"Unmittelbare Bedrohung" Brüssel fürchtet mögliche Anschläge wie in Paris

Einkaufszentren sind geschlossen, Konzerte abgesagt, U-Bahnen gestoppt: Die belgischen Behörden haben für die Hauptstadtregion Brüssel die höchste Terrorwarnstufe ausgerufen - es gebe eine "sehr ernste" und "unmittelbare Bedrohung".

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In Brüssel kommt das öffentliche Leben mehr und mehr zum Erliegen. Nachdem die Behörden in der Nacht zu Samstag die Terrorwarnung für die belgische Hauptstadt auf die höchste Stufe erhöht hatten, sollten öffentliche Gebäude, Einkaufszentren und Märkte geschlossen und Sportereignisse abgesagt werden, sagte der Ministerpräsident der Brüsseler Hauptstadtregion, Rudi Vervoort.

In der Brüsseler Innenstadt ließen viele große Geschäfte am Mittag die Rollläden herunter, die Einkaufsstraßen leerten sich. Die U-Bahn fährt bereits seit dem frühen Morgen nicht mehr und wird bis Sonntagnachmittag 15 Uhr stillstehen.

An Bahnhöfen wurden Passagiere verstärkt kontrolliert, Soldaten patrouillierten. Das Atomium, Wahrzeichen der Stadt, blieb geschlossen. Das Musikfestival Sound/Check und ein Konzert des Sängers Johnny Hallyday wurden ebenso abgesagt wie zahlreiche Fußballspiele.

Es habe eine Drohung vorgelegen, dass Attentäter "an verschiedenen Stellen" in Brüssel Anschläge mit Waffen und Sprengstoff verüben könnten, sagte Belgiens Regierungschef Charles Michel vor Journalisten. Er sprach von "vergleichsweise präzisen Informationen" über mögliche Anschläge, wie sie in Paris verübt worden seien. Mögliche Ziele seien "Einkaufsstraßen, Demonstrationen, belebte Orte und Verkehrsmittel".

Auswärtiges Amt warnt Brüssel-Reisende

Innenminister Didier Reynders sprach von einer "präzisen und unmittelbaren Bedrohung". Die Menschen wurden aufgefordert, "Konzerte, Großveranstaltungen, Bahnhöfe und Flughäfen, Nahverkehr" und vielbesuchte Geschäfte zu meiden. Die Terrorwarnstufe 4 gilt laut Michel für den Brüsseler Großraum, den Flughafen und die Stadt Vilvorde in Flandern, aus der etliche Jugendliche stammen, die sich zu Extremisten entwickelten.

Angesichts der Terrorwarnung hat das Auswärtige Amt Brüssel-Reisenden empfohlen, größere Menschenansammlungen in der Region zu meiden. Es werde auch erhöhte Wachsamkeit empfohlen sowie Weisungen der belgischen Sicherheitskräfte zu befolgen.

Die Bedrohungslage erfordere "besondere Sicherheitsmaßnahmen sowie detaillierte Empfehlungen an die Bevölkerung" in Brüssel, wo sich auch der Sitz der EU-Kommission sowie das Nato-Hauptquartier befinden, teilte das Krisenzentrum mit, das zum Innenministerium gehört.

Im Rest Belgiens gilt den Angaben zufolge weiterhin die Stufe 3, was einer "möglichen und wahrscheinlichen" Bedrohung entspricht. Die US-Botschaft empfahl ihren Landsleuten in ganz Belgien, zu Hause zu bleiben.

Waffen bei einer Wohnungsdurchsuchung gefunden

Belgien steht im Zentrum der Ermittlungen wegen der Anschläge am Freitag vor einer Woche in Paris mit 130 Toten. Seit den Terrorattacken in der französischen Hauptstadt wurden in Belgien eine Reihe von Verdächtigen festgenommen, darunter mehrere Angehörige eines der Attentäter. Während einige von ihnen später wieder freigelassen wurden, wurden gegen drei Verdächtige Ermittlungen wegen Terrorvergehen eröffnet.

Die Brüsseler Staatsanwaltschaft teilte mit, dass am Freitag bei der Durchsuchung der Wohnung eines Verdächtigen mehrere Waffen gefunden worden seien, aber kein Sprengstoff.

Am Freitag leitete die Generalstaatsanwaltschaft ein Strafverfahren gegen einen Verdächtigen ein, der am Donnerstag bei einer Razzia in Brüssel festgenommen worden war. Ihm werden Beteiligung an Terroranschlägen und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen.

Die beiden Verdächtigen Mohammed A. und Hamza A., die am vergangenen Samstag in Belgien festgenommen worden waren, bleiben zudem weiter in Haft. Sie sollen den flüchtigen Verdächtigen Salah Abdeslam nach den Anschlägen mit dem Auto aus Paris abgeholt und nach Brüssel gebracht haben. Salah Abdeslam lebte früher mit seinen beiden Brüdern in der Brüsseler Gemeinde Molenbeek.

Abdeslam wird verdächtigt, zu der Gruppe von Attentätern gehört zu haben, die am Freitagabend im Osten der Pariser Innenstadt dutzende Menschen in Cafés und Restaurants erschossen. Neben Salahs Bruder Brahim, der sich in einem Restaurant in die Luft sprengte, gehörte zu dem Kommando offenbar auch Abdelhamid Abaaoud. Der 28-jährige Belgier mit marokkanischen Wurzeln, der bei einem Polizeieinsatz am Mittwochmorgen im Pariser Vorort Saint-Denis getötet wurde, wird als mutmaßlicher Drahtzieher der Anschläge gehandelt.

Bereits früher hatten die Spuren islamistischer Gewalttäter in die Einwandererviertel belgischer Städte geführt.

lgr/AFP/dpa

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