Berlusconi-Herausforderin im Interview "Das italienische Fernsehen hat mich ausgeschaltet"

Zwanzig Jahre lang war sie das Gesicht des italienischen Staatsfernsehens. Jetzt hat Lilli Gruber den Job hingeworfen und fordert stattdessen Silvio Berlusconi bei den Europawahlen heraus. SPIEGEL ONLINE sprach mit ihr über den Sprung in die Politik, Zensur in Italien und kommunistische Briefträger.


"Eine arme, kleine Journalistin des öffentlich-rechtlichen Fernsehens": In Italien ist Lilli Gruber ein Star
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"Eine arme, kleine Journalistin des öffentlich-rechtlichen Fernsehens": In Italien ist Lilli Gruber ein Star

SPIEGEL ONLINE:

Vor ein paar Wochen sahen Sie die italienischen Fernsehzuschauer noch als Reporterin aus Bagdad berichten. Jetzt sind Sie plötzlich als Spitzenkandidatin der Linken im Europawahlkampf. Ging das nicht ein bisschen schnell?

Gruber: Doch. Aber das Angebot kam ja gleich, nachdem ich aus Bagdad zurückgekommen bin. Mit dem Journalismus der RAI freilich hadere ich schon seit längerem. Deshalb habe ich mir auch Alternativen überlegt. Die Hauptnachrichten der RAI hätte ich so oder so nicht mehr moderiert. Als ich aus Bagdad zurückgekommen bin, war ich schon dabei, meine Kündigung zu schreiben.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Gruber: Weil diese Nachrichten die einfachsten ethischen und professionellen Prinzipien nicht mehr respektieren. Es gibt viel zu viel Manipulation und viel zu viel Zensur von Seiten der Regierung.

SPIEGEL ONLINE: Sie sollen einmal sogar Ärger bekommen haben, als Sie es wagten, das auf Berlusconi maßgeschneiderte Mediengesetz in den Nachrichten als "umstritten" zu bezeichnen.

Gruber: Genau. Und das war ein Gesetz, das unser Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi verfassungswidrig genannt hat.

SPIEGEL ONLINE: Und wieso soll es dann ausgerechnet die Politik sein? Hatten Sie schon länger mit einer solchen Karriere geliebäugelt?

Gruber: Nein, eigentlich nicht. Ich bin ja keine Berufspolitikerin, habe auch nie ein Parteibuch besessen. Ich wollte als Journalistin immer unabhängig sein. Aber ich sehe auch eine gewisse Kontinuität zwischen den beiden Berufen: Ich habe zwanzig Jahre lang im Fernsehen für die Zuschauer gearbeitet. Jetzt werde ich eben im Parlament für die Bürger da sein.

SPIEGEL ONLINE: Kaum hatten Sie sich für die Kandidatur entschieden, mussten Sie sich auch schon voll in den Wahlkampf stürzen. Haben Sie sich inzwischen schon gefragt: Was habe ich mir da nur aufgehalst?

Gruber: Manchmal schon - wenn ich todmüde um zwei oder drei Uhr in der Früh nach Hause komme. Aber ich hatte ja ein gutes Training im Irak, da sind wir auch kaum zum Schlafen gekommen. Es ist einfach so: Wir sind in Italien heute an einem Punkt angelangt, wo die Menschen und die Bürger aktiv werden müssen. Und diese Zeit habe ich jetzt auch für mich kommen gesehen. Viele Kollegen haben mich zwar gefragt, warum ich mir jetzt in der Politik die Hände schmutzig machen will. Aber ich weigere mich, die Politik als eine Art von Niederung anzusehen.

SPIEGEL ONLINE: Liegt das an der Regierung Berlusconi, dass die Politik ein so schlechtes Image hat?

Gruber: Zu einem großen Teil ja. Das Problem ist, dass die Leute das Vertrauen in die Politik verloren haben. Das gilt es jetzt zurück zu gewinnen.

SPIEGEL ONLINE: Nationale Themen spielen also für Sie eine große Rolle bei dieser Wahl.

Gruber: Natürlich kann man in Italien keinen Wahlkampf machen, ohne über Berlusconi zu sprechen. Das ist unvermeidlich, weil die Lage in Italien derzeit so kritisch ist. Aber es dreht sich auch viel um europäische Themen. Schließlich wollen wir Europa den Menschen näher bringen.

SPIEGEL ONLINE: Blickt man als Südtirolerin anders nach Europa als als "richtige" Italienerin?

Gruber: Vielleicht hat mich meine Kindheit in Südtirol geprägt. Südtirol hat sehr lange in kultureller Einigelung gelebt. Und es besteht ein gewisser Nachholbedarf an Öffnung gegenüber Europa. Aber meine Eltern haben mich immer zu Weltoffenheit und Toleranz erzogen. Ich empfinde mich als echte Europäerin: Ich bin zweisprachig aufgewachsen, habe einen Franzosen zum Mann, und habe viele Freunde in ganz Europa. Vielleicht kann ich als Südtirolerin den europäischen Geist besser verstehen und verkörpern. Wir müssen alle lernen, über den Gartenzaun zu blicken.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren Journalistin mit Leib und Seele. War es einfach, sich so mir nichts, dir nichts von dem Beruf zu verabschieden?

