Berichte über Gaddafis Söldner Letztes Aufgebot des Despoten

Das Volk rebelliert, Soldaten desertieren, Libyens Diktator Gaddafi kämpft um die Macht - und setzt dabei laut Augenzeugen auf Söldner aus dem Ausland. Vor allem aus Schwarzafrika sollen die Truppen stammen. Es wäre nicht das erste Mal, dass der Diktator Verstärkung von außen holt.

Von Ulrike Putz, Beirut


Es ist ein Verdacht, der durch Beobachtungen und Berichte vieler Augenzeugen gespeist wird: Das schwer angeschlagene libysche Regime von Muammar al-Gaddafi soll im blutigen Kampf um die Macht im Land auf Einheiten mit ausländischen Söldnern setzen. Tausende, nach Ansicht einiger Beobachter Zigtausende Milizionäre aus Afrika, sind demnach in Libyen eingerückt, um den anhaltenden Aufstand gegen Gaddafi mit Gewalt zu unterdrücken.

Zuletzt bestätigte der zurückgetretene libysche Botschafter in Indien, Ali al-Essawi, die Angaben der Augenzeugen: Vom Regime eingekaufte Söldner begingen Massaker an seinen Landsleuten, sagte al-Essawi dem Fernsehsender al-Dschasira am Montagabend. Außerdem werde auch aus der Luft auf Demonstranten geschossen.

Bereits am Wochenende hatte der Fernsehsender al-Arabija die Berichte um die Truppen aus der Fremde aufgegriffen: Vier Flugzeuge mit Bewaffneten an Bord seien auf dem Benina-Flughafen von Bengasi gelandet, meldete der TV-Sender unter Berufung auf Augenzeugen. Gaddafi habe die Afrikaner einfliegen lassen, nachdem er zunehmend die Kontrolle über die eigenen Truppen verloren habe.

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Aufstand in Libyen: Das letzte Gefecht
Ein libyscher Arzt, der in England arbeitet, berichtete SPIEGEL ONLINE ebenfalls von Gerüchten, die in Bengasi im Umlauf sind. Der Mediziner steht nach eigenen Angaben im regelmäßigen Telefonkontakt mit Verwandten vor Ort. Zwar werde die zweitgrößte libysche Stadt inzwischen von den Rebellen kontrolliert, doch 3000 ausländische Milizionäre sollen angeblich nach wie vor Widerstand leisten. Hadi Schaluf, französisch-libyscher Anwalt am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag, sagte dem Sender al-Arabija, seines Wissens seien bis zu 35.000 Söldner im Einsatz.

Gaddafis Vorliebe für ausländische Einsatztruppen hat dabei eine lange Vorgeschichte. Im Jahr 1972 gründete er die Islamische Legion. Sie sollte die Sicherheit des von ihm geplanten Großen Islamischen Sahel-Staates garantieren. Das Gebilde kam zwar nie zustande, dennoch rekrutierte Gaddafi Tausende Araber und Afrikaner. Er setzte seine Legion nach Gutdünken in Kriegen im Tschad, in Uganda, Palästina, Libanon und Syrien ein. Ende der achtziger Jahre löste der libysche Diktator die Truppe auf. Viele der entlassenen Legionäre zettelten in der Folge Konflikte in ihrer Heimat an.

Dieses Video soll libysche Soldaten zeigen, die in der Stadt Gharyan im Nordwesten des Landes Söldner festnehmen. Das Video wurde auf YouTube veröffentlicht. Inhalt und Herkunft können von SPIEGEL ONLINE nicht überprüft werden.


Experten vermuten, dass Gaddafi jetzt erneut auf gekaufte Truppen setzt. "Es besteht kein Zweifel, dass er sich gut auf diesen Tag vorbereitet hat und seine Söldnertruppen wohl organisiert sind", sagt Yehudit Ronen, Libyen-Expertin an der Bar-Ilan Universität in Israel. Spekulationen über die Zahl und Bezahlung der Söldner lehnt Ronen jedoch ab. "Es gibt keine Daten. Es gibt keine verlässlichen Berichte darüber, mit welchen Waffen diese Männer trainiert, für welche Art Konflikt sie ausgebildet sind", sagt die Expertin. Gaddafi ist für sein ausgeprägtes Misstrauen bekannt. Angelegenheiten der inneren Sicherheit bespricht er nur im engsten Kreis.

