Aus Akçakale berichtet Raniah Salloum
Vor knapp zwei Wochen haben syrische Geschosse die Nachbarn von Jusef getötet. Der schmächtige türkische Polizist mit braungebranntem Gesicht und gegelten Haaren lebt in dem türkischen Dorf Akçakale in der Häuserreihe direkt vor der syrischen Grenze. Sein Haus trennen nur hundert Meter und ein hoher Maschendrahtzaun von Syrien.
Als am 3. Oktober das Geschoss ins Haus gegenüber einschlug, traf es eine Mutter mit ihren drei Töchtern tödlich. Ein Sohn wurde schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert, er verlor ein Bein. Sonderlich geschockt hat Jusef der Vorfall nicht. "Wir sehen im Fernsehen, dass Assad täglich die Menschen bombardieren lässt. Und wenn Tal Abiad beschossen wird, landet immer mal wieder was bei uns", sagt der 33-Jährige über das Grenzdorf auf der syrischen Seite.
International erregte der Tod der türkischen Zivilisten hohe Aufmerksamkeit. Der türkische Premierminister Recep Tayyip Erdogan ordnete mehrere Vergeltungsschläge an. Zwischen Ankara und Damaskus herrscht inzwischen eine neue Eiszeit.
Für Akçakale heißt das, dass am südöstlichen Ortsrand nun ein paar Schützengräben gezogen wurden. Ein Panzer steht darin. Ein weiteres gepanzertes Fahrzeug steht versteckt zwischen ein paar Bäumen nahe der Grenze. Wenn wieder syrische Geschosse in Akçakale landen, sollen die türkischen Militärs zurückschießen. Zuletzt sei es hier jedoch ruhig gewesen, sagt Jusef.
"Wir sind froh, dass die türkische Armee da ist", sagt Jusef. Stolz sei er auf Premierminister Erdogan, der Assad in seine Schranken gewiesen habe. Nichts wünscht sich Jusef so sehr wie das Ende Assads. Zwar ist er gegen einen Krieg zwischen der Türkei und Syrien. "Das ist ein Kampf zwischen Assad und seinem Volk." Doch er unterstützt die syrischen Rebellen. Wie Trophäen zeigt er Fotos auf seinem Handy, die ihn mit Rebellenkämpfern ohne Waffen im Flüchtlingslager von Akçakale zeigen. Der Polizist drückt auch schon einmal ein Auge zu, wenn Aufständische zwischen der Türkei und Syrien hin- und herpendeln.
Ein Mann in Lederjacke verschwindet über die Grenze
So auch jetzt: Ein Motorrad fährt an Jusef vorbei, die Lehmstraße hinunter in Richtung der syrischen Grenze. Ein kräftiger Mann in schwarzer Lederjacke steigt vom Soziussitz ab und geht auf den Maschendrahtzaun zu. Der Fahrer fährt davon. "Syrer oder Türke?", ruft Jusef dem Mann auf Arabisch nach. "Türke!", antwortet dieser, ohne sich umzudrehen, und fängt an zu rennen. Er verschwindet auf der syrischen Seite, wo die Rebellenflagge weht. "Das war einer von der Freien Syrischen Armee", sagt Jusef.
Eigentlich haben die Türken die Grenze in Akçakale geschlossen. Doch immer wieder lassen sie einzelne Syrer durch. Sie kommen in die Türkei, um Säcke mit Lebensmitteln zu kaufen und zurück nach Syrien zu schleppen. Andersherum kehren manche Flüchtlingsfamilien aus dem türkischen Lager von Akçakale zurück, um nach Rakka zu fliehen, einer nahegelegenen syrischen Stadt, in der sich wenige dem Aufstand gegen Assad angeschlossen haben und die daher noch relativ friedlich ist.
Meistens ist die Grenze menschenleer, worunter auch die Wirtschaft von Akçakale leidet. Einige hätten das Dorf verlassen, erzählt Jusef. Ob aus Angst oder weil der Grenzhandel zusammengebrochen ist, das weiß er nicht.
Seine Sympathie für die Rebellen erklärt Jusef so: "Ich bin Muslim, sie sind Muslime." Vor allem sieht er sich aber als ethnischen Araber. Zwischen den türkischen Arabern von Akçakale und den syrischen von Tal Abiad bestehen Familienbande. Jusefs Onkel war mit einer Syrerin aus Tal Abiad verheiratet. Der Onkel kämpfte mit den syrischen Rebellen und starb in Syrien. In der vordersten Häuserreihe von Akçakale direkt an der Grenze haben fast alle Familie auf der anderen Seite - und in diesen Tagen syrische Verwandte bei sich zur Unterkunft.
Angst, sagen diejenigen, die in der Häuserreihe an der Grenze geblieben sind, hätten sie nicht. "Es gibt jetzt eine Art Pufferzone", sagt Jusef. "Die syrischen Kampfjets machen fünf Kilometer vor der Grenze kehrt." Dass der Frieden in Akçakale ewig währt, glaubt er aber nicht. "Wahrscheinlich ist es nur ruhig bei uns, weil es auch auf syrischer Seite keine Gefechte gibt." Er lacht. "Die Freie Syrische Armee und das Regime ruhen sich nur aus für die nächste Runde."
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