Skandalpolitikerin Nicole Minetti: Berlusconis Amüsierchefin muss gehen

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Es war ein rasanter Aufstieg: von der Zahnarzthelferin zum Showgirl im Fernsehen und direkt ins Parlament der Lombardei. Doch nun drängt Silvio Berlusconi seine Entdeckung Nicole Minetti zum Rücktritt. Die Schöne aus der Bunga-Bunga-Ära stört seine Pläne für ein politisches Comeback.

Berlusconis Mädchen: Die Karriere der Nicole Minetti Fotos
DPA

Rom - Den Weg zur Privatvilla in Arcore kennt Nicole Minetti gut. In der Residenz Silvio Berlusconis vor den Toren Mailands war sie eine der Attraktionen auf den "Bunga Bunga"-Festen. Mal erschien Minetti im Nonnenkostüm und strippte für Berlusconi, mal brachte sie andere Amüsiermädchen dorthin.

Am Dienstagabend aber machte sich die 27-Jährige unter anderen Vorzeichen auf den Weg in die Villa San Martino. Berlusconi hatte zum Krisengespräch geladen. Er will Nicole Minetti, die er einst zur Abgeordneten seiner Partei machte, zum Rücktritt aus dem Parlament zwingen.

Seit Tagen machen der "Cavaliere" und seine Getreuen Druck auf Minetti, ihren Sitz als Regionalrätin in der Lombardei niederzulegen. Damit könnte ihre erstaunliche Karriere vorerst ins Stocken geraten - auch wenn sich die Bedrängte nach Kräften wehrt.

Nicole Minetti ist das typische Gesicht eines Italiens à la Berlusconi: jung, voluminöse Lippen, hohe Wangenknochen, langes Haar - so wie der Medienmogul es mag. Sagenhaft, wie schnell die junge Minetti aus dem Badeort Rimini Karriere machte. Aber im Imperium des Multimilliardärs und politischen Strippenziehers Berlusconi werden eben solche Märchen wahr.

Schicksalhaftes Treffen im Krankenhaus

Minetti studierte Dentalhygiene im Mailänder Unikrankenhaus San Raffaele. Damals traf sie, so erzählt sie es, in einer Bar Produzenten aus dem Fernsehimperium Berlusconis. Bald trat sie in mehreren Sendungen auf, mal in knapper Schulmädchenuniform, mal als Haremsdame in goldener Unterwäsche. Im Dezember 2009 kam es dann zum schicksalhaften Treffen im Krankenhaus.

Berlusconi wurde eingeliefert, nachdem ihm ein Geistesgestörter eine Miniatur des Mailänder Doms ins Gesicht geschlagen hatte. Sie sei zu ihm gegangen und habe hallo gesagt, erzählte Minetti später. Daraufhin habe der Ministerpräsident sie zu einem "politischen Frühstück" eingeladen. Und kurz darauf zum Abendessen.

Sie müssen sich rasch gut kennen gelernt haben. Bereits im Februar 2010 setzte Berlusconi Minetti auf die Liste seiner Partei "Volk der Freiheit" für die Regionalwahlen in der Lombardei - immerhin dem Machtzentrum der Partei. Im April wurde sie dann Abgeordnete.

Minetti gehörte damit zu den Berlusconi-Girls, wie das frühere Unterwäsche-Model Mara Carfagna, die der Premier zur Ministerin für Gleichberechtigung kürte. Beide schafften in der Unterhaltungsdemokratie im Eiltempo den Sprung vom Fernsehen in die Politik. Beide wurden Vorbild für Tausende junger Frauen in einem Land, in dem sich Aufstiegsmöglichkeiten vor allem jenen Frauen eröffnen, die jung sind und schön - und die sich offenbar für nichts zu schade sind.

Minetti stand Berlusconi stets zur Verfügung. Auch als er eines Nachts anrief, weil die 17-jährige Karima el-Marough alias Ruby Rubacuori auf einer Polizeiwache festsaß. Ruby war Gast auf den "Bunga Bunga"-Festen. Minetti holte Ruby aus dem Gewahrsam ab.

"Sie ist intelligent, seriös und spricht Englisch"

Doch als von der Staatsanwaltschaft mitgeschnittene Telefonate Berlusconis an die Öffentlichkeit gelangten, bekam die Kritik an Minettis steiler Politikkarriere eine ganz andere Wucht. Aus den Gesprächen wurde deutlich, dass sie ihrem politischen Förderer die Mädchen und Frauen für die "Bunga Bunga"-Abende zuführte. Auch soll sie entschieden haben, wer über Nacht bleiben durfte.

