Benedikt XVI. vor der Uno Rückfall ins Professoren-Latein

Es war wie eine Antrittsvorlesung. Papst Benedikt XVI. hob vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen ab ins Reich philosophisch-theologischer Reflexionen, die Sätze kompliziert, der Inhalt anspruchsvoll. Seine Botschaft: Ohne Glauben wird es keine bessere Weltordnung geben.

Aus New York berichtet Alexander Schwabe


New York - Es ist eine leise Stimme, die sich hier zu Wort meldet. Es ist die Stimme eines Gelehrten, der nicht durch die Emphase der Rede überzeugen muss, sondern durch deren Inhalt. Es ist die Stimme eines bescheidenen und feinsinnigen Menschen, der nicht versucht, durch Lautstärke und Theatralik zu punkten.

Papst Benedikt XVI. vor der Uno-Vollversammlung: Professoral statt plakativ
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Papst Benedikt XVI. vor der Uno-Vollversammlung: Professoral statt plakativ

Der Auftritt Benedikts XVI. im Glaspalast der Vereinten Nationen, dem Hauptsitz der Uno am New Yorker East River, ist komplett anders als jene, die in diesem Saal in die Geschichte eingegangen sind. Das klarste Gegenmodell lieferte 1960 Nikita Chruschtschow, der sich gegen den westlichen Imperialismus so in Rage redete, dass er am Ende mit seinem Schuh auf das Rednerpult eindrosch.

Jassir Arafat legte - in Uniform, aber überraschend glattrasiert - einen legendären Auftritt vor der Weltorganisation 1974 hin. Als er tosenden Schlussbeifall erntete, hob er beide Hände in dankender Gebärde über den Kopf, wodurch seine Jacke nach oben rutschte. Sichtbar wurde ein Pistolenhalfter, wobei ungeklärt blieb, ob auch eine Pistole drinsteckte. Ein Sprecher der palästinensischen Delegation behauptete anschließend, Arafat habe gar "mit geladener Pistole" vor der Vollversammlung gesprochen.

An Dreistigkeit nicht zu überbieten war Venezuelas Präsident Hugo Chavez, als er 2006 einen Tag nach US-Präsident George W. Bush vor die Vollversammlung trat, die Hände zum Himmel hob und sich bekreuzigte. "Gestern war der Teufel hier", rief Chavez, "es stinkt immer noch nach Schwefel!"

Nun aber ist der Stellvertreter Christi auf Erden da - der dritte Papst, der vor dem Gremium des Zusammenschlusses von 192 Staaten spricht. Paul VI. redete 1965 vor allem für Frieden und Abrüstung. "Wenn ihr Brüder sein wollt, lasst die Waffen aus der Hand fallen", sagte er und schloss seine Rede mit einem dreifachen: "Nie wieder Krieg!"

Johannes Paul II. war zwei Mal hier. 1979 setzte er sich für die weltweite Stärkung der Menschenrechte ein, forderte von den Industriestaaten eine stärkere Unterstützung der Entwicklungsländer und verurteilte ökonomischen Egoismus. 16 Jahre später, 1995, zum 50. Geburtstag der Weltorganisation, forderte der Pole, die Uno müsse "mehr und mehr von einer administrativen Institution zu einem moralischen Zentrum werden".

Genau daran schließt Benedikt XVI. an, weniger plakativ als Paul VI., tiefgründiger als Johannes Paul II., zugleich viel theoretischer und komplizierter. Er liest Sätze vor, wie sie Kant, Fichte oder Hegel konstruiert haben könnten. Es ist eine Rede, die das theologische Fundament liefert für die von seinem Vorgänger geforderte Uno als einem "moralischen Zentrum". Eine gerechtere Weltordnung könne nicht erreicht werden durch eine "bloße Anwendung korrekter Verfahrensweisen", oder falls sie gesetzlich verordnet würde, doziert der ehemalige Theologieprofessor, sondern müsse auf einem "fundamentalen Kern von Werten" gründen, die nicht der Befriedigung simpler Interessen dienen könnten.