Gesicherte Informationen gebe es nur zur Herkunft der Ausländer im libyschen Dienst, so Ronen. Die Fremdenlegion des Despoten setze sich aus zwei Gruppen zusammen:

  • Ein Großteil der Angeheuerten stammten aus den Ländern der Sahelzone. Diese Männer seien auf dem Weg nach Europa in Libyen hängen geblieben. Allein in den vergangenen zwei Jahren seien zwei Millionen irreguläre Migranten in Libyen eingetroffen - bei einer Landesbevölkerung von gerade mal sechseinhalb Millionen ein massiver Zustrom. Viele Afrikaner hätten es nicht bis an die Küste und auf ein Boot nach Italien geschafft. Das Regime habe sie vor die Wahl gestellt: Entweder sofortige Deportation oder Eingliederung in die Ausländermiliz.
  • Andere Afrikaner hätten sich freiwillig bei Gaddafis Truppen verdingt. In Ländern wie Niger, Tschad oder Mali gebe es kaum eine Möglichkeit, sich einen Lebensunterhalt zu verdienen. Mit gutem Geld habe Gaddafi dort junge, fähige Männer angeworben. Diese Männer sind ihrem Zahlmeister gegenüber treu ergeben. Sie haben keinen Grund, sich mit dem rebellierenden Volk zu verbrüdern oder aus patriotischen Gefühlen Rücksicht auf Landsleute zu nehmen.

Doch Gaddafi hat sich verrechnet: Ein Großteil der in Ostlibyen stationierten Einheiten der regulären libysche Armee scheint sich inzwischen den Aufständischen angeschlossen zu haben. Berichte deuten darauf hin, dass in Rebellenhochburgen eingeschlossene Ausländerkompanien verzweifelt um ihr Leben kämpfen. France24 veröffentlichte auf seiner Website grausame Videos, auf denen Lynchmorde an Schwarzafrikanern zu sehen sind. Es soll sich im Milizionäre handeln, die in Städten an der östlichen Mittelmeerküste den Aufständischen in die Hände gefallen sind. Überprüfen lassen sich diese Angaben nicht.

Ronen sieht Anzeichen, dass der am Sonntag vom Diktatorensohn Saif al-Islam angedrohte Bürgerkrieg bereits begonnen hat. "Das Regime und mit ihm seine Söldner werden ums nackte Überleben kämpfen." Sie vermutet, dass sich die Armee über kurz oder lang entlang der in Libyen enorm wichtigen Stammeszugehörigkeit spalten wird. Dann stünden die Armeeangehörigen der Gaddafi-treuen Stämme und die Söldner auf der einen, die Einheiten der Gaddafi-Gegner auf der anderen Seite. Dann, so Ronen, drohe ein Blutbad.



Forum - Schwere Unruhen: Wie geht es weiter in Libyen?
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pendare_nik, 22.02.2011
1. Aus für Ghaddafi
Zitat von sysopLibyens Regime schießt offenbar aus Kampfflugzeugen und Hubschraubern auf Demonstranten, es gibt Hunderte Tote. Doch die Regierungskritiker protestieren weiter. Die Macht droht Diktator Gaddafi zu entgleiten - nun haben sich auch wichtige Stämme von ihm distanziert. Wie lange kann Gaddafi sich noch halten?
Die Entfernung von Ghazzafi scheint kurz bevor zu stehen, der Goldpreis hat sich schon wieder etwas beruhigt, die Ungewissheit ist bald zuende. Die Bedeutung des Sturzes Ghaddafis liegt darin, dass andere Diktatoren, von Marokko bis Saudi Arabien, jetzt Angst vor dem Volk haben. Hier sollte ein Exemple statuiert werden, an dem sich andere Politiker und Machthaber orientieren können. Ob es aber zu einem Schauprozess kommen wird, ist fraglich, Ghaddafi hat viele gute Freund, wie z.B. Berlusconi: "der italienische Ministerpräsident [hat sich] von seinem «guten Freund» Ghadhafi distanziert" http://www.nzz.ch/nachrichten/politik/international/berlusconi_verurteilt_inakzeptable_gewalt_in_libyen_1.9637778.html Sag mir, wer deine Freunde sind, dann sag ich wer du bist.
Katzenfreund, 22.02.2011
2. Wer kann das schon wissen
Im Augenblick ist es kaum möglich darüber Aussagen zu machen. Es steht ja noch nicht einmal fest wer in Libyen die Oberhand behält.Gelingt es G. an der Macht zu bleiben,oder nicht?
Akku, 22.02.2011
3. Geht ja schnell
Haben die Amerikaner schon jemand für seine Nachfolge festgelegt?
naabaya 22.02.2011
4. Militär
Zitat von AkkuHaben die Amerikaner schon jemand für seine Nachfolge festgelegt?
Irgendein General wirds schon machen. Wie soll man auf die Schnelle eine demokratische Regierung installieren? Weiter gehts nach Schema F!
Katzenfreund, 22.02.2011
5. Was passiert
Was passiert eigentlich,sollte das alte Regime stürtzen. In Libyen gibt es keine Parteien. Wer oder was soll die Regierungsgeschäfte führen? Wer bestimmt wer die Staatsgewalt übernimmt. Was werden die Clans machen? Werden sich die Clans gegenseitig bekämpfen? Oder werden die Clans zusammenarbeiten? Wer entscheidet wie die Gas und Öl Einnahmen verteilt werden? Wer sichert die Grenzen? Es gibt viele Fragen und keine Antworten.
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