Nun ist Minetti gemeinsam mit Berlusconi im Ruby-Prozess angeklagt, ihr wird die Förderung von Prostitution, möglicherweise von Minderjährigen, vorgeworfen. Minetti bestreitet wie Berlusconi alle Vorwürfe. Wie ihr Förderer spricht sie von "eleganten Abendessen" und Showeinlagen - von käuflichem Sex sei nie die Rede gewesen. Als sie vor wenigen Tagen aussagen sollte, ließ sie sich wegen Unpässlichkeit entschuldigen - sie war nach Paris geflogen.

Lange verteidigte Berlusconi seine Amüsierchefin. Einmal rief er wütend in einer Live-Sendung auf dem Kanal La 7 an und würdigte Minetti als "wunderbare Person". "Sie ist intelligent, gut vorbereitet und seriös. Sie ist englische Muttersprachlerin und macht in der Region wichtige Arbeit für die internationalen Gäste!", rief Berlusconi damals. Im Ruby-Prozess kam heraus, dass der Premier seiner Amüsierchefin einmal 127.000 Euro überwiesen hatte. Einfach so, aus Großzügigkeit, ließ sein Anwalt verlauten.

Jetzt geht es ums Geld

Nun scheint alles anders. In der Öffentlichkeit hat Berlusconi nichts zur Causa Minetti gesagt, aber hinter den Kulissen machte er Minetti deutlich, dass sie schnellstmöglich als Abgeordnete zurücktreten müsse. Der "Cavaliere" hat seine Rückkehr in die Politik und die Kandidatur bei der Wahl 2013 angekündigt. Nun will er sich offenbar reinwaschen von den öffentlich gewordenen Sünden der Vergangenheit.

Das Klima zwischen dem 75 Jahre alten Lebemann und dem Amüsiermädchen scheint vergiftet. Zuletzt berichteten mehrere italienische Zeitungen, Minetti verlange Geld für den Rücktritt. Mal ist von 800.000 Euro die Rede, mal von einer Million. Denn sollte sie tatsächlich vor Oktober zurücktreten, verwirkt sie ihre Ansprüche auf eine üppige Pension für ihre Arbeit als Parlamentarierin.

Berlusconi wolle ihr allerdings kein Geld zahlen, berichtete "La Repubblica" am Donnerstag, sondern seine ehemals liebste Zahnpflegerin stattdessen mit einem Vertrag bei seiner Sendergruppe Mediaset abfinden.

Für Minetti, deren Aufstieg mit leicht bekleideten Auftritten im Spätprogramm begann, könnte sich ein Kreis schließen.

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insgesamt 39 Beiträge
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1. ohne
prof.vandusen 20.07.2012
den Artikel ganz gelesen zu haben, das Bild spricht mehr als 1000 Worte :). Ein Land das sich von so einem Witzbold und seiner Amusement Truppe regieren lässt bzw. wählt, hat es nicht anders verdient. Und irgendwie habe ich den schlimmen Verdacht, dass er wiedergewählt wird... Leider leiden wir natürlich darunter genauso, wie die anderen Zahlnationen der EUZ.
2. Schöne Frau
macping 20.07.2012
aber es hilft nicht wirklich, meine Meinung zum Geschehen in der Politik Italiens der Ära Berlusconi irgendwie in Richtung seriös zu schieben. Traurig, dass in einer Demokratie solches möglich ist. Da nehmen sich die Skandälchen im Politikbetrieb in Deutschland (jene, die öffentlich geworden sind) wunderbar harmlos wahr. Man wir können ja geradezu stolz auf unsere Politiker sein.
3. Wieder Dolce Vita
pacificwanderer 20.07.2012
und demnaechst auf Kosten der eingeknickten deutschen Frau Merkel, ach nein, eingeknickt ist sie zwar, aber zahlen werden alle Deutschen...
4. Minetti die fleischgewordene Kampfmaschine
mischpot 20.07.2012
Wie schnell ein Abstieg eines so hübschen Mädchens gehen kann wenn Sie Ihren Dienst getan hat.
5. Hingucker
Zenturio.Aerobus 20.07.2012
Tja, da gibt's wenigstens in einem Parlament einen Hingucker. Nicht mal das haben wir in Deutschland :-(
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