Globale Bestandsaufnahme Die Welt wird ärmer. Radikaler. Undemokratischer

Autokraten herrschen brutaler, religiöse Fanatiker sind auf dem Vormarsch, wirtschaftlicher Aufschwung hilft nicht gegen Armut: Eine Studie der Bertelsmann Stiftung sieht die Welt in einer gefährlichen Schieflage.

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Alle zwei Jahre lässt die Bertelsmann Stiftung in Gütersloh den Bertelsmann Transformation Index (BTI) erstellen. Ein internationales Team von mehr als 200 Experten erhebt und analysiert Daten zum Zustand von Demokratie und Menschenrechten, zur Lage der Wirtschaft und der Leistungsfähigkeit des Staatsapparats in 129 Entwicklungs- und Transformationsländern.

SPIEGEL ONLINE und SPIEGEL veröffentlichen die wichtigsten drei Befunde der über 3000 Seiten umfassenden Studie.

1. Demokratie in Gefahr

Die Demokratie ist weltweit in Gefahr, selbst in bislang gefestigten Systemen greifen laut BTI autoritäre Tendenzen um sich, die Zahl der Diktaturen auf der Welt hat sich erhöht.

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Heft 9/2016
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Von 129 untersuchten Staaten stuften die Forscher 74 als - wenn auch fehlerhafte - Demokratien ein, 55 zählen sie zu den Autokratien, darunter seien 40 "harte" Diktaturen. Das sind sieben mehr als noch vor zwei Jahren. Es sind vor allem die Machthaber in den arabischen und in den Maghreb-Ländern, die rabiater durchregieren - hatte doch der Arabische Frühling ihnen drastisch vor Augen geführt, was das Volk über sie denkt.

Einen ähnlichen Effekt beobachten die Forscher in Osteuropa und Zentralasien: Die Rebellion der Ukrainer auf dem Maidan hat Autokraten wie Wladimir Putin aufgeschreckt. Der russische Präsident schränkte die Spielräume der Zivilgesellschaft mit Demonstrationsverboten ein, die Justiz ist ihm untertan, Mitarbeiter von Nichtregierungsorganisationen werden als "ausländische Agenten" diffamiert. Zudem hebeln vor allem in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion korrupte oligarchische Netzwerke die Demokratie aus.

So steht es um die Entwicklungs- und Schwellenländer


In Afrika, so lässt sich aus den Ergebnissen der Bertelsmann-Studie ablesen, hat der wirtschaftliche Aufschwung der vergangenen Jahre der Demokratie nicht automatisch geholfen. In Ländern wie Kenia und Nigeria beschränkten die Regierungen Bürgerrechte. Erst vorvergangene Woche ließ sich in Uganda Yoweri Museveni nach 30 Jahren Herrschaft erneut zum Präsidenten wählen. Seinen gefährlichsten Widersacher verhaftete die Polizei vor und nach der Wahl gleich mehrfach unter fadenscheinigen Beschuldigungen.

Fortschritte in Richtung Demokratie sehen die Forscher selten. Nur in wenigen Ländern - darunter Mali, Guinea, Nepal und die Ukraine - wurden demokratische Prozeduren und Institutionen gestärkt.

Besonders bedenklich finden die Macher der Studie, dass auch in eigentlich gefestigten Demokratien autoritäre Tendenzen sichtbar werden, etwa im EU-Land Ungarn: In Budapest ließ Premier Viktor Orbán etwa den Einfluss des Verfassungsgerichts zurückdrängen, Kontrollinstanzen wie Rechnungshöfe, Rundfunkräte oder die Vorstände staatseigener Unternehmen besetzt er mit seinen Parteigängern. Dem Vorbild Ungarn folgt jetzt die neue nationalkonservative Regierung in Warschau. Weil sie erst seit Herbst an der Macht ist, tauchen ihre Maßnahmen in der Bilanz der Bertelsmann-Forscher noch nicht auf.

