Von Hans-Jürgen Schlamp, Rom
Italien staunt. Will Silvio Berlusconi ernsthaft zurück an die Macht? Selbst Papst Benedikt XVI ist irritiert. "Wirklich?", fragte er, als ihn die Kunde vom Rückzug des amtierenden Premiers Mario Montis und den Comeback-Plänen Berlusconis erreichte. Ebenso überrascht und ratlos reagiert die weltlich orientierte Öffentlichkeit. Die Zinsaufschläge für italienische Staatsanleihen schossen nach oben, die Börsenkurse fielen. "Willkommen zurück, Silvio", begrüßte die Internetzeitung "Il Fatto Quotidiano" den früheren Premier ironisch.
Wie geht es weiter in Italien? Das fragen sich nicht nur die Einheimischen bang, sondern ganz Europa. Welche Partei, welche Koalition wird das Land künftig regieren? Und: Wird diese Regierung den Spar- und Reformkurs fortsetzen?
Tatsächlich deutet sich in Italien schon wieder Chaos an. Viele Reformen, die Mario Monti mit seiner "Expertenregierung" auf den Weg gebracht hat, sind noch unfertig und bleiben ein Torso. Das führt etwa bei der geplanten Neuordnung der Provinzen dazu, dass nicht überall klar ist, wer für Müllabfuhr, Straßen, Schulen zuständig ist und wie viel Geld wer von wem dafür bekommen wird.
Krankenhäusern und Schulen sind außerdem die finanziellen Mittel gekürzt worden, aber die im Gegenzug versprochenen materiellen Entlastungen stehen aus. Und sie werden im Wahlkampf wohl auch nicht kommen. Schon jetzt sind in manchen Schulen aus Geldmangel die Heizungen auf Sparflamme gedrosselt oder abgestellt.
Immerhin, dass Italien 13 Monate nach einem damals drohenden oder zumindest denkbar gewordenen Staatsbankrott wieder vertrauenswürdig ist, sich an den Kreditmärkten problemlos und zum halben Preis - verglichen mit Anfang November vergangenen Jahres - Geld leihen kann, ist das Verdienst Montis. Wie immer man dessen Maßnahmen im Einzelnen beurteilt - seine Agenda und seine persönliche Glaubwürdigkeit haben Italien aus dem Schlamassel geholfen. Wenn der Reformkurs jetzt gestoppt werde, warnte vorsorglich die Rating-Agentur Standard & Poor's, rutsche Italien wieder "ins Risiko".
Deshalb soll jetzt zumindest keine lange politische Agonie das Land lähmen. Vielmehr, so will es Staatspräsident Giorgio Napolitano ebenso wie die meisten politischen Gruppierungen, soll alles ganz schnell gehen, bis die nächste Regierung ins Amt darf.
Der politische Zeitplan
Wer bei diesen Abstimmungen siegt und wer danach Italien regieren könnte, ist schwer abzuschätzen. Viele Wähler sind von der Politik insgesamt tief enttäuscht. Sie gehen nicht mehr an die Urne oder sind ins Lager des populistischen TV-Komikers Beppe Grillo gewechselt. Dieser machte bislang mit knallharten Attacken gegen die ebenso korrupte wie unfähige "politische Kaste" des Landes genauso erfolgreich Stimmung wie gegen Europa, insbesondere gegen Berlin.
Aber wenn es ernst wird und es um das Schicksal des Landes geht, sagen Wahlforscher, würden wohl viele seiner Anhänger abwandern. Aber wohin? Zurück zum anderen Populisten, Silvio Berlusconi, der ebenso gegen das "merkelzentrierte Europa" zu Felde ziehen will? Zur erfolgreich wiederbelebten Mitte-Links-Partei PD (Partito democratico)? Oder will die Mehrheit der Italiener, obwohl sie heute mächtig über ihn schimpft, am Ende doch noch einmal Monti an der Macht sehen? Das wünscht sich die katholische Kirche genauso wie Italiens Wirtschaft und die bürgerlich-politische Mitte.
Drei Szenarien sind denkbar - klicken Sie sich durch:
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