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Berlusconi-Anklage: Italien schämt sich für seinen peinlichen Regenten

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Jetzt also Amtsmissbrauch und Sex mit einer Minderjährigen: Italiens Ministerpräsident Berlusconi hat die nächste Klage am Hals. 16 Verfahren hat er überstanden, und auch dieses wird ihm keine ernsten Probleme breiten. Und doch hat sich eines geändert - sein Volk beginnt sich für ihn zu schämen.

Mailand - Es wird immer ungemütlicher für den lebensfrohen Silvio Berlusconi. Am Mittwoch hat die Mailänder Staatsanwaltschaft ein Eilverfahren gegen ihn beantragt. Der zuständige Richter muss nun innerhalb der nächsten Tage entscheiden, ob Berlusconi neuerlich der Prozess gemacht wird. Diesmal geht es um bezahlten Sex mit einer Minderjährigen und um Amtsmissbrauch.

Sollte Berlusconi dafür verurteilt werden, drohen ihm mehrere Jahre Haft.

Der 74-jährige Medienmogul nannte das Vorgehen der Staatsanwaltschaft rechtswidrig, "eine Schande", alles sei nur eine Schmutzkampagne, um ihn und seine Regierung aus dem Amt zu jagen. Sein Anwalt spricht von "Verfassungsbruch".

Die Mailänder Ankläger dagegen wollen genügend Beweise dafür haben, dass Berlusconi zahlreiche jungen Frauen für Sex bezahlt habe, unter ihnen auch die beim ersten Mal noch 17-jährige marokkanische Nachtclub-Tänzerin "Ruby". Letztere habe etlichen Orgien im Hause Berlusconi mitgefeiert. Als "Ruby" wegen Diebstahls von der Polizei festgenommen wurde, soll Berlusconi höchstpersönlich telefoniert und deren Freilassung gefordert haben. Sie sei die Nichte des ägyptischen Präsidenten Mubarak, habe er den Polizisten erklärt.

Sowohl "Ruby" als auch der potentielle Freier bestreiten, intim gewesen zu sein. Und Berlusconi beharrt darauf, er habe noch nie eine Frau für sexuelle Dienstleistungen bezahlt. Wie es wirklich im Hause des Ministerpräsidenten zuging, was die Scharen junger schöner Frauen und Berlusconi und seine Gäste beim und nach dem Abendessen miteinander anstellten, muss nun die Justiz klären.

Peinlicher Regent

Klar ist dagegen längst, Italien hat einen mehr als peinlichen Regenten. Jeden Tag berichten Zeitungen schlüpfrige Details über tatsächliche oder vermeintliche Sexaffären des Ministerpräsidenten und seines Altherren-Clubs, zitieren genüsslich aus Telefonmitschnitten käuflicher Damen, die sich über die Usancen am Hofe des italienischen Großmeisters auslassen.

Der Mann besitzt oder kontrolliert weite Teile des öffentlichen und privaten Fernsehens, ist unumschränkter König in Italiens größter Partei, PdL ("Volk der Freiheiten"), hat ein milliardenschweres Privatvermögen und die letzten Wahlen klar gewonnen. Aber vorzeigbar ist er nicht mehr.

Schon lange ist er vielen seiner Amtskollegen im Kreise der EU-Regierungschefs - trotz seines großen Reservoirs an Witzchen und Showeinlagen - unangenehm. Auch wenn das keiner laut zu sagen wagt. Denn Italien ist ein großes, wichtiges Land. Ob Deutschlands Kanzlerin, Frankreichs Präsident oder Großbritanniens Premier, sie brauchen Berlusconi oft genug, um ihre Ziele durchzusetzen. Da lacht man eben nur im Stillen über die "Bunga Bunga"-Spielchen des Italieners.

16 Prozesse überstanden

Noch ist Berlusconi nicht wirklich unter Anklage, geschweige denn verurteilt. Vermutlich wird er das - so oder so - auch nicht werden. 16 Prozesse hat er bislang überstanden, von Steuerhinterziehung bis Korruption gingen die Anklagen. Zwei Verfahren laufen noch. Die anderen endeten mit Freispruch, Verjährung, Einstellung.

Gelegentlich half seine Koalitionsmehrheit im Parlament ihm gegen den Ansturm der Justiz mit kleinen Rechtsänderungen. Für Berlusconi und seine Freunde waren sämtliche Vorwürfe und Anklagen stets politisch motivierte Attacken der "roten Roben". Auch jetzt ist für ihn alles "nur Schmutz".

Aber die Zahl der Italiener, die ihm das abnehmen, scheint nun doch gewaltig zu bröckeln. Am vergangenen Samstag versammelten sich zehntausend Menschen in Mailand unter der Parole "Basta", gemeint ist; "Berlusconi, tritt zurück!". In vielen Städten werden Unterschriften für vorzeitige Neuwahlen gesammelt. Am kommenden Sonntag organisieren Frauen - "um Basta zu rufen" - eine Großdemo in Rom. Sie fühlten sich bei diesem Regierungschef "wie in einem schlechten Film der fünfziger Jahre", klagten die Organisatorinnen. Weitere Protestaktionen, vorrangig von Frauen veranstaltet - bislang die treuesten Zuschauer seiner Privat-TV-Nachmittagsschnulzen und beständigsten Wähler - sollen in über hundert Städten Italiens stattfinden. In Internet-Foren und sozialen Netzwerken laufen "Basta Berlusconi"-Kampagnen.

Italien beginnt sich zu schämen

Die Italiener haben Berlusconi über die Jahre vieles verziehen. Sie haben weggeschaut und weggehört, wenn die Justiz ihre Anklagen formulierte. Für die meisten war er das "kleinere Übel". Er ist reich genug, sagten viele, er muss nicht mehr in die Staatskassen greifen, wie das andere täten.

Über die Schönheitsoperationen und Haarimplantationen, die den 74 jährigen zu einer Art Jung-Zombie machen, haben sie geschmunzelt. "Aber er sieht doch gut aus für sein Alter!", haben die weiblichen Fans gesagt. Und vielen Männern gefiel das berlusconianische Macho-Gehabe. Und die ewig streitende und nörgelnde Opposition setzt zudem alles andere als Glamour dagegen.

Aber jetzt beginnt man sich zu schämen.

Wenn in britischen oder deutschen Medien über Berlusconi nicht mehr geschimpft, sondern nur gelacht und gespottet wird, trifft das die Seele des Volkes. "Bella Figura" soll ihr Vormann schon machen. Zu Hause und in der Fremde.

Dieser Klimawechsel könnte Berlusconi viel gefährlicher werden als der nächste Prozess vor Gericht. Auch weil der ihm viel schneller schaden könnte - denn die Mühlen der Justiz mahlen in Italien noch viel, viel langsamer als anderswo in Europa.

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1. ...
Newspeak, 09.02.2011
"Italien schämt sich für seinen peinlichen Regenten." Tja, schämen sollte man sich vor allem, ihn gewählt zu haben. Die Leute denken eben nicht nach und auch für Scham gibt es bessere Momente, als danach. Gilt auch für Angela. "Denn Italien ist ein großes, wichtiges Land." Sehr guter Witz. Italien ist völlig unwichtig. Was hat Italien denn zu bieten? Schwerindustrie? Finanzindustrie? Selbst kulturell lebt man vor allem von den Hinterlassenschaften der Römer. Ist in den letzten 20 Jahren irgendetwas von Bedeutung aus Italien gekommen? Eine tolle Erfindung? Eine wichtige wissenschaftliche Entdeckung? Ein Musikstil? Irgendetwas?
2. Beweislast
demophon 09.02.2011
Das Problem für die Staatsanwaltschaft wird sein, Berlusconi nachzuweisen, dass er für Sex mit der 17-Jährigen bezahlt hat, denn das Schutzalter liegt in Italien bei 14 Jahren. Die junge Dame hat zwar erklärt, sie habe später einmal 7000 € als Unterstützung von Berlusconi erhalten, bestreitet aber, dies sei die Bezahlung für Sex mit ihm gewesen. Einfacher wird es sein, Berlusconi Amtsmissbrauch nachzuweisen, da der Anruf bei der Polizei, bei dem er die Freilassung von "Ruby" verlangte, aufgezeichnet wurde.
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Pepito_Sbazzagutti 09.02.2011
Zitat von Newspeak"Italien schämt sich für seinen peinlichen Regenten." Tja, schämen sollte man sich vor allem, ihn gewählt zu haben. Die Leute denken eben nicht nach und auch für Scham gibt es bessere Momente, als danach. Gilt auch für Angela. "Denn Italien ist ein großes, wichtiges Land." Sehr guter Witz. Italien ist völlig unwichtig. Was hat Italien denn zu bieten? Schwerindustrie? Finanzindustrie? Selbst kulturell lebt man vor allem von den Hinterlassenschaften der Römer. Ist in den letzten 20 Jahren irgendetwas von Bedeutung aus Italien gekommen? Eine tolle Erfindung? Eine wichtige wissenschaftliche Entdeckung? Ein Musikstil? Irgendetwas?
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4. Kein Grund sich zu schämen!!!
servadbogdanov 09.02.2011
Zitat von sysopJetzt also Amtsmissbrauch und Sex mit einer Minderjährigen: Italiens Ministerpräsident Berlusconi hat die nächste Klage am Hals. 16 Verfahren hat er überstanden, und auch dieses wird ihm keine ernsten Probleme breiten. Und doch hat sich eines geändert - sein Volk beginnt sich für ihn zu schämen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,744632,00.html
Insbesondere nicht für die Italiener. Ein Land wie unser Land wo Gadafi-Junior unter den wohlwollenden Augen der bayrischen Justiz und der Partei des gegeelten Erlösers tun und lassen kann was er will braucht über Amtsmissbrauch wegen einrs Anrufes auf einer Polizeiwache nicht mopsig zu machen. Ein Land wie wir, dass eine hyperkorrupte Bankenkanzlerin sein eigen nennt die Filz und Korruption zum Regierungsprinzip erhoben hat braucht sich nicht über Bananenrepubliken zu monieren.
5. Irrwitz
cathys 09.02.2011
Zitat von sysopJetzt also Amtsmissbrauch und Sex mit einer Minderjährigen: Italiens Ministerpräsident Berlusconi hat die nächste Klage am Hals. 16 Verfahren hat er überstanden, und auch dieses wird ihm keine ernsten Probleme breiten. Und doch hat sich eines geändert - sein Volk beginnt sich für ihn zu schämen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,744632,00.html
Es wird immer irrwitziger was allgemein in der Welt passiert. Wie arrogant und selbstsicher sich Staatschefs in sog. Demokratien bewegen. Stehen wir kurz vor einem Sturz gesamter Gesellschaften? Die Umkehr ALLER WERTE ist voll im Gange. Korruption ist hipp?? Einfach nur noch zum ANWIDERN !!!
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Silvio Berlusconi: Immer Ärger mit dem Kavaliere

Berlusconi und seine Skandale
REUTERS
Mafia, Korruption und wilde Partys - Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi ist nicht nur wegen politischer Verdienste in die Schlagzeilen geraten.
Junge Frauen
AP
Mit seinem großherzigen Einsatz für ein Partygirl sorgte Berlusconi im Oktober für Aufsehen. Der 74-Jährige soll eine junge Marokkanerin mit einem Anruf vor der Justiz bewahrt haben. Berichten zufolge soll er die 17-Jährige nicht nur zu Festen in seine Residenz bei Mailand eingeladen haben, sondern sie höchstpersönlich vor einer Festnahme wegen Diebstahls bewahrt haben.

Als Kandidatinnen der Regierungspartei für die Europawahl 2009 schlug Berlusconi drei junge Schönheiten vor: eine ehemalige TV-Ansagerin, eine Fernsehschauspielerin und eine Sängerin. "Schamlose Luder im Dienst der Macht", kommentierte seine damalige Ehefrau Veronica Lario. Sie reichte 2009 die Scheidung ein.

Eine angebliche Affäre mit der Schülerin Noemi Letizia hatte schon zuvor für Aufsehen gesorgt. Nach einem Besuch des Medienmoguls auf Noemis Party zum 18. Geburtstag hatte Lario öffentlich gesagt, Berlusconi treffe sich "mit Minderjährigen". Gerüchte um eine Liaison mit der Schülerin, die ihn "Papi" nannte, wies er zurück.

Mafia-Verdacht
AFP
Im März wurde ein Senator von Berlusconis Regierungspartei PdL unter Mafia-Verdacht festgenommen. Unter anderem geht es um Wahlbetrug und Geldwäsche. Der Politiker soll zudem mit Hilfe der Mafia ins Parlament gekommen sein. Zuvor hatte ein ehemaliger Mafiakiller Berlusconi vor Gericht mit einer Serie von Bombenanschlägen in Verbindung gebracht.
Entgleisungen
AFP
Erst sorgte Silvio Berlusconi mit einem Hitler-Witz für Wirbel, dann erregte er mit einem Juden-Witz im Oktober großen Unmut: Die Empörung über Berlusconi war groß - doch der Premier leistet sich immer neue Entgleisungen. Jüngster Fauxpas: Auf harsche Kritik an seinem mutmaßlichen Interesse an einem minderjährigen Partygirl sagte Berlusconi, er schaue eben gerne Frauen an, das sei besser "als schwul zu sein".

Bereits nach einem Erdbeben in den Abruzzen 2009 gab Berlusconi den in Zelten untergebrachten Opfern Empfehlungen der besonderen Art. "Man muss es eben nehmen wie ein Camping-Wochenende", sagte er bei einem Besuch in der Region. Bei der Katastrophe waren mehr als 290 Menschen ums Leben gekommen, 50.000 wurden obdachlos.

Bestechungsvorwürfe
AP
Ein Korruptionsprozess gegen Berlusconi wurde 2008 vorübergehend ausgesetzt, weil ihm ein neues umstrittenes Gesetz Immunität verlieh. Zuvor musste sich der Medien-Milliardär wegen der Bestechung des britischen Anwalts David Mills verantworten. 1998 soll Berlusconi 600.000 US-Dollar, umgerechnet 446.000 Euro, bezahlt haben, damit dieser in Prozessen gegen seinen Medienkonzern Falschaussagen macht. Das Verfassungsgericht hat das Gesetz mittlerweile gekippt. Mehrere Verfahren gegen Berlusconi können damit neu aufgerollt werden.


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