Netanyahu bei Putin Strategisches Speeddating in Moskau

Russland arbeitet mit Iran zusammen, dem Erzfeind Israels. Und Israel fliegt Luftangriffe gegen Syrien, den Vasallen Moskaus. Wie lange kann das gut gehen?

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Wladimir Putin stand bei strahlendem Sonnenschein in der ersten Reihe, als am Mittwochvormittag die russische Armee ihre traditionelle Militärparade auf dem Roten Platz abhielt, mit dem der Sieg über Nazi-Deutschland gefeiert wird. Daneben: Hochdekorierte Generäle, Premier Dmitrij Medwedew - und Benjamin Netanyahu.

Am Revers trug der israelische Ministerpräsident das schwarz-orange Sankt-Georgs-Band, einstmals Tapferkeitsabzeichen der Zarenarmee, heute Symbol der Veteranen des Zweiten Weltkriegs. Und: Erkennungszeichen prorussischer Verbände im Krieg in der Ostukraine.

Video: Militärparade in Moskau

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Für Netanyahu läuft es derzeit gut. Seit Jahren hat er dafür gekämpft, dass die USA aus dem internationalen Atomabkommen mit Iran austreten und ihre Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem verlegen.

Donald Trump hat nun beides gemacht: Am Dienstag kündigte er den Deal mit Teheran einseitig auf, am kommenden Montag werden die US-Diplomaten in die Heilige Stadt umziehen. Die Wegweiser wurden von der Stadtverwaltung bereits angebracht. Und am Mittwoch nun eben der prestigeträchtige Termin bei Putin. Mehr geht nicht.

Wegweiser zur neuen US-Botschaft in Jerusalem
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Wegweiser zur neuen US-Botschaft in Jerusalem

Abseits der Parade und hinter verschlossenen Türen dürften beide vor allem zwei Themen besprochen haben: Irans Atomprogramm und den Krieg in Syrien.

In beiden Punkten sind Putin und Netanyahu unterschiedlicher Meinung: Der russische Präsident äußerte sich "tief besorgt" wegen Trumps Ausstieg aus dem Iran-Deal. Sein Außenminister Sergej Lawrow hatte das Abkommen über Jahre mit ausgehandelt.

"Dieses Treffen ist besonders wichtig"

Russland ist zudem neben Iran die Schutzmacht von Baschar al-Assad. Noch vor seiner Abreise hatte Netanyahu erklärt: "Die Treffen zwischen uns sind immer wichtig, aber dieses ist besonders wichtig."

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Russischer Militäreinsatz in Syrien: Moskau unterstützt Damaskus

Unmittelbar nach Trumps Entscheidung hatte Israels Armee "ungewöhnliche Aktivitäten" iranischer Streitkräfte in Syrien gemeldet. Das Militär mobilisierte daraufhin Reservisten und öffnete Bunkeranlagen für die Zivilbevölkerung auf den Golanhöhen.

Am späten Dienstagabend wurde nach Angaben von Aktivisten ein Militärgelände nahe der Hauptstadt Damaskus angegriffen, dabei wurden auch Mitglieder der iranischen Revolutionsgarden getötet. Das Ziel des Bombardements war offenbar eine Lieferung iranischer Raketen. Wieder einmal. Bislang blieb die Attacke ohne Antwort aus Teheran. Die Frage ist, wie lange.

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Netanyahu bei Putin: Ein Sieger auf der Siegesparade

Dass Israels Luftwaffe immer wieder in den syrischen Bürgerkrieg eingreifen und iranische Stellungen tief im Feindesland angreifen kann, liegt unter anderem an der Luftüberlegenheit.

Moskau wollte bereits vor Jahren das schwere S-300-Luftabwehrraketensystem an Syrien verkaufen. Israel war dagegen und konnte die russische Seite bislang davon überzeugen, die Lieferung aufzuschieben.

S-300-System (Archiv)
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S-300-System (Archiv)

Aber selbst wenn Russland den Diktator von Damaskus künftig mit dem modernen Kriegsgerät versorgt, bestehe für Israel kein Grund zur Sorge, sagt Eyal Zisser, Syrien-Experte und stellvertretender Rektor der Universität Tel Aviv. "Russlands Lieferung des S-300-Systems wäre kein dramatischer Wendepunkt", sagt er. "Die syrische Armee verfügt bereits heute über moderne Waffensysteme - aber den Soldaten, die diese bedienen, fehlt das Know-how - und so wäre es auch beim S-300-System."

Israelischer Minister droht Assad mit dessen "Ende"

Israel droht bei einem iranischen Angriff aus Syrien mit schwerwiegenden Folgen. Juval Steinitz, Mitglied im israelischen Sicherheitskabinett, drohte Assad für diesen Fall in einem Interview mit der Newsseite "ynet" mit dessen "Ende".

Er paraphrasierte dafür sogar ein Zitat des biblischen Propheten Ezechiel, der warnt: Jemand, der den "Schall des Widderhorns zwar hört, sich aber nicht warnen lässt", müsse damit rechnen, dass "Blut auf seinem Haupt" sein werde.

Assad dürfte nach der fast vollständigen Rückeroberung des Landes nun die verbliebenen Rebellenhochburgen angreifen: Idlib und Daraa. Diese Provinz liegt in direkter Nähe zu Israels Nordgrenze.

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Wo Assad zuerst zuschlagen werde, hänge auch maßgeblich von Russland ab, meint Zisser. Putin dürfte Netanyahu seine Pläne nicht verraten haben. Aber wenigstens reden die beiden Seiten miteinander. Anders als Iran und Israel.

Mitarbeit: Christoph Sydow

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