Haftstrafe für Italiens Ex-Premier: Berlusconi bleibt ein letzter Trick

Von

Italiens Ex-Premier Berlusconi: Wie hoch ist der Ekelfaktor für die weiblichen Wähler? Zur Großansicht
REUTERS

Italiens Ex-Premier Berlusconi: Wie hoch ist der Ekelfaktor für die weiblichen Wähler?

Silvio Berlusconi hat eine Minderjährige für Sex bezahlt, er hat sein Regierungsamt missbraucht, um die Affäre zu vertuschen. Zu diesem Urteil kommt ein Mailänder Gericht - und verdonnert Italiens Ex-Premier zu sieben Jahren Haft. Doch Berlusconi hat auch diesmal vorgesorgt.

Rom - Draußen vor dem Mailänder Justizpalast beschimpfen sich Freunde und Gegner des Angeklagten: "Betrüger" und "Lump" steht gegen "Ihr Kommunistenpack!" Für jeden Schreihals gibt es eine Kamera, um alles live zu senden. Das Medienaufgebot ist gigantisch - obwohl es eigentlich nicht viel zu sehen gibt und auch drinnen die Hauptakteure des Spektakels fehlen.

Silvio Berlusconi sitzt schlecht gelaunt zu Hause, ist sich sicher, dass er schuldig gesprochen wird, weil "sie mich von der politischen Bühne weghaben wollen".

Die rotgelockte Hauptanklägerin, Ilda Bocassini, hat ihrem Chef den finalen Auftritt überlassen und ist in den Urlaub gefahren. Edmondo Bruti Liberati soll deutlich machen, dass nicht die "die rote Ilda" gegen Berlusconi steht, sondern die Staatsanwaltschaft insgesamt.

Und auch die Nachtclubtänzerin Karima el-Mahroug, "Ruby" genannt und von den Medien "Ruby Rubacuori" (etwa: Ruby Herzensbrecherin) getauft, hat es vorgezogen fernzubleiben.

Ab 10 Uhr sind sogar die drei Richterinnen verschwunden, wenn auch nur vorübergehend. Sie haben sich ins Beratungszimmer zurückgezogen, nachdem ihnen die Anwälte des Angeklagten zuvor noch einmal einen Konvolut von Papieren in die Hand gedrückt hatten. Darin, zum x-ten Male, die Berlusconi-Version der zu beurteilenden Geschichte.

"Papi" Berlusconi wollte nur helfen

Wie Silvio Berlusconi es erzählt, hört es sich rührend an. Er saß mit einem Dutzend junger Frauen beim Abendessen in seiner Villa in Arcore, in der Nähe von Mailand, und hörte zu, wie eine von ihnen die "schmerzliche Geschichte" ihres jungen Lebens erzählte. "Ich war bewegt", sagt der "Papi" - wie die Mädchen ihn nennen. Und damit die arme kleine "Ruby" sich nicht länger prostituieren müsse, habe er ihr Geld gegeben. Ein paar zehntausend Euro, für einen Schönheitssalon. Sex? - "Nein, nie." Und das bestätigt "Ruby" ja auch.

Die drei Richterinnen, die kurz nach 17 Uhr wieder in den Gerichtssaal kommen, um ihr Urteil zu verkünden, sehen die Geschichte weniger rührend. Sie haben von Januar 2011 an Dutzende Zeugen befragt, rund 400 Seiten Protokolle von abgehörten Telefonaten studiert und befinden nun: Der 76-jährige Milliardär habe Anfang 2010 mit der damals noch minderjährigen marokkanischen Nachtclubtänzerin Karima el-Mahroug Sex gehabt und sie dafür bezahlt.

Die Geschichte von der vermeintlichen Enkelin Mubaraks

Auch der zweite Teil der Story hat verschiedene Versionen. Als Ruby am 27. Mai 2010, etwa drei Monate nach ihrer Einführung in Arcore, unter Diebstahlverdacht verhaftet wurde, half der gütige "Papi" wieder aus. Zum Wohle Italiens dieses Mal. Er rief, obgleich auf Staatsbesuch in Frankreich, noch am Abend gegen 23 Uhr persönlich den Kabinettschef des Mailänder Polizeipräsidenten an. Der lag schon im Bett. "Der Ministerpräsident sagte mir", gab er später zu Protokoll, "dass sich ein Mädchen aus Nordafrika bei uns aufhielte, bei der es sich um die Enkelin Mubaraks handle und dass eine Abgeordnete, Frau Minetti, sich ihrer annehmen würde."