Wenn Ratzinger über die Aufgaben der Uno reflektiert, sagt er nicht, die Vereinten Nationen sollten den Weltfrieden sichern, das Völkerrecht wahren, die internationale Zusammenarbeit fördern, die Menschenrechte schützen oder dergleichen. Bei ihm hört sich das so an: "Die Vereinten Nationen verkörpern das Streben nach einem höheren Grad internationaler Ordnung, inspiriert und geführt vom Grundsatz der Subsidiarität und daher befähigt, auf die Bedürfnisse der Menschheitsfamilie zu antworten durch die Verbindlichkeit internationaler Regeln und durch Strukturen, die es ermöglichen, dass sich das Leben der Menschen von Tag zu Tag harmonisch entfalten kann."

Intellektuellen-Training, Philosophensätze, die schon im nächsten Satz aufs Politische heruntergebrochen werden - ohne dass dieser deshalb einfacher würde. In seiner Ansprache auf dem Rasen vor dem Weißen Haus vor drei Tagen redete er noch Bush, ins Gewissen, nun dem ganzen Land. Wer sonst soll gemeint sein, wenn er fortfährt: Die Verbindlichkeit internationaler Regeln "ist umso notwendiger in einer Zeit, in der wir das offensichtliche Paradox eines multilateralen Konsensus erfahren, der weiter in der Krise ist, weil er noch immer untergeordnet wird den Entscheidungen von Wenigen, obwohl die Probleme der Welt ein Eingreifen in Form gemeinsamer Aktionen durch die internationale Gemeinschaft verlangen." Er hätte auch sagen können: Der kriegerische Alleingang der USA im Irak ohne Zustimmung der Uno ist nicht akzeptabel.

Etliche Beobachter und Vatikan-Experten äußerten sich enttäuscht über die Rede des Papstes. Er habe eine Chance vertan, klar und deutlich die Probleme der Welt zu benennen. In der Tat hat Benedikt keinen Forderungskatalog abgearbeitet: erstens Tibet, zweitens Irak, drittens Palästina, viertens Darfur, fünftens der Hunger in der Welt, sechstens Umweltverschmutzung, siebtens die ungerechte Weltwirtschaftsordnung und so weiter und so fort. Doch was hätte er damit erreicht? Was hätte er dazu sagen sollen, was nicht schon x-mal gesagt worden wäre?

Stattdessen versucht Benedikt XVI. vor den versammelten Staaten der Welt auf die positive Bedeutung der Religion hinzuweisen. Statt sich im politischen Tagesgeschäft zu verlieren, versucht er zu zeigen, welche Rolle eine recht verstandene Theologie spielen und wie ein recht gelebter Glaube der Welt nutzen kann. Etwa zur Förderung der von der Uno vertretenen Menschenrechte: Für Benedikt sind sie an die "Freiheit des Glaubens" gebunden, der wiederum "gegründet und geformt" ist, "durch die transzendentale Natur der Person, die Männer und Frauen ermöglicht, ihren Glaubensweg und ihre Suche nach Gott in dieser Welt zu verfolgen".

Zusammenhänge dieser Art müssten klar werden, schließt der Papst seine Rede, "wenn wir die menschliche Hoffnung auf eine bessere Welt aufrechterhalten, die Bedingungen für Frieden, Entwicklungen und Zusammenarbeit schaffen und die Rechte für kommende Generationen garantieren wollen". Ob sie es geworden sind?

Der Applaus nach dieser Antrittsvorlesung bei der Uno ist anhaltend, eher freundlich als überschäumend. Er passt zum leisen Ton, mit dem der Pontifex vorgetragen hat. "Eine wichtige und inspirierende Darlegung" - mehr sagt Kerim Srgjan, amtierender Präsident der Vollversammlung, dem Papst nicht.

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