Türkisch-syrische Grenze: Das Dorf, in dem die Eiszeit begann

Aus Akçakale berichtet

Akçakale ist ein unscheinbares türkisches Dorf, von Syrien getrennt nur durch einen Stacheldrahtzaun. Als dort Anfang Oktober mehrere Zivilisten durch eine syrische Granate starben, begann die Krise zwischen Ankara und Damaskus. In dem Örtchen selbst herrscht gespenstische Ruhe.

Türkisch-syrischer Konflikt: Die Schützengräben von Akçakale Fotos
SPIEGEL ONLINE

Vor knapp zwei Wochen haben syrische Geschosse die Nachbarn von Jusef getötet. Der schmächtige türkische Polizist mit braungebranntem Gesicht und gegelten Haaren lebt in dem türkischen Dorf Akçakale in der Häuserreihe direkt vor der syrischen Grenze. Sein Haus trennen nur hundert Meter und ein hoher Maschendrahtzaun von Syrien.

Als am 3. Oktober das Geschoss ins Haus gegenüber einschlug, traf es eine Mutter mit ihren drei Töchtern tödlich. Ein Sohn wurde schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert, er verlor ein Bein. Sonderlich geschockt hat Jusef der Vorfall nicht. "Wir sehen im Fernsehen, dass Assad täglich die Menschen bombardieren lässt. Und wenn Tal Abiad beschossen wird, landet immer mal wieder was bei uns", sagt der 33-Jährige über das Grenzdorf auf der syrischen Seite.

International erregte der Tod der türkischen Zivilisten hohe Aufmerksamkeit. Der türkische Premierminister Recep Tayyip Erdogan ordnete mehrere Vergeltungsschläge an. Zwischen Ankara und Damaskus herrscht inzwischen eine neue Eiszeit.

Für Akçakale heißt das, dass am südöstlichen Ortsrand nun ein paar Schützengräben gezogen wurden. Ein Panzer steht darin. Ein weiteres gepanzertes Fahrzeug steht versteckt zwischen ein paar Bäumen nahe der Grenze. Wenn wieder syrische Geschosse in Akçakale landen, sollen die türkischen Militärs zurückschießen. Zuletzt sei es hier jedoch ruhig gewesen, sagt Jusef.

"Wir sind froh, dass die türkische Armee da ist", sagt Jusef. Stolz sei er auf Premierminister Erdogan, der Assad in seine Schranken gewiesen habe. Nichts wünscht sich Jusef so sehr wie das Ende Assads. Zwar ist er gegen einen Krieg zwischen der Türkei und Syrien. "Das ist ein Kampf zwischen Assad und seinem Volk." Doch er unterstützt die syrischen Rebellen. Wie Trophäen zeigt er Fotos auf seinem Handy, die ihn mit Rebellenkämpfern ohne Waffen im Flüchtlingslager von Akçakale zeigen. Der Polizist drückt auch schon einmal ein Auge zu, wenn Aufständische zwischen der Türkei und Syrien hin- und herpendeln.

Ein Mann in Lederjacke verschwindet über die Grenze

So auch jetzt: Ein Motorrad fährt an Jusef vorbei, die Lehmstraße hinunter in Richtung der syrischen Grenze. Ein kräftiger Mann in schwarzer Lederjacke steigt vom Soziussitz ab und geht auf den Maschendrahtzaun zu. Der Fahrer fährt davon. "Syrer oder Türke?", ruft Jusef dem Mann auf Arabisch nach. "Türke!", antwortet dieser, ohne sich umzudrehen, und fängt an zu rennen. Er verschwindet auf der syrischen Seite, wo die Rebellenflagge weht. "Das war einer von der Freien Syrischen Armee", sagt Jusef.

Eigentlich haben die Türken die Grenze in Akçakale geschlossen. Doch immer wieder lassen sie einzelne Syrer durch. Sie kommen in die Türkei, um Säcke mit Lebensmitteln zu kaufen und zurück nach Syrien zu schleppen. Andersherum kehren manche Flüchtlingsfamilien aus dem türkischen Lager von Akçakale zurück, um nach Rakka zu fliehen, einer nahegelegenen syrischen Stadt, in der sich wenige dem Aufstand gegen Assad angeschlossen haben und die daher noch relativ friedlich ist.

Meistens ist die Grenze menschenleer, worunter auch die Wirtschaft von Akçakale leidet. Einige hätten das Dorf verlassen, erzählt Jusef. Ob aus Angst oder weil der Grenzhandel zusammengebrochen ist, das weiß er nicht.

Seine Sympathie für die Rebellen erklärt Jusef so: "Ich bin Muslim, sie sind Muslime." Vor allem sieht er sich aber als ethnischen Araber. Zwischen den türkischen Arabern von Akçakale und den syrischen von Tal Abiad bestehen Familienbande. Jusefs Onkel war mit einer Syrerin aus Tal Abiad verheiratet. Der Onkel kämpfte mit den syrischen Rebellen und starb in Syrien. In der vordersten Häuserreihe von Akçakale direkt an der Grenze haben fast alle Familie auf der anderen Seite - und in diesen Tagen syrische Verwandte bei sich zur Unterkunft.

