Rom - Beppe Grillo soll jetzt also auch noch in dunkle Machenschaften in Costa Rica verwickelt sein. Sein Chauffeur und seine Schwägerin hätten gleich 13 Gesellschaften im Steuerparadies angemeldet, das enthüllte das italienische Nachrichtenmagazin "L'Espresso" am Freitag. Begeht da ausgerechnet derjenige Steuerflucht, der auszog, um die Selbstbereicherung in der Politik zu stoppen?
Die Verwirrung um Grillo hat damit einen neuen Höhepunkt erreicht. Für ihn selbst ist das natürlich alles Teil einer Medienkampagne gegen ihn. "Die Medien sind die schlimmsten", sagte er unter der Woche dem "Time"-Magazine, noch schlimmer als die von ihm verhöhnten Parteien. Er ließ auch die Costa-Rica-Geschichte umgehend dementieren.
Kann Italien Grillo trauen? Der Mann, der plötzlich eine der wichtigsten Figuren in der Politik ist, gibt auch knapp zwei Wochen nach der Wahl Rätsel auf. Viele Italiener fragen sich, wofür Grillo und seine "Movimento 5 Stelle" stehen.
Die Protestbewegung, die bei den Wahlen gar stärkste Einzelpartei im Abgeordnetenhaus wurde, ringt um den Kurs, bevor das neue Parlament kommende Woche zusammentritt. Zwischen Mastermind Grillo und seinen Abgeordneten brechen die ersten Konflikte auf: Es geht um Boykott oder Beteiligung, straffe Ansagen gegen Basisentscheidungen.
Grillo schreit nämlich weiter, gibt Kommandos aus seinem Haus in Ligurien nach Rom durch, wo sich seine Abgeordneten gerade erst einmal kennenlernen, und sagt der politischen Klasse weiter den nahen Untergang hervor - doch die 163 seiner Anhänger, die nun ins Parlament einziehen, sind nun selbst, ob sie es wollen oder nicht, Politiker.
Grillo: "Wenn wir scheitern, bricht Gewalt aus"
Der 64 Jahre alte Ex-Komiker macht weiter das, was er am besten kann. Er versammelt die Wut aufs System hinter sich - um bei Neuwahlen, die er voraussagt, Links- und Rechts-Bündnis zu überholen. Im "Time"-Interview tönte er bereits: "Wir wollen 100 Prozent im Parlament, nicht 20 oder 25 oder 30." Die Umfragewerte steigen weiter - nun liegen sie bei 29 Prozent.
Grillo sagte weiter: "Ich kanalisiere den Zorn der Leute in diese Bewegung. Wenn wir scheitern, bricht die Gewalt auf den Straßen aus."
Hört man allerdings seinen Anhängern zu, die nun ins Parlament ziehen, klingt das alles deutlich konstruktiver. Sie trafen sich zum Parteikonklave, man müsse sich jetzt organisieren und dann das Wahlprogramm umsetzen. Sie wollen die Wasserprivatisierung stoppen, die Diäten der Parlamentarier halbieren, dazu brauchen sie Verbündete. Mit der Anti-System-Haltung Grillos passt das eher schlecht zusammen.
"Beppe diktiert uns nicht die Agenda"
Nun gab es eine Petition von der Basis, die ebenfalls forderte, mit den Sozialdemokraten, die allein keine Mehrheit im Senat haben, zusammenzuarbeiten. Man sei den Bürgern verpflichtet, nicht Grillo. 150.000-mal wurde der Appell unterzeichnet.
Das Ringen um den Kurs der Protestbewegung ist also in vollem Gang. Wer sich nach der Wahl von der Abgeordneten hervor wagte, bekam einen Rüffel von Grillo. Etwa die 26-jährige Abgeordnete Giulia Sarti, die am vergangenen Wochenende sagte, die Beschimpfungen à la Grillo seien nicht Teil des Vokabulars, das die Abgeordneten benutzten. Und sie stellte klar: "Beppe diktiert uns nicht die Agenda."
Danach hieß es, sie sei zurückgepfiffen worden. Beim ersten Treffen wurden nun Fraktionsvorsitzende für Senat und Abgeordnetenhaus gewählt - erst einmal für drei Monate, dann sollen sie abgelöst werden. Grillo verfügte, dass nur sie zur Presse sprechen sollen. Die Sprecherin in der Abgeordnetenkammer sorgte sogleich für ein Skandälchen, in dem sie den frühen Faschismus für dessen fortschrittliche Haltung in der Familienpolitik lobte.
Die Sozialdemokraten umgarnen die neue Kraft unterdessen unvermindert weiter. Sie haben ein Acht-Punkte-Programm vorgelegt, das auch zentrale Forderungen der Fünf-Sterne-Bewegung bei Wirtschaft und Parlamentsreformen aufgreift. Noch im März soll das Paket im Plenum diskutiert werden. Grillo und seine "Grillini" müssen sich nun ihrerseits entscheiden, wohin sie die Wut kanalisieren.
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