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Vor Treffen mit Merkel: Netanyahus wirre Holocaust-Theorien

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Israels Premier Netanyahu: Drastische Aussagen zum Völkermord Zur Großansicht
AP/dpa

Israels Premier Netanyahu: Drastische Aussagen zum Völkermord

Kurz vor seinem Berlin-Besuch sorgt Benjamin Netanyahu mit wilden Anschuldigungen gegen die Palästinenser für Empörung. In einer Rede gab er ihnen die Schuld am Holocaust. Damit verstört er sogar israelische Historiker.

Benjamin Netanyahu ist für seine drastische Rhetorik bekannt - doch nun hat er sich in eine Reihe mit Geschichtsrevisionisten und Holocaust-Leugnern gestellt. In einer Rede vor dem Zionistischen Kongress bezichtigt der israelische Regierungschef die Palästinenser, Adolf Hitler zum Genozid an den Juden angestiftet zu haben.

In seiner Ansprache am Dienstag schilderte Netanyahu, wie Anführer der Palästinenser jahrzehntelang zu Angriffen auf Juden aufgerufen hätten. In den Mittelpunkt rückte er Haj Amin al-Husseini. Der damalige Großmufti von Jerusalem hatte sich in den Dreißigerjahren dem NS-Regime angedient, flüchtete 1941 nach Berlin und wurde im November desselben Jahres von Hitler empfangen.

Netanyahu behauptet nun: "Hitler wollte die Juden zu diesem Zeitpunkt nicht auslöschen, er wollte die Juden vertreiben. Haj Amin al-Husseini ging zu Hitler und sagte: 'Wenn du sie ausweist, werden sie alle hierherkommen.' 'Was soll ich denn dann mit ihnen machen?', fragte er. Er sagte: 'Verbrenn' sie'"

Mufti Husseini (l.), Hitler: Treffen 1941 in Berlin Zur Großansicht
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Mufti Husseini (l.), Hitler: Treffen 1941 in Berlin

Der israelische Ministerpräsident behauptete also, erst der Großmufti habe Hitler auf die Idee gebracht, die Juden zu vernichten. Diese Äußerung sorgte prompt für Empörung. Der ehemalige Chef-Unterhändler der Palästinenser bei den Friedensverhandlungen mit Israel, Saeb Erekat, sagte: "Netanyahu hasst die Palästinenser so sehr, dass er bereit ist, Hitler vom Mord an sechs Millionen Juden freizusprechen."

Auch israelische Historiker weisen Netanyahus Behauptung entschieden zurück: "Es ist nicht wahr, dass der Mufti Hitler auf die Idee gebracht hat, Juden zu töten oder zu verbrennen", sagte Dina Porat, Chefhistorikerin der Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem in Jerusalem. "Ihr Treffen fand nach einer ganzen Reihe von Ereignissen statt, die darauf hinwiesen."

Auch Meir Litvak, Geschichtsprofessor der Universität Tel Aviv, verwies darauf, dass Hitler bereits 1939 zum Völkermord an den Juden entschlossen gewesen sei.

Tatsächlich hatten SS-Einsatzgruppen bereits im Juli 1941 massenhaft Juden in Litauen erschossen. Im September 1941 töteten Deutsche innerhalb von zwei Tagen 34.000 Juden in Babi Jar in der Ukraine. Diese Massaker fanden vor dem Treffen von Hitler und Husseini statt.

So wie Netanyahu hatte sich zuvor unter anderem der verurteilte Holocaust-Leugner und Antisemit David Irving geäußert. Der Brite behauptete ebenfalls, Hitler wollte die Juden lediglich vertreiben. Diese Darstellung wurde 2000 in einem aufsehenerregenden Prozess zwischen Irving und der US-Historikerin Deborah Lipstadt widerlegt. Irving darf seither öffentlich als "Lügner", "Geschichtsfälscher", "Antisemit" und "Rassist" bezeichnet werden.

Netanyahu wird sich Fragen gefallen lassen müssen

Vor seinem Abflug zu einem Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel relativierte dann auch Netanyahu seine Äußerungen vom Vortag. Er habe Hitlers Verantwortung für den Holocaust nicht herunterspielen wollen, sagte der Premier auf dem Flughafen von Tel Aviv. "Er ist verantwortlich für die "Endlösung", er hat die Entscheidung getroffen. Aber es ist absurd zu ignorieren, dass Mufti Haj Amin al-Husseini dabei eine Rolle gespielt hat."

Netanyahus Äußerungen drohen das Treffen mit Merkel zu überschatten. Ein Regierungssprecher in Berlin stellte wenige Stunden vor dem Termin klar, dass Deutschland die Verantwortung für den Holocaust trage und sich an dieser Einschätzung nichts geändert habe.

Bei dem Gespräch im Kanzleramt dürfte die angespannte Lage in Israel und den palästinensischen Gebieten im Mittelpunkt stehen. Seit Wochen gehen Palästinenser mit Messern auf Juden in Israel und dem Westjordanland los. Bei den Angriffen wurden bislang acht Israelis und 25 arabische Attentäter getötet.

Die Konfliktparteien heizen die Stimmung mit gegenseitigen Vorhaltungen an und machen einander für die Eskalation verantwortlich. Netanyahus Äußerungen zum Holocaust sind der vorläufige Tiefpunkt.

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