Bengasi Der Krieg hinter der Front

Bengasi gilt als Hochburg der Rebellen. Doch der Frust unter den Gegnern Gaddafis wird größer. Je länger der Triumph an der Front ausbleibt, desto aggressiver werden sie. In der Stadt wird nun ein anderer Krieg geführt - unkontrollierbar und mit offenem Ausgang.

DPA

Von , Bengasi


Während die Weltpresse nach Libyen reist, um über die Luftattacken westlicher Kampfjets zu berichten, während Kinder zwischen den abgeschossenen Panzern spielen und die Rebellen wieder nach Südwesten Richtung Adschdabija stürmen, tobt hinter der Front, in Bengasi, ein eigener, eigenartiger Krieg. Es ist der zwischen konservativen Reformern, unerfahrenen Rebellen und alten Gaddafi-Anhängern. Eine neue Ordnung entsteht in der Stadt. Und je länger sich Gaddafi an der Macht hält, je länger die Schulen geschlossen haben und die Arbeit ausbleibt, desto höher ist die Chance auf ein Scheitern der Revolution. Ganz ohne Gaddafi.

Auf dem "Platz der Freiheit" am Alten Gericht wurde am Montag bekanntgegeben, dass die "Ligan Thauria", die alten Revolutionskomitees und Anhänger Gaddafis, 24 Stunden Zeit hätten, ihre Waffen abzugeben. Wenn sie es nicht tun, würden sie als die behandelt werden, die sie seien: als Mörder und Feinde der Revolution. Der Begriff "Feinde der Revolution" klingt vertraut. In der Französischen Revolution wurde er benutzt, um alte Gegner unter die Guillotine zu bringen. Und Gaddafi selbst gebrauchte ihn nach seiner eigenen Revolution.

Die Bekanntmachung vom Montag war die erste offizielle Verlautbarung zu diesem Thema. Wie mit den Feinden der jetzigen Revolution in Bengasi schon vorher umgegangen wurde, konnte man in den vergangenen Tagen erleben. Häuser wurden überfallen, Nachbarn verschleppt, Verdächtige exekutiert. Ihnen wurde vorgeworfen, von Gaddafi reaktiviert worden zu sein, so wie Schläferzellen der al-Qaida. Und vielleicht stimmt es ja.

Mohammed Nabbous wurde am Samstag wohl das Opfer solcher Gaddafi-Getreuer. Er war einer der prominentesten Journalisten der Stadt, der vom ersten Tag der Revolution mit der Kamera auf der Straße stand und den ersten freien Fernsehsender der Stadt aufbaute. 28 Jahre alt ist er vor kurzem geworden, er hinterließ seine Frau und ein ungeborenes Kind. Er wurde erschossen, kurz nachdem er Beweise für den Bruch der Uno-Sanktionen durch den Diktator ausstrahlte.

Es verschwinden Leute in der Stadt, die mit Journalisten gesprochen haben, und es verschwinden Journalisten selbst. Einige, mit denen man spricht, wollen ihren Namen nicht mehr sagen, wollen kein Foto, wollen sich nicht mehr verabreden und haben Angst, am Telefon abgehört zu werden. Das Gerücht besagt, dass Gaddafi gezielt gegen westliche Medien vorgehen wolle, um sie außer Landes zu jagen.

"Gaddafi good! Gaddafi - Germany - good"

300 von Gaddafis Leuten sollen in der Stadt sein, die "Blut an den Händen haben", sagt Abdul Hafiz Ghoga, der Sprecher des Nationalen Übergangsrats, der neuen Regierung der Rebellen. Sie seien diejenigen, die aus fahrenden Autos auf Passanten schießen, um Angst zu verbreiten. Andere in der Stadt sprechen von mehr als 7000. "Wir waren doch irgendwie alle Ligan Thauria", sagt der Nachbar eines verschleppten Gaddafi-Anhängers. Man sei eben Mitglied geworden, um Stipendien zu bekommen, um Karriere zu machen, aber ein Killer sei man nicht gewesen. Es klingt wie die Entschuldigung eines ehemaligen IM.

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Ein wartender Fahrer vor einem Hotel in der Stadt sagt offen, als er hörte, dass man Deutscher sei: "Gaddafi good! Gaddafi - Germany - good". Und dann hält er beide Finger aneinander, einen für Gaddafi, einen für Deutschland.

An den Checkpoints der Rebellen zeigt er ihr Victory-Zeichen, dahinter hebt er die Faust Gaddafis, wie man sie nur in den Propaganda-Veranstaltungen des staatlichen Fernsehens sieht. Es gibt Anhänger von Gaddafi, auch in Bengasi, die Stadt ist keine reine Rebellenhochburg. Sie halten sich versteckt und warten auf bessere Zeiten. Der "Bruder Führer" in Tripolis ist auch in Bengasi für einige noch der starke Mann, als der er sich gibt. Der eine halbe Million Häuser bauen will, auch wenn sie nicht fertig werden, und der mit dem Great-Man-Mad-River-Projekt einen ganzen Fluss erschafft, auch wenn sein Wasser versiegt.

Gangs mit Flak-Geschützen auf den Straßen

Aber nicht nur die alten Anhänger Gaddafis, auch die Rebellen sind gefährlich geworden. Der Frust ist groß über das langsame Fortschreiten der Revolution. Außer militärischen Erfolgserlebnissen gibt es wenige. Viele sind arbeitslos. Große Firmen in der Stadt, meist Baufirmen, wie Bilfinger Berger, sind abgezogen. Einige junge Männer sieht man mit quietschenden Reifen durch die Stadt fahren, andere messerwedelnd in öffentlichen Gebäuden den Chef markierend. Die allnächtlichen Straßenszenen erinnern an Gangkämpfe in São Paulo, bloß dass die Jugendlichen dort nicht mit Flak-Geschützen bewaffnet sind.

Auch viele junge Akademiker, die kurz davor waren, einen Abschluss zu machen und einen guten Job zu bekommen, beginnen frustriert zu werden. Einer, dem man schwören muss, dass man seinen Namen nicht schreibt, hat Wirtschaft an der Gharyounis-Universität studiert. Ihm sei ein Job als Manager bei Bilfinger Berger angeboten wurde, 2000 Dinar hätte er verdient. Jetzt ist er arbeitslos. Über seine gleichaltrigen Rebellenkollegen sagt er: "Sie sind unter 30 und haben keine Frau. Sie sind stolz auf die Waffen, die sie aus den Kasernen erbeutet haben. Sie wissen nicht, wie sie sich kontrollieren können. Sie werden leicht aggressiv. Sie haben diese Waffen und verlieren sich."

Die Revolution findet er aber trotzdem gut, versichert er noch.

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