gekürt - nur seine Familie soll davon nichts wissen.

Schwulen-Szene in Beirut: Schönheitskönig mit Bart und Bäuchlein Fotos
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Elie ist ein strahlender Sieger. "Ich fühle mich großartig, ich hätte nie gedacht, dass ich gewinne." Der 28-jährige "Mister Bär Arabia 2010" freut sich wie eine frisch gewählte Schönheitskönigin. Doch Elie ist ein Mann, zweitens schwul und drittens Araber: Sich als Libanese von 150 Party-Gästen zum homosexuellen Schönheitsidol küren zu lassen, erfordert deutlich mehr Courage als ein Vorsprechen bei Heidi Klum.

In einem schicken Strand-Club südlich der libanesischen Hauptstadt Beirut versammelt sich am ersten Mai-Wochenende zu fortgeschrittener Stunde die "Bären"-Gemeinschaft des Nahen Ostens. Es sind "männliche Männer, die Männer lieben", wie Veranstalter Bertho Makso das Konzept "Bär" erklärt. Schwule, die sich betont maskulin geben, Muskeln und/oder Bäuche haben, kahl geschoren sind und Bart tragen.

Shakira dröhnt aus den Lautsprechern, am Pool lassen schmerbäuchige Saudis und Kuwaitis die gut gepolsterten, nackten Hüften kreisen. Gym-gestählte Libanesen flirten mit den extra angereisten Ausländern. Ab und zu verschwindet ein Paar in Richtung Strand. "Ich muss sagen, die Araber heißen uns mit großer Herzlichkeit willkommen", sagt ein aus den USA eingeflogener Partygast grinsend.

Die ausgelassene schwule Party ist ein kleines Wunder: Ob in Kairo oder Bagdad, Dubai oder Teheran - nirgendwo sonst in der islamischen Welt wäre eine so öffentliche Veranstaltung für Homosexuelle möglich. Nur im traditionell toleranten Libanon gibt es eine Nische, in der Schwule und Lesben wenigstens in Ansätzen offen lieben und leben können.

"Der Libanon ist das schwule Mekka des Nahen Ostens", sagt Party-Organisator Makso. Obwohl homosexuelle Handlungen auch im Libanon verboten seien, schere sich letztlich keiner um den Paragrafen 534. "Libanesen sind pragmatisch. So lange es gut fürs Geschäft ist, ist alles erlaubt, was Touristen anzieht."

Die Familie hat einen Verdacht

Und die männlichen Touristen kommen in Scharen: War die libanesische Hauptstadt früher in erster Linie beliebtes Ferienziel für schwule Araber, hat sich Beiruts Reputation als "freundliche" Stadt inzwischen auch im Westen herumgesprochen - dank begeisterter Reiseberichte in schwulen Internetforen.

Dementsprechend gut laufen Maksos Geschäfte. Der Reiseveranstalter, der sich auf schwule Kundschaft spezialisiert hat, ist fast das ganze Jahr über ausgebucht. Tagsüber Zedernwälder und Römer-Ruinen, abends Nachtleben. Zur Wahl des "Mister Bär" kann Makso Gäste aus den USA, Italien und der Schweiz begrüßen.

Einzig Tel Aviv macht Beirut als Schwulenzentrum des Nahen Ostens Konkurrenz. Die israelische Küstenstadt lud im vergangenen Jahr die Mitglieder der Internationalen Reise-Vereinigung für Schwule und Lesben zu einer Schnupper-Woche ein. Beirut konnte das nicht auf sich sitzen lassen: In diesem Jahr nun werden die Schwulenbeauftragten von Fluglinien, Hotelketten und Reiseanbietern im Libanon erwartet.

Die Reiseprofis dürfen sich überraschen lassen: Ein typischer, schwuler Abend in Beirut könnte im "Bardo" beginnen, in dem man unter der Regenbogenflagge gepflegt Asiatisch essen kann. Danach ein Drink im "Wolf", in dem sich die "Bären" treffen, wenn mal keine Pool-Party ansteht.

Später dann in den Club "Acid", in dem Hunderte Männer zu dröhnend lauter Musik tanzen. Touristen, die anbandeln, können darauf bauen, dass das Hotel-Personal den Extra-Gast diskret übersieht. "Wenn ich Gruppen habe und Paare ein Doppelbett wollen, ist das kein Problem", sagt Makso.

Doch die Freiheit hat ihre Grenzen: Kaum ein schwuler Libanese hat sich vor seiner Familie geoutet, von den Arabern aus konservativeren Ländern ganz zu schweigen. "Meine Schwester hat einen Verdacht, dass ich auf Männer stehen könnte, aber ich leugne das", sagt Elie. Der "Mister Bär Arabia 2010" hat stolz die Sieger-Flagge umgelegt: eine Regenbogenfahne in Brauntönen - die Haarfarben der Männer - auf der eine Bärentatze prangt.

