Recherche zu MH17-Abschuss Bellingcat-Autor war hauptamtlicher Stasi-Mitarbeiter

Die Recherchegruppe Bellingcat wirft Russland vor, Satelliten-Aufnahmen zur MH17-Katastrophe gefälscht zu haben. Einer der Autoren war hauptamtlicher Mitarbeiter der Stasi.

  Angebliche Bellingcat-Beweise zum MH17-Abschuss: Gefälschte Satellitenbilder?
bellingcat.com

Angebliche Bellingcat-Beweise zum MH17-Abschuss: Gefälschte Satellitenbilder?

Von , Moskau


Mit der Behauptung, das russische Verteidigungsministerium habe Satellitenbilder zum Abschuss von Flug MH17 manipuliert, sorgte die Rechercheplattform Bellingcat zuletzt für Aufsehen. Bild-Forensik-Experten haben den Report inzwischen als "Kaffeesatzleserei" und unwissenschaftlich kritisiert. Hany Farid vom Dartmouth College in den USA hält die Bellingcat-Analyse für "verhängnisvoll fehlerhaft bis spekulativ". Der Umgang mit den Bildern hat auch unter SPIEGEL-ONLINE-Lesern für Diskussionen gesorgt. Mehr dazu lesen Sie hier.

Nun steht die Plattform wegen einer Personalie im Mittelpunkt. Einer der Autoren von Bellingcat war nach Informationen von SPIEGEL ONLINE bis zur Wende Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR, kurz Stasi. Der Mann aus Berlin trat bei Bellingcat unter dem Pseudonym Timmi Allen in Erscheinung. Wie die Recherchen ergaben, findet sich Allens Klarname auf einer Liste, die rund 95.000 hauptamtliche Mitarbeiter der Stasi aufführt, Stand Herbst 1989. Laut Dienststellenschlüssel war der Mann in der Kreisdienststelle Treptow des Ministeriums für Staatssicherheit tätig.

Welche Aufgaben der Mann bei der Stasi genau hatte, ist unklar. Auch inwieweit seine Vergangenheit die Arbeit für Bellingcat beeinflusst haben könnte, lässt sich nicht sagen. Bellingcat-Gründer Eliot Higgins verteidigt den Mitarbeiter. Er sei nicht in der Position, Deutschen zu erzählen, was sie über die Vergangenheit von Timmi Allen denken sollten, sagte Higgins SPIEGEL ONLINE: "In den vergangenen neun Monaten habe ich ihn als Freiwilligen kennengelernt, der seine Freizeit geopfert hat, um die Wahrheit hinter dem Mord von 298 Passagieren an Bord von Flug MH17 aufzudecken."

Bellingcat hat sich in den vergangenen Jahren einen Namen mit Recherchen zu Kriegsverbrechen in Syrien, aber auch in der Ukraine gemacht. Timmi Allen gehörte zum Bellingcat-Team, das den Weg der russischen Buk-Rakete nachzeichnete, die für den Abschuss von Flug MH17 verantwortlich gewesen sein soll. Auch der SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE haben bei der Recherche zum MH17-Abschuss bereits mit Bellingcat zusammengearbeitet.

Timmi Allen wird auch als Autor im jüngsten Bericht geführt, in dem Bellingcat dem russischen Verteidigungsministerium vorwirft, Satellitenbilder zum Fall MH17 gefälscht zu haben.

Der Mann, der für Bellingcat als Timmi Allen auftrat, wollte die Vorwürfe gegenüber SPIEGEL ONLINE weder bestätigen noch dementieren. Im Umfeld von Bellingcat heißt es, er habe Higgins seine Vergangenheit erst kürzlich offenbart. Er sei "nicht stolz" auf die Zeit bei der Stasi. Er gebe an, mit den Genossen von einst gebrochen und ein neues Leben begonnen zu haben. In der Liste hauptamtlicher Mitarbeiter wird sein Jahresgehalt mit 20.295 Mark aufgeführt. Das lässt auf einen niedrigen Dienstgrad schließen.

Bellingcat positioniert sich als Plattform "von und für investigative Bürgerjournalisten", offen für jeden. An dem Portal arbeiten Personen aus zahlreichen Ländern.

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rickmarten 05.06.2015
1. Ein Sumpf mit Sumpfblüten
Allerdin gs hat SPON unlängst die jetzt so fraglichen "Enthüllungen" eher als glaubhafte Beweisführung an prominent er Stelle gebracht. Das da noch ein Stasi-Typ vorkommt, der vielleicht für drei Groschen seine Kenntnisse bei der Verbreitung von Falschaussagen beisteuerte, zeigt den ganzen Propaganda-Sumpf im Kampf gegen Moskau.
Havel Pavel 05.06.2015
2. Na und?
Glauben Sie etwa die Stasioffiziere waren Deppen? Wohl eher das Gegenteil dürfte der Fall sein! Die Ausbildung war mindestens so intensiv wie beim damaligen KGB!
tallinn1960 05.06.2015
3.
Das Problem mit Bellingcat ist, dass sie am Anfang eine These haben, was die Wahrheit ist, und dann nach Beweisen für diese These suchen. Am Ende steht die These dann mehr oder weniger gut belegt da. Obs die Wahrheit ist, bleibt aber völlig unklar, weil alternative Deutungen der Beweise und Würdigung aller - auch widersprechender - Tatsachen gar keine Rolle spielen. Darüber hinaus haben diese Amateure natürlich nur ganz selten Zugriff auf echte Tatsachenbeweise. Die können schliesslich nicht in der Ukraine und anderswo Zeugen befragen, Absturzstelle und Flugzeugteile in Augenschein nehmen, die Orginalbilddaten von Satelliten erhalten. Wie man ohne all das auch nur eine kleine Chance haben soll, die Wahrheit zu finden, das weiss ich nicht.
marthaimschnee 05.06.2015
4.
Na endlich kommt mal, was in der englischsprachigen Presse schon kurz nach dem Bekanntwerden kursiert, nämlich daß die sogenannte Beweisführung in dem Fall insgesamt mehr als nur fragwürdig ist.
abc. 05.06.2015
5. Die größten Kritiker der Elche
Die größten Kritiker der Elche waren früher selber welche.
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