Von Benjamin Bidder, Jan Puhl, Gregor Peter Schmitz, Carsten Volkery und Philipp Wittrock
Und wie reagiert nun Moskau selbst auf einen möglichen Nato-Beitritt? Eher unwillig. Das liegt vor allem an der aus russischer Sicht begrenzten Attraktivität des Vorschlags, die Nato solle eine Mitgliedschaft Moskaus erwägen.
Russland will nicht in das Bündnis. Oder besser gesagt: nicht in diese Nato. "Soll Russland eine praktische Mitgliedschaftsperspektive haben, muss sich die Allianz erst verändern", sagt Fjodor Lukjanow, Herausgeber der Zeitschrift "Russia in Global Affairs", zu SPIEGEL ONLINE.
Rund 60 Prozent der russischen Bevölkerung sehen in der heutigen Nato noch immer den alten Rivalen aus den Tagen des Kalten Kriegs. Auch die neue russische Militärdoktrin, von Präsident Dmitrij Medwedew erst im Februar unterzeichnet, benennt die Nato und ihre Expansion gen Osten explizit als militärische Bedrohung Russlands.
Auf der anderen Seite ziehen Russland und die Nato seit geraumer Zeit in Sachen Afghanistan an einem Strang. Bei seinem Besuch in Moskau warb Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen um russische Unterstützung, er bat um Hubschrauber heimischer Bauart und Polizeiausbilder. Russland versagt dem Bündnis die Hilfe nicht - auch wenn Russlands Botschafter bei der Nato, Dmitrij Rogosin, im Interview mit SPIEGEL ONLINE deutlich machte, dass Russland klare Gegenleistungen für die Hilfe erwartet. Russland fürchtet eine Scheitern der Nato am Hindukusch und eine Destabilisierung von Zentralasien.
Doch das gemeinsame Streben nach einer Stabilisierung von Afghanistan kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Gegensätze zwischen Russland und der Allianz weiter bestehen und erhebliches Konfliktpotential bieten, etwa die Frage einer US-Raketenabwehr in Europa.
"Heute wird die Nato durch ein Land dominiert: die Vereinigten Staaten", erklärt Außenpolitik-Experte Lukjanow. "Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass Russland einer amerikanischen Vorherrschaft in diesem Block so zustimmt, wie dies die Europäer getan haben."
Die Angst vor feindlichen Absichten der Nato bleibt
Ob gerechtfertigt oder nicht: Fakt ist, dass russische Spitzenpolitiker in der Nato noch heute jenen Militärblock sehen, der einst vor allem als Bündnis gegen die Sowjetunion gegründet wurde. Er biete demjenigen eine Million Dollar, ließ Moskaus Nato-Gesandter Rogosin erst Ende der vergangenen Woche verlauten, der ihm beweisen könne, dass die Allianz rein friedliche Absichten gegenüber Russland hege.
Russland will eine Neuorganisation der europäischen und transatlantischen Sicherheit - und sieht sich dabei auf Augenhöhe mit der Europäischen Union und den USA. Seit fast zwei Jahren wirbt Staatschef Medwedew schon für eine neue "transatlantische Sicherheitsarchitektur zwischen Vancouver und Wladiwostok". Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatschef Sarkozy lobten den Vorschlag wortreich auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2009. Sie meinten aber freilich nur, Russland dürfe sich gern in den bestehenden Strukturen einbringen. Medwedews Vorstoß legten sie geflissentlich zu den Akten.
Der Rühe-Vorschlag, so Experte Lukjanow, lässt überdies eine andere Frage unbeantwortet: das Verhältnis zu China. "Peking will auf keinen Fall, dass sich ein militärisch-politisches Bündnis wie die Nato bis an seine Grenzen nähert. Auf der anderen Seite sehe ich aber auch auf Seiten der Europäer wenig Bereitschaft, die Sicherheit Russlands zu garantieren und dafür im Zweifel auch die guten Beziehungen zu China aufs Spiel zu setzen."
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Nato | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH