Berlusconi-Connection Idiot oder Gauner?

Tony Blairs Kulturministerin Tessa Jowell hat ein Problem. Ermittler in Italien wollen wissen, von wem ihr Mann, der Londoner Anwalt David Mills, 600.000 Dollar bekam. Die Mailänder Staatsanwaltschaft glaubt den Wohltäter und seine Motive zu kennen: Silvio Berlusconi.

Von Sebastian Borger, London


London - Fünf wohlgeratene, längst erwachsene Kinder, eine Frau mit besten Verbindungen zur Macht, eine gutgehende Wirtschaftskanzlei sowie eine Reihe von Immobilien - das Leben hat es gut gemeint mit David Mills. Freilich hat der Londoner Anwalt auch stets hart gearbeitet, dabei nicht zuletzt seine glänzenden Italienisch-Kenntnisse nutzbringend eingesetzt. Mit Gattin Tessa Jowell, 58, die seit Jahren in Tony Blairs Kabinett als Kulturministerin dient, bildet Mills, 61, eines der einflussreichsten Paare in der Londoner New-Labour-Aristokratie.

Blairs Kulturministerin Tessa Jowell: Ehemann mit bemerkenswerten Kontakten.
REUTERS

Blairs Kulturministerin Tessa Jowell: Ehemann mit bemerkenswerten Kontakten.

Oder muss man sagen: bildete? Seit Wochen geistern unschöne Geschäfts-Details des Minister-Gatten durch die Zeitungen, mehr und mehr steht Mills im Mittelpunkt eines internationalen Wirtschafts-Krimis. Er fühle sich "gedemütigt" durch die Peinlichkeiten, die seine Frau ertragen müsse, hat der Anwalt kürzlich offenbart. Er selbst sieht morgens beim Blick in den Spiegel "einen Vollidioten, aber keinen Gauner".

Nur ein infames Wahlkampfmanöver?

Freilich wird diese treuherzige Selbsteinschätzung von der Mailänder Staatsanwaltschaft nicht geteilt. Mills' langjährige loyale Arbeit für einen prominenten früheren Mandanten namens Silvio Berlusconi ist dort seit Monaten Gegenstand akribischer Ermittlungen. Für Ministerin Jowell stellt die enge Geschäftsbeziehung bisher nur eine Peinlichkeit dar; Mills, 61, hingegen könnte die Berlusconi-Connection zum Verhängnis werden. Zwar tut der Milliardär, Ministerpräsident und treue Mitstreiter Tony Blairs die Vorwürfe als Wahlkampf-Manöver der Opposition ab und beteuert, er sei unschuldig. Sein früherer Anwalt argumentiert genauso und gibt sich gelassen: "Ich sehe dem Ausgang des Verfahrens in Italien zuversichtlich entgegen" sagte Mills der "Times".

Tatsächlich schreiten die Italiener Anfang April zu den Urnen.
Sollte es vorher noch zur Anklage wegen Steuervergehens, Anleitung zur Falschaussage vor Gericht und aktiver Bestechung gegen Berlusconi kommen, hätte Anwalt Mills dazu nicht nur durch - gelinde gesagt - missverständliche Äußerungen beigetragen. Er müsste zudem womöglich neben seinem Ex-Mandanten auf der Anklagebank Platz nehmen: Berlusconis Wohltat galt nämlich, so die Ermittler, dem englischen "Vollidioten".

Der nennt sich selbst so, seit ein Brief an die Öffentlichkeit geriet, in dem Mills seinem Steuerberater einen brisanten Sachverhalt schilderte. Dem Anwalt saß damals, im Februar 2004, das britische Finanzamt im Nacken. Die Steuerfahnder wollten vor allem wissen, woher jene 600.000 Dollar stammten, mit denen Mills im Herbst 2000 eine kurzfristige Hypothek auf sein Haus im Londoner Stadtteil Kentish Town abbezahlt hatte. Er habe in mehreren Zeugenaussagen vor Gericht "Mr. B. viel Ärger erspart", schrieb Mills in seinem Brief, indem er vor italienischen Gerichten zwar "keine Lügen erzählt" habe, aber "ziemlich um die Ecke geschrammt" sei. Später sei ihm die Summe in Aussicht gestellt und diskret bezahlt worden. "Ich behandelte den Betrag als Geschenk. Was hätte er sonst sein können?" Mehrere Britische Zeitungen und Fernsehsender haben den brisanten Brief inzwischen in Auszügen veröffentlicht.

Geldtransfer via Bahamas und Virgin Islands

Mills' Steuerberater hatte Zweifel an so viel Naivität: Trotz ihrer langjährigen Geschäftsbeziehung übergab er das explosive Schreiben umgehend der britischen Polizei, die es an die italienischen Kollegen weiterreichte. Die Mailänder Staatsanwälte luden Mills zur Befragung vor und konfrontierten ihn mit ihrem Verdacht: Die 600.000 Dollar seien kein Geschenk gewesen, sondern eine Bestechungszahlung. Zu dieser Annahme trug auch der verschlungene Weg via Offshore-Banken auf den Bahamas und den British Virgin Islands bei, den das Geld auf dem Weg zu Mills zurückgelegt hatte. "Das verrückteste, komplizierteste Netz, das ich je gesehen habe", berichtete ein Ermittler der "Sunday Times", die am Wochenende einen langen, akribisch recherchierten Artikel veröffentlichte.

Seine Arbeit für Berlusconi bestand den Staatsanwälten zufolge genau darin: ein verschlungenes Netzwerk von Offshore-Firmen und Trusts zu unterhalten, "um Steuerzahlungen in Italien zu vermeiden und riesige Gewinne zu machen". In allen Gerichtsverfahren gegen seinen Mandanten zog sich Mills geschickt aus der Affäre.

Berlusconi geht auf Distanz

Im Mailänder Verhör spielte dem Minister-Gatten das Gedächtnis einen Streich. Der selbsternannte "Vollidiot" legte zunächst ein Teilgeständnis ab, das er später widerrief. Neuerdings soll der Brief an seinen Steuerberater einen fiktiven Fall behandelt haben; das Geld will Mills von einem anderen Ex-Mandanten erhalten haben. Dieser ließ den Deal allerdings umgehend dementieren: Zum Zeitpunkt des Transfers habe er im Gefängnis gesessen.

Der italienische Ministerpräsident will mit seinem früheren Anwalt nichts mehr zu tun haben. Der missbrauche seinen Namen, schimpfte Berlusconi kürzlich, ohne selbst Mills' Namen zu nennen, "um sich vor den Steuerbehörden seines Landes zu retten und seiner Sozietät die genaue Höhe seiner Einkünfte vorzuenthalten".

Mills selbst hat in mehreren Zeitungs-Interviews eingeräumt, eine Zahlung von 600.000 Dollar erhalten zu haben und auch bestätigt, dass das Geld aus Italien stammt. Die Frage, wofür die stattliche Summe bezahlt wurde, bleibt aber weiter offen. Weiteren Nachfragen weicht der Minister-Gatte aus. SPIEGEL ONLINE ließ er durch seine Kanzlei ausrichten, er wolle zu den Vorwürfen einstweilen keine Stellung mehr nehmen.

Ein Ex-Mandant im Knast; ein zweiter namens Berlusconi, der nach Überzeugung vieler italienischer (und britischer) Linker in den Knast gehört; ein Netzwerk von Offshore-Konten; Gedächtnisverlust ausgerechnet vor Gericht - David Mills verkörpert die hässliche Fratze des geldgierigen, doppelzüngigen Anwalts in geradezu perfekter Manier. Die Blair-Regierung und die sie tragende Arbeiterpartei haben lange eisern zu dem Fall geschwiegen. Erst als am Wochenende die Kulturministerin durch die Kurz-Hypothek aufs gemeinsame Haus im Geschäftsmorast ihres Mannes zu versinken drohte, rafften sich einige Parteifreunde zu ihrer Verteidigung auf. Am Montagabend wurde allerdings Kabinetts-Sekretär Sir Gus O'Donnell damit beauftragt, zu untersuchen, ob Jowell gegen den Minister-Kodex verstoßen haben könnte.

Derweil machen andere, wie der hochangesehene Vorsitzende des Parlamentsausschusses für die öffentliche Verwaltung, Tony Wright, aus ihrer Skepsis keinen Hehl: Die Untersuchung des Geldwäsche-Vorwurfs durch den Kabinetts-Sekretär sei ein "unbefriedigendes Verfahren, das die Sache nicht aufklären wird".

Der Premierminister ließ am Montag verbreiten, er erwarte natürlich von seinen Ministern die buchstabengetreue Einhaltung aller Gesetze und Vorschriften. Dass Jowell einstweilen aber Blairs uneingeschränktes Vertrauen genießt, machte der Premier mit einer freundlichen Geste deutlich: Die Kulturministerin soll einen Plan entwickeln, wie sich der andauernde Gehaltsunterschied zwischen Männern und Frauen verkleinern lässt. Jowell erhielt sechs Monate Zeit - Blairs Signal an die Medien: dass er seine treue Verbündete im Amt halten will.



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