Anschließend habe es weitere Telefonate gegeben, mit Mitgliedern von Berlusconis Begleitschutz, bis der Polizei-Obere zusicherte, "dass die Minderjährige einer Abgeordneten anvertraut werde". Die Abgeordnete Minetti war erst Berlusconis Zahnpflegerin, dann seine Geliebte und saß bald für Berlusconis Partei im lombardischen Regionalparlament. Nebenbei half sie auch bei der Organisation der "Bunga Bunga"-Abende.

Er sei eingeschritten, sagte Berlusconi dazu, weil er damals tatsächlich geglaubt habe, Ruby sei die Enkelin des damaligen ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak. "Ich habe aus Angst vor einer Situation, die zu einer diplomatischen Affäre hätte führen können, um Informationen gebeten."

Nein, befand jetzt das Gericht, er habe das Mädchen aus dem Polizeigewahrsam geholt, damit es dort nichts über seine "Bunga Bunga"-Erlebnisse ausplaudere. Denn "Ruby" hatte keine Papiere, dafür aber schon mehrere Diebstahlverfahren am Hals. Berlusconi habe sein Regierungsamt zu persönlichen Zwecken missbraucht.

Förderung der Prostitution Minderjähriger und Amtsmissbrauch

Wegen Förderung der Prostitution Minderjähriger und Amtsmissbrauch verurteilte das Gericht Silvio Berlusconi zu sieben Jahre Gefängnis - ein Jahr mehr als die Staatsanwaltschaft gefordert hatte - und einem lebenslangen Verbot, ein öffentliches Amt zu bekleiden.

Vor dem Knast muss Berlusconi sich freilich einstweilen nicht fürchten. Wer über 70 Jahre alt ist, muss in Italien nicht in die Zelle. Und außerdem: Das heutige Urteil ist das der ersten Instanz. Es ist nicht rechtskräftig, wenn der Verurteilte Berufung einlegt. Die hat sein Chefanwalt sogleich angekündigt. Zwei weitere Instanzen stehen damit aus. Bis diese entschieden haben, hat der Schuldspruch keine direkten Konsequenzen.

Angst dürfte der Medienzar und Mehrfachregent allerdings vor einem anderen Urteil haben, das ihn schon im Herbst erwischen kann - in dritter und letzter Instanz. Da geht es um Steuerbetrug mit seiner Firma Mediaset. Und da steht neben einem Zwangsaufenthalt im Gefängnis, wie im heutigen Ruby-Urteil, ebenfalls eine fatale "Nebenstrafe" im Raum, sofern das Kassationsgericht die Urteile der Vorinstanzen bestätigt: der Ausschluss von allen öffentlichen Ämtern, faktisch also ein politisches Betätigungsverbot.

Das ist Berlusconis Worst-Case-Szenario. Nicht nur, dass ihn die Schande schmerzt, das unrühmliche Ende einer, aus seiner Sicht, ruhmreichen Karriere. Ein erzwungener Abgang von der politischen Bühne würde ihn macht- und damit schutzlos machen vor den Nachstellungen der Justiz, die - wie er es darstellt - das Recht als "Waffe des politischen Kampfes" gegen ihn missbraucht.

Berlusconi nannte das Urteil "brutal" und kündigte sogleich "Widerstand" dagegen an. Er sei "absolut unschuldig". "Ich war davon überzeugt, freigesprochen zu werden, weil es absolut keine Möglichkeit für einen auf Beweisen basierenden Schuldspruch gab", sagte er.

Der Politiker warf den drei Richterinnen in Mailand vor, ihn zu verfolgen. "Ich habe vor, mich der Verfolgung zu widersetzen, weil ich absolut unschuldig bin, und ich will meinen Kampf nicht aufgeben, aus Italien ein wahrhaft freies und gerechtes Land zu machen."

Berlusconi setzt auf Hilfe vom Koalitionspartner Letta

Schon jetzt setzt er die italienische Regierung unter dem Sozialdemokraten Enrico Letta unter Druck. Wenn dieser ihm nicht aus der Klemme helfe, sei die Koalition am Ende. Denn ohne Berlusconis Partei "Volk der Freiheit" hätte Premier Letta keine Mehrheit.