Angst, sagen diejenigen, die in der Häuserreihe an der Grenze geblieben sind, hätten sie nicht. "Es gibt jetzt eine Art Pufferzone", sagt Jusef. "Die syrischen Kampfjets machen fünf Kilometer vor der Grenze kehrt." Dass der Frieden in Akçakale ewig währt, glaubt er aber nicht. "Wahrscheinlich ist es nur ruhig bei uns, weil es auch auf syrischer Seite keine Gefechte gibt." Er lacht. "Die Freie Syrische Armee und das Regime ruhen sich nur aus für die nächste Runde."

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1. Es waren Granaten der FSA
diepresselügt 22.10.2012
Zitat von sysopAkçakale ist ein unscheinbares türkisches Dorf, von Syrien getrennt nur durch einen Stacheldrahtzaun. Als dort Anfang Oktober mehrere Zivilisten durch eine syrische Granate starben, begann die Krise zwischen Ankara und Damaskus. In dem Örtchen selbst herrscht gespenstische Ruhe. Besuch in Akcakale an der türkischen Grenze zu Syrien - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/besuch-in-akcakale-an-der-tuerkischen-grenze-zu-syrien-a-861778.html)
jeder weiss es, nur die Westlichen Medien für die kommt das noch nicht mal in Frage diese möglichkeit.... obwohl es die einzige logische schlussfolgerrung ist. Auch die Türkische Reaktion darauf, lässt keinen anderen schluss zu. Die Türkei ist der Kriegstreiber, wer das nicht langsam erkennt dem ist nicht mehr zuhelfen.
2. Türkischer Bestseller
michael2273 22.10.2012
dabei hatten türkische Leser bis vor kurzem von einem Bündnis mit Russland gegen den bösen Westen geträumt: “Die Eroberung von Berlin” abgeblasen? « Aron Sperber (http://aron2201sperber.wordpress.com/2012/10/16/die-eroberung-von-berlin/) so schnell kann alles ganz anders sein
3. Der Artikel suggeriert
zompel 22.10.2012
Zitat von sysopAkçakale ist ein unscheinbares türkisches Dorf, von Syrien getrennt nur durch einen Stacheldrahtzaun. Als dort Anfang Oktober mehrere Zivilisten durch eine syrische Granate starben, begann die Krise zwischen Ankara und Damaskus. In dem Örtchen selbst herrscht gespenstische Ruhe. Besuch in Akcakale an der türkischen Grenze zu Syrien - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/besuch-in-akcakale-an-der-tuerkischen-grenze-zu-syrien-a-861778.html)
das es die Syrische Armee war. Ist das jetzt erwiesen, oder nur eine Behauptung seites der Medien? Wie sieht es da aus ? Lager dient angeblich als Befehlszentrum der Assad-Gegner: Ankara erlaubt Rebellen-Camp auf türkischem Boden - Politik - Tagesspiegel (http://www.tagesspiegel.de/politik/lager-dient-angeblich-als-befehlszentrum-der-assad-gegner-ankara-erlaubt-rebellen-camp-auf-tuerkischem-boden/7093162.html)
4. optional
derknecht 22.10.2012
Der Artikel ist sehr interessant. Hier wird doch beschrieben dass nicht das syrische Volk gegen Assad kämpft sondern ausländische Soldaten, welche ungehindert über die Grenze marschieren dürfen. Aber wo ist der Hinweis auf einen Artikel in der türkischen Presse wo gezeigt wurde, dass diese Granaten aus NATO-Beständen kommen!?! Ach das darf der Spiegel bzgl. der Propagandarichtlinie nicht schreiben, da die Leser wohl am Sinn der restlichen Artikel zweifeln könnten.
5. aha
roland.vanhelven 22.10.2012
Zitat von sysopAkçakale ist ein unscheinbares türkisches Dorf, von Syrien getrennt nur durch einen Stacheldrahtzaun. Als dort Anfang Oktober mehrere Zivilisten durch eine syrische Granate starben, begann die Krise zwischen Ankara und Damaskus. In dem Örtchen selbst herrscht gespenstische Ruhe. Besuch in Akcakale an der türkischen Grenze zu Syrien - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/besuch-in-akcakale-an-der-tuerkischen-grenze-zu-syrien-a-861778.html)
vielleicht sollte heir mal erwaehnt werden, dass die USA und NATO die granaten neben etlichen anderen waffen inkl. ausbildung nach Syrien geliefert hat. immer das gleiche schema. davon erscheint in der westlichen presse komischerweise nichts...
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Bevölkerung: 22,505 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Wail al-Halki

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