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Anschläge in Brüssel: Wir dürfen unserer Angst nicht verfallen

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Solidaritätsbekundung in Brüssel

Trauer wird vergehen, die Wut verblassen - die Angst bleibt. Nach den Anschlägen von Brüssel dürfen wir uns nicht zu Geiseln unserer Gefühle machen lassen. Dann hätten die Feinde der offenen Gesellschaft gewonnen.

An diesem Morgen ist Europa schwer verwundet erwacht. Mehr als 30 Mitmenschen wurden von den Bomben der Wahnsinnigen aus dem Leben gerissen. Hinter uns liegt ein Angriff, der nicht nur unseren politischen Institutionen in Brüssel galt, sondern auch unserer Lebensweise: der offenen Gesellschaft. Flughäfen und U-Bahn-Stationen sind nicht nur Orte, an denen sich möglichst viele Menschen töten lassen. Sie sind Symbole für unser schnelles, unser freies Leben.

An diesem Morgen ist Europa traurig erwacht. Wir sind auch wütend und - egal wie forsch und abgebrüht wir uns sonst geben - auch verängstigt. All diese Emotionen sind verständlich. Aber wir müssen versuchen, sie einzuordnen. Wir dürfen nicht zu Geiseln unserer Wut und Angst werden. Wir müssen selbstbestimmt bleiben.

Jetzt ist vor allem die Zeit der Trauer. Sie braucht Raum und Zeit. Wären wir nicht traurig, hätten wir uns bereits eingerichtet im Zeitalter des Terrorismus, das die Dschihadisten uns aufzwingen wollen. Und die Fähigkeit zu trauern ist schon deshalb so wertvoll, weil sie uns von jenen traurigen Gestalten unterscheidet, die sich von nichts mehr rühren lassen. Die sich Gotteskrieger nennen, obwohl ihnen nichts mehr heilig ist - auch keine Menschenleben.

Etwas wird bleiben: die Angst

Die Zeit der Wut, so nachvollziehbar sie ist, sollten wir möglichst rasch überwinden. Wut ist selten ein vorteilhafter Antrieb, sie verleitet zur Irrationalität. Dazu, dass kluge, aufgeklärte Gesellschaften weit unter ihren Möglichkeiten bleiben. Würden wir uns von unserer Wut leiten lassen, hätten uns die Terroristen dort, wo sie uns haben wollen: auf derselben zivilisatorischen Stufe, von der aus sie uns bekämpfen. Wir sollten unsere Feinde mit unseren Stärken bekämpfen, unserem Wissen, unserer Technik. Wir sollten uns von unserer Vernunft, nicht unseren Bäuchen leiten lassen.

Leider sind diese Stunden auch die Zeit der Besserwisser und Zyniker. Dass Menschen wie die AfD-Politiker Marcus Pretzell und Beatrice von Storch die Tragödie von Brüssel missbrauchen, um vermeintliche Punkte in ihrem Kampf gegen die Flüchtlingspolitik zu machen, ist erbärmlich. Aber die offene Gesellschaft muss auch Dummheit und Niedertracht aushalten.

Wenn die Trauer verblasst ist, die Zyniker verschämt sind und die Wut unter Kontrolle ist, wird etwas bleiben: die Angst. Angst hat etwas Konstruktives, weil sie uns wachsam hält.

Eine offene Gesellschaft ist weder zur Naivität noch zur Wehrlosigkeit verdammt. Sie muss Polizei und Geheimdienste bei veränderter Bedrohungslage gezielt stärken, sie muss sich selbst immer wieder infrage stellen. Dass die Behörden in Europa zum Teil noch immer national vor sich hinwurschteln, als gäbe es weder eine Gemeinschaft noch offenen Grenzen, dass Datenbanken über potenzielle Terroristen nicht miteinander vernetzt sind, ist ein Unding und muss schleunigst behoben werden.

Die offene Gesellschaft darf sich nicht selbst fesseln

Die Angst kann uns aber auch schaden, sie kann uns zu Menschen machen, die wir nie sein wollten - und zu einer Gesellschaft, die nicht länger offen und frei ist. Wir sollten uns aus Angst vor den Terroristen nicht in einen Überwachungs- und Polizeistaat verwandeln. Es sind verständliche, urmenschliche Reflexe, die hinter dieser Sehnsucht nach Kontrolle und Überschaubarkeit stecken. Und doch wäre es die völlig falsche Reaktion, sich ihnen hinzugeben.

Wir dürfen auch nicht zulassen, dass die Menschenfeinde uns nötigen, unsere humanitären Grundsätze, dargelegt etwa in der Genfer Flüchtlingskonvention, abzulegen. Auch die offene Tür, gerade für Schutzbedürftige, ist der Kern einer offenen Gesellschaft.