2. Religiöse Fanatiker auf dem Vormarsch

Auch der Einfluss religiöser Kräfte auf die Politik nimmt zu. In der Türkei treibt die mit absoluter Mehrheit herrschende Regierungspartei AKP die Islamisierung der Republik voran, in Nigeria haben zwölf Bundesstaaten die Scharia zur Rechtsgrundlage erhoben und untergraben so die säkulare Verfassung. In 21 Staaten spielten, so beklagen die Bertelsmann-Forscher, religiöse Dogmen eine größere Rolle im Staatswesen als noch vor zwei Jahren.

Ein Phänomen, das nicht nur islamisch geprägte Länder betrifft. In afrikanischen Staaten wie Äthiopien, Eritrea und Uganda werden christliche Kirchen mächtiger. Und in Russland instrumentalisiert die Regierung die Vertreter der russisch-orthodoxen Kirche. Der Klerus soll im Sinne des Kreml traditionelle russische Werte propagieren, um westliche Einflüsse zu blockieren.

Natürlich gefährdet die wachsende Macht der Religionen, wie jetzt in Afrika und Asien, Demokratie und Pluralismus. Denn wo sich Politik und Justiz überwiegend auf Dogmen und Traditionen berufen, die von einem Gott legitimiert sein sollen, wird der Raum für Dissens immer kleiner.

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Entwicklungs- und Schwellenländer: Die Welt auf der Kippe
In islamischen Ländern wie Saudi-Arabien und Iran werden Oppositionelle als "Feinde Gottes" verfolgt, weil sie die dominierende Rolle der Religion ablehnen. Beide Staaten konkurrieren um die Vorherrschaft im Nahen Osten und versuchen, mittels ihrer religiösen Ideologien im Irak, in Syrien und im Libanon mehr Einfluss zu gewinnen. Für säkulare Bewegungen in der arabischen Welt sind das keine guten Aussichten.

3. Die Wirtschaft wächst, die Armut auch

Eine "entwickelte Marktwirtschaft" weisen die Forscher nur in zehn Prozent der 129 untersuchten Staaten nach. Zwei Drittel sind hingegen "funktional defizitäre" oder "schlecht funktionierende" Marktwirtschaften.

Drei große Diskrepanzen fallen auf: Selbst wenn sich ein Land wirtschaftlich positiv entwickelt, profitieren von dem Aufschwung nur wenige Menschen. Als Nachwirkung der Finanzkrise von 2008 sind viele Staatshaushalte in gehöriger Schieflage. Dafür machen die Autoren auch staatliche Hilfen für Banken und Kapitalmärkte verantwortlich.

Außerdem herrscht bei vielen Nationen eine gewisse Selbstüberschätzung: Eine "wachsende Differenz zwischen Anspruch und Wirklichkeit in den großen Schwellenländern, deren wirtschaftliche Leistungsstärke zuletzt nachgelassen hat", konstatieren die Autoren. Gemeint sind vor allem Brasilien, Russland, Indien und China.

In der gleichen Tabelle wie diese wirtschaftlichen Riesen landen ökonomische Zwergstaaten wie die Elfenbeinküste und Failed States wie der Südsudan. Die Elfenbeinküste loben die Forscher für den Weg zum Kapitalismus, auch wenn das Land nach wie vor als "schlecht funktionierende Marktwirtschaft" gilt.

Allerdings zeigt der Index auch: Seit 2006 ist die Elfenbeinküste bei der Armutsbekämpfung nicht vorangekommen. Trotz der Fortschritte sind in dem westafrikanischen Land genauso viele Menschen wegen Armut an der gesellschaftlichen Teilhabe gehindert wie vor zehn Jahren. Die Armut ist extrem und strukturell verankert, zeigt der BTI.

Das gilt ebenso und besonders stark für das restliche Westafrika sowie für viele afrikanische Länder südlich der Sahara. Ähnlich, wenn auch weniger drastisch, sieht es in Lateinamerika und Südostasien aus. Für das gesamte Berichtsgebiet konstatiert die Studie: Überdurchschnittliches Wachstum der Wirtschaft führte nicht zu einer Verbesserung des Lebensstandards. Insgesamt sind heute in mehr Ländern Menschen durch extreme Armut ausgegrenzt als noch 2006.

