Berlusconis Ex-Berater "Ich erkenne ihn nicht wieder"

Er unterlag im TV-Duell gegen Prodi und wirkt merkwürdig nervös. Hat Italiens Ministerpräsident seinen politischen Instinkt verloren? SPIEGEL ONLINE sprach mit Silvio Berlusconis ehemaligem Spin-doctor Luigi Crespi über den verzweifelten Wahlkampf des Cavaliere.


Rom - Luigi Crespi war sieben Jahre lang der Chefdemoskop von Silvio Berlusconi. Der ehemalige Sponti aus Mailand wurde rasch Italiens "König der Umfragen". Er konzipierte im Wahlkampf 2001 jenen "Vertrag mit den Italienern", mit dem der Medienmilliardär die entscheidenden Stimmen gewinnen konnte. Im Herbst 2003 machte Crespi sich als politischer Berater selbstständig und steht heute der Opposition nahe. Am Donnerstag stellte er in Rom sein Buch "L'Antidoto", das Gegengift, vor.

Berlusconi: "Wie Custer am Little Big Horn"
DPA

Berlusconi: "Wie Custer am Little Big Horn"

SPIEGEL ONLINE: Was ist in Ihren ehemaligen Chef gefahren? Er beschimpft den Unternehmerverband Confindustria als Steigbügelhalter der Kommunisten und wirkt im TV-Duell mit Romano Prodi wie ein verkrampfter Zahlenfetischist. Ist das Taktik oder ein Zeichen von Erschöpfung?

Luigi Crespi: Ich erkenne ihn nicht wieder. In Vicenza, beim Kongress der Confindustria, attackierte er einen Industriellen und drohte ihm, nur weil der den Kopf geschüttelt hatte. Das ist keine mediale Taktik, eher ein Zeichen für Nervosität. Berlusconi erinnert mich an General Custer am Little Big Horn. Er ahnt, dass seine Koalition die Wahlen verlieren wird und versucht nur noch, als Kämpfer in Erinnerung zu bleiben. Er tut alles, um für seine Partei Forza Italia das Maximum an Stimmen herauszuholen. Denn wenn er wieder eine starke Mannschaft von Gefolgsleuten ins Parlament bringen kann, wird es für seinen Nachfolger schwer, ihn zu belästigen.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Ausfälle Berlusconis könnten bewusst geplant sein, um die Stammwähler zu mobilisieren?

Crespi: Berlusconi kann strategisch denken. Er weiß, was er will. Aber die taktische Ausführung entscheidet er von Tag zu Tag, wie es ihm gefällt. Und in diesem Moment geht es ihm ums Überleben. Er muss alles tun, damit es nach der Wahl nicht zu einer Vendetta kommt.

SPIEGEL ONLINE: Sind die Wahlen für ihn tatsächlich schon verloren?

Crespi: Erst am Abend des 10. April. Natürlich sind in einer Kampagne die letzten vierzehn Tage entscheidend. Und natürlich klebt er seine Hoffnungen auf die Zahlen seiner amerikanischen Gefälligkeits-Demoskopen. Aber es ist unmöglich, einen Fünfjahrestrend in so kurzer Zeit umzukehren. Berlusconi hat die Europawahlen verloren und die Regionalwahlen im letzten Jahr. Er hat die Provinzen Rom und Mailand verloren, ebenso Bologna.

SPIEGEL ONLINE: Romano Prodi vermeidet bisher jeden Angriff auf die Person Berlusconi. Kein Wort zu den laufenden Verfahren gegen ihn wegen Steuerhinterziehung und Bestechung des Anwalts David Mills. Ist das die richtige Politik, um Berlusconi zu besiegen?

Crespi: Es gibt keine andere. Unsere Erfahrung damals war: Je mehr die Justiz gegen Berlusconi vorgeht, desto größer ist seine Popularität. Jeder Versuch, die Person Berlusconi zu delegitimieren, ist gescheitert. In Italien wird dadurch genau das Gegenteil bewirkt. Wenn der Cavaliere jemals die Macht in diesem Land verlieren sollte, dann nicht wegen der Richter, sondern weil die Bürger ihn auf demokratische Weise nach Hause schicken. Prodi tut recht daran, den Italienern in seiner väterlichen Art immer nur eine Frage zu stellen: Geht es euch heute besser als vor fünf Jahren? Hat Berlusconi seine Versprechen aus dem "Vertrag mit den Italienern" eingehalten oder nicht? Es geht nicht darum, ob Berlusconi ein guter und ehrlicher Bürger ist. Es geht daraum, dass er seinem Land ein lausiger Regierungschef gewesen ist. Und als solchen werden die Italiener ihn in Erinnerung behalten. Wenn Prodi gewinnen sollte, dann nicht, weil er die Italiener verzaubert hätte, sondern weil Berlusconi sie enttäuscht hat.

SPIEGEL ONLINE: Der ehemalige Richter und Abgeordnete der Linksdemokraten (DS), Luciano Violante, hat gestern von einem "mafiösen Zirkel" um den Regierungschef gesprochen. Sie sind sieben Jahre lang in Berlusconis Residenz in Arcore ein- und ausgegangen. Ist Ihnen nichts aufgefallen?

Crespi: Nichts. In Rom begegne ich mehr von diesen Figuren, und zwar in den Sekretariaten der Parteien, gleich welcher Orientierung übrigens. Mit derartigen Äußerungen verschafft die Linke Berlusconi nur zu mehr Stimmen. Genauso wie die No Global und die Hausbesetzer in Mailand und Bologna, derentwegen das US-Außenministerium jetzt sogar eine Reisewarnung ausgesprochen hat. Das alles nutzt nur Berlusconi. An diesen Mafia-Gerüchten ist nichts dran. Dieser Mann ist zigmal untersucht worden, in jeder nur denklichen Weise, und nie wurde etwas gefunden, das auch nur eine Ermittlung erlaubt hätte. Nein, Berlusconi wird nicht aus dem Palazzo Chigi (dem Sitz des Regierungschefs) gejagt wegen der Mafia, sondern weil er die Italiener - und mich auch - träumen ließ und dann für dumm verkauft hat.

Interview: Alexander Smoltczyk



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