Von Fabian Reinbold
Mailand - Der Meister der großen Inszenierung wirkt am Freitagmittag so klein wie selten in seiner Karriere. Silvio Berlusconi, sonst stets darauf bedacht, bella figura zu machen, versinkt im großen Ledersessel. Der Medienmogul, Milliardär und Ex-Premier muss sich gegen Vorwürfe im "Ruby"-Prozess verteidigen - und dann auch noch seiner Erzfeindin die Hand schütteln.
Richterin Ilda Boccassini könnte ihn wegen Beihilfe zur Prostitution Minderjähriger und Amtsmissbrauch verurteilen; Berlusconis Schundblätter verunglimpfen sie seit Jahren immer wieder als "rote Hilde". Er versucht, seinem gestrafften Gesicht ein Lächeln abzuringen.
Heute macht Berlusconi keine bella figura.
Italien hat auf diesen Auftritt gewartet. Die italienische Ausgabe der "Huffington Post" titelt in Anspielung auf einen Rolling-Stones-Klassiker: "Ruby Friday". Berlusconi gibt eine "freiwillige Erklärung" ab.
Berlusconi gibt den Saubermann. Sex in seiner Privatvilla? "Ich kann mit größter Ruhe ausschließen, dass sich in meinem Haus Szenen sexueller Art abgespielt haben." Die wilden Bunga-Bunga-Feste, deren blumige Details die Staatsanwälte zusammengetragen haben? "Der Ausdruck Bunga Bunga stammt aus einer Witzelei, die ich oft wiederholt habe und die dann auch von der Presse übernommen wurde." Mehr sei da nicht dran.
"Diffamierung meiner Person und meiner Freundinnen"
Laut Berlusconi liefen die Feste in seiner Villa so ab: Es gab "Abendessen in einem großen Speisesaal, dort saß ich in der Mitte des Tisches, zog die Aufmerksamkeit auf mich, indem ich sang, über Sport, Politik und Klatsch sprach". Die Staatsanwaltschaft wirft Berlusconi vor, die minderjährige Nachtclubtänzerin mit dem Künstlernamen Ruby Rubacuori ("Herzensstehlerin") 13-mal für Sex bezahlt zu haben.
Das bestreitet Berlusconi nicht zum ersten Mal. Doch noch nie war die Lage so dramatisch für ihn, denn er muss tatsächlich befürchten, dieses Mal nicht ungeschoren davonzukommen.
Nun stellt er sich als Opfer abstruser Verleumdungen dar. Der Vorwurf, er würde Details zu seinen Feiern geheim halten wollen, sei "lächerlich". Der Prozess sei ein "beispielloser Einbruch ins Privatleben eines Bürgers" und eine "monströse Operation der Diffamierung meiner Person und meiner Freundinnen".
Vor allem aber betont der "Cavaliere", dass er nach der Verhaftung Rubys im Mai 2010 keinerlei Druck auf die Mailänder Polizei ausgeübt habe. Das ist ein wichtiges Detail, denn die Ermittler schildern es so: Berlusconi soll beim Mailänder Polizeipräsidenten angerufen und behauptet haben, die festgenommene Ruby sei die Nichte des damaligen ägyptischen Staatschefs Husni Mubarak, und drang auf ihre Freilassung.
Das Telefonat gibt Berlusconi am Freitag zu, aber er habe lediglich angerufen, um Informationen zu erbitten, nicht um Druck auszuüben. Um das zu erklären, versucht er mit großem Aufwand, die Version seiner Geschichte zu bestätigen: Er habe das 17-jährige Amüsiermädchen tatsächlich für die erwachsene Nichte Mubaraks gehalten.
Berlusconi sagt: "Ruby hat mich belogen"
Er habe mit dem Anruf lediglich "diplomatische Verwicklungen" verhindern wollen. Ruby habe sich bei einem Fest in der Berlusconi-Villa als Ägypterin und Verwandte Mubaraks vorgestellt, und sie habe gesagt, sie sei 24 Jahre alt. Auch nach einem Staatsbesuch Mubaraks im Rom sei er überzeugt geblieben, Ruby sei dessen Verwandte. "Ruby hat mich belogen", sagt Berlusconi nun.
Die Wahrheit, so der "Cavaliere", habe er erst Monate später von Nicole Minetti erfahren. Minetti, eine frühere Zahnarzthelferin, die unter Berlusconi Regionalpolitikerin und laut Ermittlern auch Mädchenbeschafferin wurde, habe ihm am Telefon erzählt, dass Ruby gar keine Ägypterin sei, sondern Marokkanerin und dass sie minderjährig sei. "Das hat mich verblüfft", sagt der 76-Jährige.
Die Geschichte klingt abenteuerlich, doch sie ist ein zentrales Element in Berlusconis Verteidigungsstrategie. Er ist nicht nur wegen Prostitution Minderjähriger, sondern auch wegen Amtsmissbrauchs angeklagt.
Der "Cavaliere" ist nervös
In Rom und Mailand ist von der Nervosität Berlusconis zu hören. Er setzt alle Hebel in Bewegung, um einer Verurteilung zu entgehen. Seine beste Chance wäre wohl die Rückkehr in die Regierung. Dann könnte er seine Anwälte wieder Gesetze für ihn maßschneidern lassen, wie sie es in seinen zehn Jahren als Premier stets taten.
Vor allem deshalb kokettiert der "Cavaliere" seit Monaten mit einer Rückkehr in die Politik und mit der Kandidatur bei den Parlamentswahlen 2013. Mal lässt er verlauten, er werde Spitzenkandidat, mal winkt er ab, er sei doch zu alt dafür. Es ist das bekannte Politik-Ping-Pong des Silvio Berlusconi.
Zuletzt brachte er die Option ins Spiel, Premier Mario Monti zu unterstützen, dessen Technokratenkabinett nach der Wahl eigentlich abtreten soll. In Italien ist der Druck auf den überparteilichen Wirtschaftsprofessor Monti zuletzt gewachsen, doch weiterzumachen, bis Italien die schwere Schulden- und Wirtschaftskrise überstanden hat. Berlusconis räsonierte in der Öffentlichkeit, er könne sich unter gewissen Voraussetzungen vorstellen, eine neue Liste mit Monti zu unterstützen. Zu diesen Voraussetzungen dürfte zählen, ihn vor der strafrechtlichen Verfolgung zu schützen.
Doch ob Berlusconi der politischen Klasse noch ein letztes Mal seinen Willen aufzwingen kann, gilt als fraglich. Seine Partei Volk der Freiheit ist in den Umfragen abgestürzt, Korruptions- und Verschwendungsskandale sorgen quer durchs Land für Schlagzeilen. So gesehen stehen Berlusconis Chancen schlecht.
Andererseits hat der sich von schlechten Aussichten noch nie abschrecken lassen. Und sich bislang aus noch jedem Prozess herausgewunden.
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