Der in der Nachwuchskategorie als "Mister Bärenjunges" gekürte Hischam nickt eifrig. Auch seine Eltern ahnen nicht, dass er heute Abend mit nacktem Oberkörper vor einer rein männlichen Jury auf und ab spaziert ist. Dass ihre Söhne ein professionelles Fotoshooting gewonnen haben und nun in San Francisco beim "Mister Bär World" antreten könnten, sollen weder Elies noch Hischams Familien je erfahren.

Richter sind toleranter als die eigenen Verwandten

"Die typische Familie zieht es vor, nichts zu sehen, nichts zu hören, nichts zu sagen", sagt Veranstalter Makso. Seine Mutter, die seit dem ersten "Mister Bär"-Event 2006 die Schärpen für die Sieger näht, glaube heute noch, dass es sich dabei um einen Wettbewerb für Dicke handele. "Oder zumindest tut sie so", sagt Makso.

Dabei wird das Tabu, das Homosexualität auch im Libanon immer noch umgibt, nicht vom Staat diktiert. Erst kürzlich entließ ein Richter im Nordlibanon zwei Männer aus der Haft, die in flagranti ertappt worden waren. Das Gesetz, das ihre Liebe verbiete, sei nicht mehr zeitgemäß, urteilte der Richter. Was die gleichgeschlechtlich orientierten Männer und Frauen im Libanon gefangen hält, ist das engmaschige Netz gesellschaftlicher Normen.

Die Probleme, mit denen schwule Araber zu kämpfen haben, seien zum einen die nahöstliche Macho-Mentalität, zum anderen der in der Region stark ausgeprägte Familiensinn, sagt Paul, einer der älteren Party-Gäste. "Die jungen Männer stehen unter enormem Druck. Alle Welt drängt sie zu heiraten, Erben zu produzieren, den Familiennamen weiterzugeben", meint der Arzt. Erst wenn man über 40 Jahre alt sei, lasse einen die Verwandtschaft in Ruhe. "Dann gilt man als hoffnungsloser Fall", sagt der 47-Jährige, "Endlich!"

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insgesamt 13 Beiträge
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1. Was bleibt ist die Frage "wie lange"?
Transmitter 09.05.2010
Zitat von sysopFreizügigkeit trotz aller Tabus: Beirut gilt als homosexuelle Party-Metropole des Nahen Ostens. Araber und westliche Touristen genießen die Freiheiten in der libanesischen Hauptstadt. Sogar ein schwuler Schönheitskönig wurde gekürt - nur seine Familie soll davon nichts wissen.
In den Ruinen von Beirut, Jahrzehnte lang das "Paris des Nahen Ostens", ist heute vieles wieder möglich. Jedenfalls mehr Toleranz und Freiheit, als in den VAE, bisher als Alternative en vouge. Allerdings stellt sich die Frage, wie lange noch. Auch in Beirut nehmen die Gewalttaten radikaler Islamisten täglich zu und für die ist es Pflicht und Ehre, einen Schwulen zu töten.
2. wie schön
sanni1910 09.05.2010
Begeistert lese ich, das die Welt sich manchmal doch dreht, bekennende Schwule in einem arabischen Land. Hut ab!!!
3. Schülü Müslüs
woscha 09.05.2010
Zitat von sysopFreizügigkeit trotz aller Tabus: Beirut gilt als homosexuelle Party-Metropole des Nahen Ostens. Araber und westliche Touristen genießen die Freiheiten in der libanesischen Hauptstadt. Sogar ein schwuler Schönheitskönig wurde gekürt - nur seine Familie soll davon nichts wissen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,692876,00.html
Nein sowas. Dachte ich mirs doch schon gleich. Aber, wenn man sich die eine oder andere Kopftuchträger / -in so anschaut, konnte man schon hier und da mal ins Grübeln geraten. Die Frage ist bloß, wo sitzen denn die Mädels beim Gebet. Vorne oder hinten ? :-)
4. ist das Freiheit
mshoffmann 09.05.2010
Ich frage mich, ob das Freiheit ist. Als Typ, der selbst schwul gelebt hat, ist die homosexuelle Szene doch nicht Ausdruck demokratischer Freiheit. Es ist noch nicht einmal Ausdruck von Toleranz. Denn alles sind Schwule, aber nicht tolerant. Ich finde es schwach, wenn man einer Kultur, deren Lebendigkeit einstmals in einem toleranten Nebeneinander der Religionen begründet war, darüber das Attribut "frei" verleiht. Ein Bericht über die gesellschaftliche Lage im Libanon ist es, was ich von einer seriösen Nachrichtenagentur wie dem SPIEGEL erwarte und nicht Klientel - Berichterstattung. - Schade, dass sich DER SPIELGEL gerne auf diese Weise profiliert.
5. kann ich Bestätigen - Ich liebe Beirut
blnram1 09.05.2010
Beirut ist die schwulenmetropole des Nahen Ostens. Party ohne Ende. Leider auch mit allen negativen Folgen wie starken alkoholkonsum und Drogen. Beirut ist "Plastic", das ist eine verbreitete Meinung über die Stadt, Deshalb ist für viele Jungs Damaskus eine Alternative geworden. Die schwulen Tanzveranstalltungen ausserhalb von Damaskus sind legendär. Leider verliehrt die Stadt dabei ihren ungezwungenden Flair.
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Geschichte des Libanon
Eine Chronologie der leidvollen Vergangenheit des Landes an der Mittelmeerküste:
1958: Erster Bürgerkrieg
Bis in die fünfziger Jahre gilt der 1943 von Frankreich in die Unabhängigkeit entlassene Libanon als "Schweiz des Nahen Ostens". Die Wirtschaft blüht, die religiösen Gruppen leben in Frieden miteinander.