Ministerpräsident Berlusconi: "Der ist ja schon nervös"
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Ministerpräsident Berlusconi: "Der ist ja schon nervös"

Gruber: Es ist ja kein Abschied für immer. Ich arbeite bereits an einem neuen Buch und werde auch für verschiedene Zeitschriften schreiben. Aber natürlich ist es eine Umstellung. Ich war schließlich viele Jahre fast jeden Abend im Fernsehen zu sehen, und bin jetzt völlig vom Bildschirm verschwunden. Ich bin wie ausgelöscht. Das italienische Fernsehen hat mich ausgeschaltet. Das Gesetz, das allen Parteien gleichmäßige Präsenz im Fernsehen garantiert, greift in meinem Fall offenbar nicht.

SPIEGEL ONLINE: Kein Wunder: Zählt man die RAI dazu, beherrscht Ihr politischer Gegner, Premier Silvio Berlusconi, sechs von sieben landesweiten Fernsehsendern. Gibt es in Italien überhaupt noch so etwas wie Pressefreiheit?

Gruber: Es gibt sie noch insofern, als dass es mehrere Zeitungen und Zeitschriften gibt, die Berlusconi noch kritisch gegenüber stehen. Aber wenn wir von Massenmedien sprechen, dann glaube ich, ist die Medienvielfalt und die Pressefreiheit nicht mehr garantiert. Die New Yorker Organisation Freedom House hat ja vor kurzem in ihrem Bericht die Medienlandschaft in Italien von "frei" auf "teilweise frei" zurückgestuft.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Einflussnahme der Regierung auf die RAI ist ja kein neues Phänomen. Wieso haben Sie es überhaupt so lange ausgehalten?

Gruber: Das frage ich mich selbst auch. Aber ich habe eben zuerst versucht, den Marsch durch die Institutionen anzutreten. Man kann mir auch nicht vorwerfen, ich hätte den Mund nicht aufgetan, als die Mitte-Links-Regierung an der Macht war. Auch damals habe ich gegen die Instrumentalisierung der RAI gewettert. Aber ich habe in den zwanzig Jahren, die ich in der RAI bin, noch nie eine solche Gleichschaltung der Information erlebt.

SPIEGEL ONLINE: In Italien sind Sie so bekannt wie der Papst, das Fernsehpublikum lag Ihnen zu Füßen. Indem Sie im Wahlkampf Ihre Popularität in die Waagschale werfen, versuchen Sie da den Medienmogul mit seinen eigenen Waffen zu schlagen?

Gruber: Wie kann man denn eine arme, kleine Journalistin des öffentlich-rechtlichen Fernsehens mit dem Medienmogul vergleichen? Zwischen mir und Berlusconi ist doch ein Unterschied wie zwischen Tag und Nacht. In jeder Hinsicht. Außerdem trete ich ja nicht wirklich gegen ihn an. Berlusconi führt zwar die Liste seine Regierungsbündnisses an, ist aber nur ein Scheinkandidat. Bei mir wissen die Leute, dass ich auch ins Europaparlament gehe, wenn sie mich wählen.

SPIEGEL ONLINE: Im europäischen Ausland wird Silvio Berlusconi sehr skeptisch beäugt - nicht zuletzt wegen seiner Medienmacht und seines zweifelhaften Umgangs mit der Justiz. Was finden die Italiener an diesem Mann?

Gruber: Ich glaube, die Italiener sind grundsätzlich sehr empfänglich für Menschen, die ihnen Wunder versprechen. Genau das hat Berlusconi von Anfang an gemacht. Er hat den Italienern ein Italien versprochen, von dem heute aber weit und breit nichts zu sehen ist. Egal ob es um Steuersenkung geht, um die Erhöhung der Renten oder einen besseren Sozialstaat. Nicht umsonst haben sich mittlerweile fast alle Berufsvertretungen gegen Berlusconi gewandt: die Ärzte, die Lehrer, die Angestellten des öffentlichen Dienstes. Entweder sie streiken oder sie gehen auf die Straße. Vor allem die Mittelschicht ist in den drei Jahren der Berlusconi-Regierung viel ärmer geworden. Jetzt sind wir so weit, dass auch der Durchschnittsitaliener die Augen öffnet - und vor allem die Brieftasche. Da sieht er, dass von den Wundern, die Berlusconi versprochen hat, nichts verwirklicht wurde.

SPIEGEL ONLINE: Werden die Europawahlen der Anfang vom Ende der Ära Berlusconi sein?

Gruber: Ich sehe gute Chancen dafür. Wenn wir diese Wahlen klar gewinnen, wird das ein unüberhörbares Alarmsignal für Berlusconi sein. Der ist ja schon nervös. Das hat man neulich beim Parteitag der Forza Italia gemerkt. Dem zweiten in zehn Jahren! Das erinnert mich mehr an Kim Il Sung als an eine moderne europäische Demokratie. Er sagte da wieder Sachen, bei denen man sich nur an den Kopf greifen kann. Er hat angekündigt, Briefe mit seinem Programm und Werbebroschüren an 15 Millionen Haushalte in ganz Italien zu verschicken. Er fügte aber gleich hinzu, die Leute sollten aufpassen, weil es noch viele kommunistische Briefträger gebe. Die könnten die Briefe sonst verschwinden lassen. Wie soll man einem solchen Mann vertrauen?

Das Interview führte Dominik Baur



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