Besuch im Gaza-Streifen Uno-Generalsekretär schockiert über Zerstörungen

"Es ist herzzerreißend": Ban Ki Moon hat die Waffenruhe im Gaza-Streifen genutzt, um sich persönlich ein Bild vom Ausmaß der Schäden im Kriegsgebiet zu machen. Der Uno-Generalsekretär zeigte sich entsetzt - die Hamas organisierte dagegen Siegesfeiern.


Gaza/Jerusalem/Brüssel - Seit zwei Tagen schweigen die Waffen im Gaza-Streifen. Doch selbst wenn die Ruhe von Dauer ist, die Narben des Krieges werden noch lange zu sehen sein. Bei einem Besuch im Krisengebiet äußerte sich Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon am Dienstag "entsetzt" über das Ausmaß der Zerstörung. "Es ist herzzerreißend, es ist schockierend, mir fehlen die Worte", sagte Ban auf einer Pressekonferenz vor den Trümmern eines von Israel zerstörten Uno-Lagerhauses in der Stadt Gaza.

Ban forderte eine umfassende internationale Untersuchung aller Todesfälle von Zivilisten. Der Uno-Generalsekretär kündigte an, dass hochrangige Experten der Vereinten Nationen am Donnerstag nach Gaza kommen werden, um die Schäden und humanitären Bedürfnisse zu ermessen.

Indes war weiterhin unklar, ob die israelische Armee noch im Laufe des Dienstags ihren Truppenabzug aus dem Gaza-Streifen abschließt. Sprecher der Armee und des Verteidigungsministeriums wollten entsprechende Berichte des Armeerundfunks nicht bestätigen.

Nach Angaben der Gesundheitsbehörde in Gaza sind bei der mehr als drei Wochen langen Militäroffensive Israels mindestens 1415 Menschen getötet und mehr als 5500 weitere verletzt worden. Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass es sich bei der Hälfte aller Todesopfer um Zivilisten handelt.

Uno-Generalsekretär Ban ist der bisher ranghöchste internationale Repräsentant, der sich vor Ort ein Bild vom Ausmaß der Schäden und der humanitären Krise gemacht hat. Die Eskalation der vergangenen Wochen bezeichnete er als ein "kollektives politisches Scheitern".

Ban traf während seines Kurzbesuches nicht mit Vertretern der radikal-islamischen Hamas zusammen. Sie kontrolliert seit einem blutigen Putsch vom Juni 2007 den Gaza-Streifen. Ban nannte den Raketenbeschuss israelischer Zivilisten durch militante Palästinenser inakzeptabel.

"Siegesfeier" der Hamas

Vor dem Eintreffen von Ban waren Zehntausende Hamas-Anhänger zu einer Siegesfeier im Zentrum der Stadt Gaza geströmt. Viele schwenkten die grüne Hamas-Fahne. Die Hamas hatte zuvor dazu aufgerufen, den "Sieg des Widerstandes über die israelischen Besatzer" zu feiern.

Aus Sicht des hochrangigen Hamas-Funktionärs Aschraf Abu Daja hat die große Beteiligung gezeigt, dass die Hamas-Bewegung nicht an den Folgen des Krieges zerbrochen sei. Israel hat nach seiner Darstellung eine einseitige Waffenruhe ausgerufen, nachdem die Armee von Hamas-Kämpfern besiegt worden sei.

Der Uno-Generalsekretär war vor seiner Fahrt in den Gaza-Streifen in Jerusalem mit dem amtierenden israelischen Ministerpräsidenten Ehud Olmert zusammengetroffen. Beide hätten über Wege zur Stabilisierung der Waffenruhe und die Koordinierung von humanitärer Hilfe für die Zivilbevölkerung gesprochen, teilte Olmerts Büro mit. Der Regierungschef habe erklärt, dass der Wiederaufbau des Gaza-Streifens nicht zu einer De-facto-Anerkennung der Hamas führen dürfe.

Sarkozy will Nahost-Konferenz

Der französische Präsident Nicolas Sarkozy will nach Informationen des "Figaro" eine internationale Nahost-Konferenz zur Aushandlung eines dauerhaften Friedens in Paris ausrichten. Im Mittelpunkt solle die Schaffung eines Palästinenserstaates stehen. Ein vorbereitendes Außenministertreffen solle "vermutlich Anfang Februar" in Ägypten stattfinden, berichtet das regierungsnahe Blatt am Dienstag. Die Friedenskonferenz danach sei dem Elyséepalast zufolge "eine Frage von Wochen".

Die Europäer fordern nach Informationen der arabischen Zeitung "Al Schark al-Awsat" von Israel, die radikal-islamische Hamas als Teil einer palästinensischen Einheitsregierung zu akzeptieren und die Blockade des Gaza-Streifens aufzugeben. Der israelische Ministerpräsident Olmert habe das bei einem Treffen mit den Regierungschefs aus Frankreich, Deutschland, Großbritannien und anderen Staaten wütend abgelehnt.

EU-Entwicklungskommissar Louis Michel kündigte in Brüssel an, er wolle sich am Sonntag und Montag in Gaza ein Bild darüber machen, welche Hilfe am dringendsten notwendig sei. Die Prager EU- Ratspräsidentschaft teilte mit, drei tschechische Experten seien unterwegs, um den Bedarf an humanitärer Hilfe abzuschätzen.

Auch die Mitgliedstaaten der Arabischen Liga erklärten am Dienstag, sie wollten den Palästinensern im Gaza-Streifen helfen, ihre zerstörten Häuser, Schulen und Werkstätten wieder aufzubauen. Zum Abschluss eines zweitägigen Wirtschafts- und Sozialgipfels in Kuwait erklärten die Mitgliedstaaten zudem, sie wollten gleichzeitig versuchen, die rivalisierenden Palästinenserfraktionen zu einen, allen voran die Fatah-Bewegung von Präsident Mahmud Abbas und die Hamas. Zur Koordinierung der Hilfsbemühungen soll auf Wunsch des ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak Mitte Februar eine internationale Gaza-Geberkonferenz in Ägypten stattfinden.

Trotz Waffenruhe kamen auch am Dienstag im Gaza-Streifen wieder drei Menschen ums Leben. Zwei Kinder starben in der Stadt Gaza, als sie mit liegengebliebener Kriegsmunition spielten und diese explodierte. Im nördlichen Gaza-Streifen wurde ein Palästinenser getötet. Die israelische Armee dementierte Berichte von Augenzeugen, wonach der Landwirt von israelischen Soldaten erschossen wurde.

Nahost-Konflikt
Die Gebiete
Im Grunde dreht sich der Konflikt um das Existenzrecht Israels und die Forderung nach einem eigenen Palästinenserstaat . Es gibt inzwischen palästinensische Autonomiegebiete - den Gaza-Streifen und das Westjordanland . Die Grüne Linie trennt die Gebiete von Israel. Um die israelischen Siedlungen in den umstrittenen Gebieten gibt es immer wieder Streit.
Die Gegner
Dem Staat Israel stehen einzelne Gruppierungen und Institutionen gegenüber: im Gaza-Streifen und Westjordanland die Palästinensische Autonomiebehörde | Hamas | Kassam-Brigaden | Volkswiderstandskomitee (PRC) | PLO | Fatah | Al-Aksa-Brigaden | Islamischer Dschihad | im Libanon die Hisbollah
Geschichte

phw/dpa

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