Corbis
Danach jedoch prägen Turbulenzen und Gewalt die Geschichte des Landes. Der erste Bürgerkrieg bricht 1958 nach Spannungen zwischen Muslimen und Christen aus. Auf Ersuchen von Staatspräsident Camille Chamoun entsandte US-Marineinfanteristen sorgen eine zeitlang für relative Ruhe.
1968: Kairoer Abkommen
Corbis
1968, ein Jahr nach dem arabisch-israelischen Sechstagekrieg, greifen Palästinenser vom Südlibanon aus immer wieder Israel an. 1969 schließen der Libanon und Palästinenserführer Jassir Arafat das Kairoer Abkommen zur Eindämmung der Guerilla-Aktivitäten.
1975 bis 1990: Zweiter Bürgerkrieg
Im Libanon herrscht Bürgerkrieg zwischen christlichen Milizen und muslimischen Verbänden. Die Folge sind schwere Verwüstungen - und 150.000 Tote. Einige der Milizen wechseln im Verlauf des Krieges die Fronten. 1976 greift die syrische Armee ein, 1978 besetzt Israel den Süden (bis zum Jahr 2000).
1982: Israelische Militäraktion
DPA
Die Israelische Militäraktion "Frieden für Galiläa" zur Zerschlagung der Palästinensische Befreiungsorganisation PLO von Jassir Arafat. Israel duldet dabei Massaker christlicher Milizen in den Palästinenserlagern Sabra und Schatila in Beirut.
1991: Syrien-Bündnis
Libanon schließt Freundschafts- und Sicherheitsabkommen mit Syrien, die dem libanesischen Nachbarland bis 2005 maßgeblichen Einfluss sichern. Aufteilung der Macht zwischen Christen und Muslimen. Unter Ministerpräsident Rafik al-Hariri, der bis 2004 mit Unterbrechungen regiert, erlebt das Land einen wirtschaftlichen Aufschwung.
1993 und 1996: Angriffe Israels
REUTERS
Israel beantwortet Raketenbeschuss jüdischer Siedlungen mit massiven Angriffen auf Stützpunkte der schiitischen Hisbollah im Südlibanon. 2000 Abzug der israelischen Armee aus dem Südlibanon.
2005: Zedernrevolution
REUTERS
Ein Bombenanschlag erschüttert Beirut im Februar 2005: Das Attentat gilt Ex-Ministerpräsident Rafik al-Hariri, er stirbt. Daraufhin brechen massive Proteste gegen die syrische Präsenz los ("Zedernrevolution").

Die syrische Armee zieht schließlich ab. Doch der Libanon wird von einer neuen Attentatswelle überzogen. Zu den vielen weiteren anti-syrischen Mordopfern zählt Industrieminister Pierre Gemayel (2006).

2006 bis heute: Krieg und Regierungskrise
DPA
Im Juli und August 2006 erlebt der Libanon einen Krieg zwischen Israel und der Hisbollah mit schweren Zerstörungen und mehr als 1000 Toten. Danach sichert eine Uno-Friedenstruppe die südliche Grenze des Landes.

Sechs pro-syrische Minister treten im November 2006 zurück, es folgen Demonstrationen der Opposition und eine anhaltende Regierungskrise. Erst mit dem Doha-Versöhnungsabkommen und der Wahl von Ex-Armeechef Michel Suleiman zum Präsidenten wird die Staatskrise im Mai 2008 beendet.

AFP
Im November 2009 wird der Sohn des ermordeten Rafik al-Hariri, Saad al-Hariri, als neuer Premier vereidigt - sein pro-westliches Lager hat bei den Parlamentswahlen die Mehrheit behaupten können. An der Regierung ist auch die pro-iranische Hisbollah beteiligt. Sie bringt die Koalition schließlich zu Fall, als sie am 11. Januar 2011 erklärt, ihre Minister aus dem Kabinett abzuziehen. Der Grund: Hariri habe sich nicht von dem Uno-Tribunal distanziert, das den Mord an seinem Vater aufklären soll.

Fotostrecke
Iranischer Einfluss im Libanon: Trend zum Tschador