Am liebsten wäre Berlusconi ein kleines, auf ihn zugeschnittenes Gesetz, so wie es in seiner Amtszeit ja einige gab, das seinen Politikausschluss mit juristischen Tricks verhindert. Weil das mit den Linken kaum zu machen ist, gibt es einen Plan B.

Ein politischer Lizenz-Entzug durch das Kassationsgericht müsste vom Senat - der zweiten Kammer des Parlaments, in der Berlusconi einen Sitz hat - in geheimer Abstimmung bestätigt werden. Das böte eine gute Chance, dass genügend linke Senatoren - unerkannt - mit "Nein" stimmen und so Berlusconi retten, raunen Berlusconis Emissäre den Koalitionspartnern zu. Sonst würde man alles einreißen und auf Neuwahlen setzen.

Da kommt "Ruby" wieder ins Spiel und das heutige, juristisch eher zweitrangige, politisch aber hochbrisante Urteil: Wenn viele Italiener "Bunga Bunga" vielleicht noch ganz lustig, aber den Umgang mit minderjährigen Prostituierten doch eher eklig oder kriminell finden, dann werden sich jetzt manche womöglich von ihrem Heroen abwenden. Vor allem Berlusconis treueste Klientel, die Frauen, könnten es ihm übelnehmen. Wenn aber Berlusconis Wahlchancen sinken, geht seine Drohung mit Neuwahlen ins Leere. "Prima", könnte der Sozi Letta dann sagen, "lassen wir doch wählen!"

Mit Material von AFP

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 72 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. So wird das nichts
Frickel-Pit 24.06.2013
Zitat von sysopREUTERSSilvio Berlusconi hat eine Minderjährige für Sex bezahlt, er hat sein Regierungsamt missbraucht, um die Affäre zu vertuschen. Zu diesem Urteil kommt ein Mailänder Gericht - und verdonnert Italiens Ex-Premier zu sieben Jahren Haft. Doch Berlusconi hat auch diesmal vorgesorgt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/berlusconi-im-ruby-prozess-zu-haftstrafe-verurteilt-a-907621.html
Der kommt aus der Geschichte problemlos wieder raus. Berlusconi ist mit allen Wassern gewaschen und weiß, wie man die Menschen begeistert.
2. ...
darkbishop 24.06.2013
Zitat von sysopREUTERSSilvio Berlusconi hat eine Minderjährige für Sex bezahlt, er hat sein Regierungsamt missbraucht, um die Affäre zu vertuschen. Zu diesem Urteil kommt ein Mailänder Gericht - und verdonnert Italiens Ex-Premier zu sieben Jahren Haft. Doch Berlusconi hat auch diesmal vorgesorgt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/berlusconi-im-ruby-prozess-zu-haftstrafe-verurteilt-a-907621.html
"Vor allem Berlusconis treueste Klientel, die Frauen, könnten es ihm übelnehmen." Seine treueste Klientel sind Frauen ?? Wie schräg muß man als Frau drauf sein, diesen Typ auch noch zu wählen ??
3. Ein Witz
Mr.Marcus 24.06.2013
...ist diese Farce schon seit langem... Diese Mensch, Mafiosi, Freier,... gehört schon lange hinter Gitter. Es ist nur lachhaft was schon so lange in Italien passiert und anscheinend keinen wirklich interessiert...!
4. Erpressung
karend 24.06.2013
"Deshalb setzt er schon jetzt die italienische Regierung unter dem Sozialdemokraten Enrico Letta unter Druck. Wenn dieser ihm nicht aus der Klemme helfe, sei die Koalition am Ende." Ja, das passt zu Berlusconi.
5. endlich
siehsmalso 24.06.2013
mal wieder Nachrichten aus Italien. Ich hatte schon angst das das Land nicht mehr existiert. Das das einzige was man aus Italien hört der fall Berlusconi ist, ist für die Italiener wenig schmeichelhaft wie ich finde. Wen sie den einsperren mache ich vielleicht wieder Urlaub in Italien.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Silvio Berlusconi
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 72 Kommentare

Fläche: 301.336 km²

Bevölkerung: 59,571 Mio.

Hauptstadt: Rom

Staatsoberhaupt:
Giorgio Napolitano

Regierungschef: Matteo Renzi

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | Italien-Reiseseite