In 90 Prozent der untersuchten Länder sei soziale Teilhabe weniger wichtig als "marktwirtschaftliche Arrangements", schreiben die Forscher. Schuld sei eine "einseitige Prioritätensetzung der vergangenen Jahrzehnte". Den "Trickle-down"-Effekt, bei dem eine marktradikale Ausrichtung nach anfänglichen sozialen Spannungen zu mehr Wohlstand führen soll, gebe es nicht wie erhofft. Die als "Washington Consensus" bekannt gewordene Erwartung, "wonach Liberalisierung, Deregulierung, Privatisierung und niedrige Kapitalertragssteuersätze (...) letztlich höhere Einkommen für die Mittelschicht" bringen, habe sich "in weit geringerem Umfang erfüllt als vorhergesagt".

Fast schon bizarr nimmt sich dagegen aus, wie gut es der Studie zufolge nach der Krise der späten Nullerjahre dem Banken- und Kreditwesen geht. Ein "rasche Stabilisierung der Bankensysteme" habe dafür gesorgt, dass sich der "Anteil notleidender Kredite seit 2009 in den meisten Ländern verringert" habe.

Ein Hoffnungsschimmer - oder ein Grund zur Sorge für die Mächtigen: Immer mehr Menschen in Schwellen- und Entwicklungsländern werden sich der teils brutal ungleichen Verteilung des Reichtums bewusst. Nach Stabilität und Sicherheit klingt das allerdings nicht.



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insgesamt 128 Beiträge
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Seite 1
trackingerror 28.02.2016
1.
Das war doch schon alles absehbar. Letztendlich läuft es doch in Zukunft auf einen Verteilungskampf hinaus. Der Turbokapitalismus beschleunigt den Prozess.
kevinschmied704 28.02.2016
2. oder war sie es nicht schon immer?
nur konnten wir uns bisher davor gut abschotten mit geiz is geil, spaß Republik alla Stefan Raab und den Diktatoren Nordafrikas?
Osservatore 28.02.2016
3. Splitter und Balken
Wie war das noch gleich: Du siehst den Splitter im Auge deines Bruders, den Balken im eigenen Auge siehst Du nicht. Bertelsmann-Lobby-Auftragsstudie eben á la "Wir Guten, die Bösen", primitiv, einseitig und gefährlich. Das wird der tatsächlichen Lage, auch im Westen, nicht gerecht.
olicrom 28.02.2016
4. Reagan, Thatcher, Kohl, Schröder, Fischer, Bush...
.... und all die anderen Epigonen neoliberaler Politik eines halben Jahrhunderts. Mehr braucht man bezüglich Ursachenforschung eigentlich gar nicht zu sagen.
joes.world 28.02.2016
5. Je mehr Ratten sie auf engem Raum einsperren, um so aggressiver werden die.
Das lässt sich auch auf die Menschen übertragen. Die Überbevölkerung ist das globale Problem. Mehr Menschen, mehr Landwirtschaft, mehr Erwärmung durch Tierzucht, durch das Leben der Menschen an sich. Mehr Erwärmung - heftigere Reaktionen der Natur. Zu viel Regen auf dem einen Kontinent, im südlichen und östlichen Afrika Dürren, die sich gewaschen haben. Beides zerstört Böden, führt zu noch weniger Wald, lässt vorhandene Flächen noch intensiver nutzen. Und Staaten beginnen um Ressourcen zu kämpfen. Und auch innerhalb vieler Staaten sind die Unterschiede zu groß. Auch und gerade in absoluten Zahlen. Durch die Überbevölkerung. Seien sie sozialer oder ethnischer oder religiöser Natur. Und damit diese Staaten nicht im Chaos versinken, versuchen die an der Macht, immer autoritärer zu regieren. Unser Planet steht an der Kippe. Zu viele auf zu engen raum wollen zu viel für sich und ihr Leben. Und alle plündern die endlichen Ressourcen und geben ihrem Planeten immer weniger Raum zur Erholung.
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