Von Benjamin Bidder, Moskau
Moskau - Eine Gruppe orthodoxer Christen sprach Gebete: Die drei Sängerinnen der Punkband Pussy Riot sollten härter bestraft werden. Auf der anderen Seite: zahlreiche Demonstranten, die mit kremlkritischen Liedern ihre Sympathie für die Musikerinnen zeigten. Auch im Moskauer Stadtgericht war der Andrang am Montag groß. Rund ein Dutzend Übertragungswagen parkten vor dem Gebäude, drinnen drängten sich Dutzende Reporter in Richtung Gerichtssaal. "Bürger, drei Schritte zurücktreten", raunzte ein bulliger Gerichtsdiener mit Pistole im Gürtelholster.
Russlands Justiz blieb sich am Montag treu: Je größter die Aufmerksamkeit, die ein Prozess erregt, desto kleiner fallen die Räumlichkeiten aus, in denen verhandelt wird. So war es schon bei den Verfahren gegen den ehemaligen Öl-Magnaten Michail Chodorkowski. So war es auch nun wieder bei der Berufungsverhandlung im Fall der drei inhaftierten Pussy-Riot-Aktivistinnen. Nur knapp drei Dutzend Reporter fanden Platz in dem kleinen, mit dunklem Holz getäfelten Gerichtssaal. Das Gericht muss entscheiden, ob die Verurteilung "aus tiefstem Hass gegenüber Gläubigen", so der Richterspruch vom 17. August, rechtmäßig ist.
So kam es denn auch im Saal Nummer 338 des Moskauer Stadtgerichts. Knapp eine Stunde lang mühten sich die anwesenden Angehörigen der Verurteilten und die Vertreter der Medien, den kaum vernehmbaren Ausführungen von Richterin Larisa Poljakowa zu folgen - oft vergeblich, denn neben den Zuschauerbänken brummte eine Lüftung.
"Weder gut noch schlecht"
Nach mehreren Unterbrechungen wurde die Verhandlung auf den 10. Oktober vertagt. Jekaterina Samuzewitsch hatte völlig überraschend ihren Verteidigern das Mandat entzogen, weil sie mit deren "Position nicht übereinstimmt". Einer der Gründe für das Zerwürfnis sei die "undurchsichtige Verwendung von Spenden für Pussy Riot", berichtete die Zeitung "Nowaja Gaseta". Zudem sollen die Juristen Briefe unterschlagen haben.
Tolokonnikowa und Aljochina dagegen sprachen ihren Verteidigern das Vertrauen aus. Gleichzeitig baten sie darum, die Entscheidung von Jekaterina Samuzewitsch zu respektieren. "Es ist inakzeptabel, den Prozess fortzusetzen, wenn eine von uns keinen Verteidiger hat", sagte Aljochina. Tolokonnikowas Ehemann Pjotr Wersilow sagte, die Entwicklung sei "weder gut noch schlecht" für das Verfahren, sondern "eine technische Angelegenheit".
Samuzewitschs Beweggründe bleiben unklar. Die Staatsanwaltschaft warf den Frauen vor, das Verfahren verschleppen zu wollen. "In der Regel zielen solche Aktionen einzig und allein auf eine Verzögerung ab, wenn sie am Tag der Anhörung selbst gemacht werden", sagte eine Gerichtssprecherin. Möglicherweise wollen die drei Frauen das Ende der Berufungsverhandlung möglichst lange hinauszögern - und damit auch die Verlegung aus Moskau in die Straflager, wo die Haftbedingungen deutlich härter sind. Der Anwalt der Nebenkläger sprach von einer "abgekarteten Sache". Er fürchte, dass beim nächsten Verhandlungstag am 10. Oktober auch die beiden anderen Frauen ihre Verteidiger entlassen würden, um den Prozess in die Länge zu ziehen, sagte Alexej Taratuchin.
Verteidiger Feigin dagegen hatte noch vor Beginn der Verhandlung berichtet, Samuzewitsch werde von der Staatsmacht unter Druck gesetzt, ihre Anwälte auszuwechseln. "Sie wirken durch bestimmte Verwandte, ihr nahestehende Personen, auf sie ein", sagte Feigin am Sonntag. Samuzewitsch hat nun fünf Tage Zeit, um einen neuen Verteidiger zu bestellen.
"Keine Sorge, alles normal", sagten die drei Verurteilten einer "Nowaja Gaseta"-Korrespondentin. Dann wurden sie zurück ins Untersuchungsgefängnis gebracht.
mit Agenturmaterial von dpa/jok
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