Entscheidend ist, wie wir mit unserer Angst umgehen. Zur Wahrheit gehört, dass es weitere Anschläge geben wird. Dass mehr Sicherheit nur um den Preis von weniger Freiheit zu haben ist. Und dass wir auch in der Selbstfesselung nicht hundertprozentig sicher sein werden.

Wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen, so schwer das an diesem Tag nach Brüssel auch scheinen mag. Wir sollten weiter Konzerte oder Fußballspiele besuchen, sollten weder die Bahn noch das Flugzeug scheuen. Wir sollten uns weiter dafür einsetzen, dass Schutzbedürftige bei uns Sicherheit finden, ganz egal ob sie Atheisten, Muslime oder Zeugen Jehovas sind.

Würden wir all das aufgeben und unserer Angst verfallen, würden wir uns selbst verleugnen, unseren Glauben an Freiheit und Menschlichkeit. Einen größeren Triumph könnten wir den Feinden der offenen Gesellschaft nicht bescheren. Diese Selbstverleugnung, so hart es klingt, wäre schlimmer als weitere Anschläge.

Zum Autor
Markus Feldenkirchen
Maurice Weiss

Markus Feldenkirchen ist politischer Autor des SPIEGEL in Berlin und leitet das Meinungsressort.

  • E-Mail: Markus_Feldenkirchen@spiegel.de

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 281 Beiträge
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1. ich habe Angst
Butenkieler 23.03.2016
Angst mich in größere Städte, große Menschenmengen auf Bahnhof und Flughäfen zu begeben. Am liebsten würde ich zuhause bleiben. Das geht nicht, aber wie soll ich mich vor solchen Leuten schützen, die wollen das alle Christen sterben?
2. Natürlich
Heigoto 23.03.2016
Fühlt man mit den betroffenen Menschen bei diesem Terroranschlag. Es ist schrecklich auf diese Weise aus dem Leben gerissen zu werden oder schweren Schaden zu erleiden. Was mir allerdings auch auffällt: Die Äußerungen von Politikern sind stets vorhersehbar, zu verwechseln ähnlich zu denen bei den Terrorangriffen in Paris, vorgestanzte Äußerungen, die nicht unbedingt echte Anteilnahme zeigen. Zudem kann man auch fragen, inwieweit auch Politiker Verantwortung tragen an der Personalknappheit bei der Polizei.
3. Muss das sein?
karl_maria_renz 23.03.2016
Sorry, aber ich denke es gibt da draußen so viel zu recherchieren und zu berichten. Muss man uns also immer wieder mit diesen ewig gleichen Predigten kommen? Sind Journalisten die neue Priesterschaft? Meinen Sie nicht wir wissen selbst was wir zu fühlen haben? Und wenn da Angst ist, dann ist da eben Angst! Punkt! Und sie kann höchstens verdrängt werden, – falls man so verzaubert wäre von einem dieser Appelle. Ob das sinnvoll ist bezweifele ich aber. Scheinbar werden wir aus der Redaktions-Persepktive betrachtet wie Kinder die ermahnt werden müssen. Und – es ist grundfalsch und ich kann es nicht mehr hören, dass wir das Gegenteil tun sollen was der IS angeblich "will". Was der will muss völlig irrelevant sein, soweit das überhaupt so klar ist was er will (denn die sind wahnsinnig), es geht nur darum WAS WIR wollen! Und ich will hier keine wachsenden Parallelgesellschaften. Diese sind eine irreversible Belastung und langfristig eine echte Bedrohung für unsere Bevölkerung und unsere Werte.
4. Ja, Trauer vergeht
FSteiger 23.03.2016
die Angst verblasst und die Wut bleibt. Die Wut über diese besch..eidene Politik. Und: solange eine OFFENE Diskussion über Ursache und Wirkung ausbleibt werden wir immer wieder das Brandenburger Tor in irgendwelchen Landesfarben anstrahlen. Über Menschen selbst gibt es in DE keine Meinungsvielfalt. Ich bin gegen eine offene Tür und damit ein Menschenfeind. So einfach ist das.
5.
scareheart 23.03.2016
Mal wieder ein ins Nichts gesprochener Appell, der natürlich nicht ohne die obligatorische Spitze gegen die AfD auskommt.Tatsache ist: Diese Zellen reifen in längst entstandenen Nebengesellschaften, die an einer Assimilierung nicht ansatzweise Interesse hatten.Befeuert wird das Ganze noch durch die Politik der offenen Grenze,wie Frau Merkel sie zu verantworten hat.Hier wird der Grundstein gelegt,für die künftige Radikalisierung der Perspektivlosen.Die "offene Gesellschaft" ist zahnlos,weil sie sich selbst Denkverbote auferlegt, da man sonst der eigenen Ideologie widersprechen würde.Das Böse kommt eben nicht immer nur von rechts,Herr Feldenkirchen.
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