Terroralarm in Brüssel Kampf um ein bisschen Normalität

Die belgische Polizei hat einen mutmaßlichen Attentäter festgenommen, im Land gilt weiter die höchste Terrorwarnstufe. Die Schulen sollen am Mittwoch wieder öffnen - unter "verstärkten Sicherheitsvorkehrungen". Die Lage im Überblick.

Fahrradfahrer in Brüssel: Die Sicherheitsvorkehrungen sind weiterhin hoch
Getty Images

Fahrradfahrer in Brüssel: Die Sicherheitsvorkehrungen sind weiterhin hoch


"Die Situation bleibt unverändert", sagte Belgiens Premier Charles Michel. Er meinte damit: Es besteht immer noch eine "ernste und unmittelbare Bedrohung". Am Montagabend hat er deshalb die höchste Terrorwarnstufe für den Großraum Brüssel verlängert - bis kommenden Montag. Die Antworten auf die wichtigsten Fragen im Überblick:

Warum gilt Terrorwarnstufe 4 auch weiterhin?

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 48/2015
Wie die Demokratie den Terror abwehren kann

Die belgische Regierung fürchtet ähnliche Terroranschläge wie in Paris. Deshalb hat sie bereits am Samstag die höchste von vier Terrorwarnstufe ausgerufen. Am Montag nahm Premier Michel an einer Sitzung des Nationalen Sicherheitsrats teil. Anschließend sagte er, es gebe weiterhin konkrete Hinweise auf einen möglichen Anschlag in Brüssel. Dort soll nun bis kommenden Montag Warnstufe vier gelten, im Rest Belgiens gilt Terrorwarnstufe drei.

Wie wirkt sich Terrorwarnstufe 4 aus?

Den Brüsselern wird empfohlen, belebte Orte wie Einkaufszentren und Bahnhöfe zu meiden. In den vergangenen Tagen blieben Schulen, Universitäten und Kinderkrippen geschlossen, öffentliche Verkehrsmittel standen still, in den Straßen patrouillierten Polizisten und Soldaten.

VIDEO: SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent Markus Becker über das Leben mit der höchsten Warnstufe

REUTERS
Am Mittwoch soll es zumindest einen kleinen Schritt Richtung Normalität geben: Die Schulen sollen dann "unter verstärkten Sicherheitsvorkehrungen" wieder öffnen, wie Premier Michel sagte. Auch der U-Bahn-Verkehr in Brüssel werde "schrittweise" wieder aufgenommen.

Was bedeutet das für die Wirtschaft?

Die Anschläge in Paris und die Terrorbedrohung in Belgien werden nach Einschätzung von Euro-Gruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem nicht den Wirtschaftsaufschwung beeinträchtigen. "Die Wirtschaft ist zurzeit sehr stark in der Eurozone. Ich nehme daher an, dass die gegenwärtigen Ereignisse keinen Einfluss darauf haben werden", sagte Dijsselbloem nach dem Treffen der Eurofinanzminister am Montag in Brüssel. Die für die Haushaltskontrolle verantwortliche EU-Kommission werde bei der Beurteilung der Budgets von Mitgliedstaaten zusätzliche Sicherheitskosten im Einzelfall prüfen.

Welche Erkenntnisse gibt es zu den Anti-Terror-Einsätzen?

Am Sonntagabend hatte es im Großraum Brüssel einen groß angelegten Terroreinsatz gegeben, 16 Menschen wurden dabei vorläufig festgenommen. Am Montagabend teilte die belgische Generalstaatsanwaltschaft mit: Gegen einen Verdächtigen, der bei den Razzien festgenommen worden war, sei ein Strafverfahren eingeleitet worden. Ihm wird vorgeworfen, einer Terrorgruppe anzugehören und an einem terroristischen Akt beteiligt gewesen zu sein. 15 weitere Verdächtige seien inzwischen wieder auf freien Fuß gesetzt worden, hieß es von der Staatsanwaltschaft.

Gibt es Fortschritte bei der Suche nach Salah Abdeslam?

Nach dem 26-jährigen Salah Abdeslam wird noch immer gefahndet. Er soll an der Terrorserie von Paris mit 130 Toten und Hunderten Verletzten beteiligt gewesen sein. Sein Bruder ist einer der Selbstmordattentäter von Paris. Salah Abdeslam ließ sich nach den Attacken in Paris von zwei Bekannten abholen und nach Belgien fahren. Nach ihm wird mit internationalem Haftbefehl gesucht.

Belgiens Innenminister Jan Jambon machte laut Nachrichtenagentur Belga im Sender VTM deutlich, dass die Behörden den Verdächtigen fassen wollten, ebenso "andere Personen in diesem Netz". In den nächsten Tagen sollten weitere Polizeieinsätze folgen, "bis die ganze Sache geklärt ist". Die bisherigen Operationen hätten nicht den gewünschten Erfolg gebracht, räumte er ein. "Das Problem ist nicht erledigt, das ist klar."

Wie reagiert die Politik?

Frankreichs Präsident François Hollande sucht internationale Unterstützung für den Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS). Dazu reist er am Dienstag zu Gesprächen mit US-Präsident Barack Obama nach Washington. Am Mittwoch wird Bundeskanzlerin Angela Merkel in Paris sein, am Donnerstag ist Hollande in Moskau beim russischen Staatschef Wladimir Putin zu Gast.

Hollandes diplomatische Mission hatte bereits am Montag begonnen: Gemeinsam mit dem britischen Premier David Cameron gedachte er vor dem Konzertsaal Bataclan in Paris der Opfer der Terrorserie. Cameron sagte Frankreich Unterstützung zu.

Die französischen Streitkräfte flogen erneut Lufteinsätze vom Flugzeugträger "Charles de Gaulle" aus. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums wurde in der Region der westirakischen Provinzhauptstadt Ramadi eine Gruppe Terroristen getötet. Auch in Syrien seien Ziele getroffen worden.

Das US-Außenministerium in Washington wies US-Bürger auf die weltweite Gefahr von Terroranschlägen auf Reisen hin. "Unsere derzeitigen Informationen legen nahe, das der IS, al-Qaida, Boko Haram und andere Terrorgruppen weiterhin terroristische Angriffe in mehreren Regionen planen", heißt es in der Mitteilung.

Der aktuelle Ermittlungsstand zu den Täter und Anschlägen von Paris

aar/AFP/dpa



© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.