Besuch in Moskaus Gagarin-Viertel: Putins Nachbarn mögen Putin nicht

Von , Moskau

Russland wählt einen neuen Präsidenten - aber ausgerechnet in seinem eigenen Wahlkreis hat Wladimir Putin einen schweren Stand. Moskaus Gagarin-Viertel ist eine Hochburg seiner Gegner. Ein Besuch.

Wahl in Russland: Feindesland für Putin mitten in Moskau Fotos
REUTERS

Im Laufe des Sonntags wird Wladimir Putins Nachbar die Straße vor seinem Haus nicht aus den Augen lassen. Jurij Ryschow, ein 81-jähriger Moskauer mit schlohweißem Haar, wird dann regelmäßig an das Fenster seiner Wohnung im 11. Stock eines Hochhauses an Moskaus Leninskij-Prospekt treten. Er will nachschauen, ob die Luft unten am Wahllokal schon rein ist. "Wenn das Großaufgebot der Bullen endlich weg ist, gehe ich in Ruhe runter und gebe meine Stimme ab", sagt Ryschow.

Ryschow ist ein Geschöpf der Perestroika, dem von Michail Gorbatschow vor mehr als 20 Jahren initiierten demokratischen Umbruch in der Sowjetunion. 1989 wurde der Physiker Abgeordneter, 1991 verteidigte er das Parlament gegen Putschisten aus den Reihen des Geheimdienstes. "Ich hasse diese Menschen", sagt er. "Sie mögen intelligent sein, aber sie bleiben unmoralische Schurken". Deshalb stimmt der alte Ryschow auch gegen Putin.

Putin, der einstige Oberst des KGB, besitzt eine Wohnung in einem Hochhaus gleich neben Ryschow. Putin nutzt sie selten, ist aber dort registriert. Wenn Russland wählt braust er deshalb stets mit großem Gefolge über den Leninskij Prospekt und gibt seine Stimme im Wahllokal Nr. 2079 ab, dem Gebäude von Russlands Akademie der Wissenschaften. Das Problem ist, dass ihn seine Nachbarn hier nicht besonders mögen.

Wachsendes Unwohlsein der Eliten

Wenn Putin und mit ihm das Polizeiaufgebot abgezogen ist, wird der alte Jurij Ryschow zur Akademie der Wissenschaften marschieren und seinen Stimmzettel ungültig machen. "Jede ungültige Stimme ist eine gegen Putin", sagt er.

So wollen es viele halten in der Gegend um den Gagarin-Platz, südlich des Moskauer Stadtzentrums. Ausgerechnet Putins eigener Wahlbezirk gehört landesweit zum schwierigsten Gelände, auf dem sich Russlands starker Mann bewegen muss. Die Kommunisten und liberale Protestbewegungen sind hier stark. Bei den Parlamentswahlen im Dezember landete Putins Partei "Einiges Russland" im Gagarin-Viertel nur auf Rang zwei hinter den Kommunisten. In 14 von 23 Wahllokalen lag die Kreml-Partei sogar noch hinter den Demokraten von "Jabloko".

Landesweit darf Putin bei der Präsidentschaftswahl auf einen Sieg im ersten Wahlgang hoffen. In Moskaus Gagarin-Viertel aber lässt sich beispielhaft das wachsende Unwohlsein betrachten, mit dem Russlands städtische Eliten auf ihn schauen.

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Russland-Wahl: Aus Premier Putin wird Präsident Putin
Das Viertel hat Prestige. In den fünfziger und sechziger Jahren wurde es nahe des Hauptgebäudes der Moskauer Staatsuniversität hochgezogen. Noch immer leben hier heute viele betagte Akademiker - oft wählen sie die Kommunisten - und mit ihnen ihre Kinder und Enkel. Es gibt 13 Schulen und 20 Kindergärten hier. 2011 wurde das Gagarin-Viertel zum "komfortabelsten Distrikt" der Hauptstadt gewählt. Die zentrumsnahe Lage macht das Gebiet für Beamte und Unternehmer attraktiv. Sie parken ihre BMW- und Audi-Limousinen in den Innenhöfen. Putins Partei aber hat bei den Gewinnern des neuen Russlands trotzdem einen schweren Stand. Von den 50.000 Wahlberechtigten mochten im Dezember gerade einmal 6300 für "Einiges Russland" stimmen.

"Demos doch nur Spielerei"

Bei den Präsidentschaftswahlen wird das anders sein, hofft Georgij Schurawljow. Der 49-Jährige mit Schnauzer ist einer der wenigen Unterstützer des Kreml-Kurses im Gagarin-Viertels. "Mir gefällt, dass Putin sich an Europa orientiert", sagt Schurawljow. "Deutschland sollte sich freuen: Mit ihm wird Russland nochmals sechs Jahre von einem Freund der Deutschen regiert."

Auch Schurawljow war mal Wissenschaftler. Er hat als Biologe gearbeitet und forschte an der Universität an genetisch veränderten Pflanzen. Doch Russlands Staat konnte in den neunziger Jahren Beamten und Wissenschaftlern nur wenig zahlen. Oft blieb das Gehalt ganz aus. 1998 - das Riesenreich taumelte gerade wieder einmal in eine Wirtschaftskrise - hängte Schurawljow den Forscherjob an den Nagel. Heute leitet er einen staatlichen Kommunalbetrieb. "Diese Demos gegen Putin sind doch nur Spielerei", sagt Schurawljow. "Die Anführer der sogenannten Opposition würden nicht mehr als ein Prozent der Stimmen bekommen, ihre Aktionen werden vom Ausland bezahlt."

Die Staatsmacht selbst aber scheint sich der Loyalität der Massen nicht ganz sicher zu sein. Nach der Blamage bei den Parlamentswahlen im Gagarin-Viertel wurden acht lokale Wahlkommissionen aufgelöst. Das Magazin "New Times" schrieb danach von "Säuberungen".

Alexander Kobrinskij sitzt in einem Restaurant am Leninskij-Prospekt. Gegenüber liegt die Akademie der Wissenschaften. "Wir haben im Moment zwei große Parteien im Land: für Putin und gegen Putin", sagt er und lächelt. "Ich aber bin für die dritte." Kobrinskij, ein untersetzter Mann mit struppigem Haar und Goldkettchen, hat lange Jahre für den Rechtspopulisten Wladimir Schirinowski als Berater gearbeitet. Inzwischen hat der 42-Jährige einen Professoren-Titel in "Staatsverwaltung", und einen weißen Land Rover.

Putin habe es versäumt, ein System zu schaffen, das von der Mehrheit der Bürger akzeptiert wird. "In Deutschland unterstützt die Mittelschicht den Staat. Das verleiht ihm eine gewisse Flexibilität", sagt Kobrinskij. Staatsmacht und Gesellschaft aber lebten in Russland in unterschiedlichen Welten. Die Bürger kämen mit ihr nur in Kontakt, wenn sie von Polizei oder dem russischen TÜV gegängelt würden.

"Die Menschen haben gar nicht so sehr etwas gegen Putin", glaubt er. Sie protestierten viel mehr gegen die Beamten, die sie schikanieren. Putin aber sei der fatalen Illusion erlegen, einen starken Staat erschaffen zu haben. In Wahrheit aber sei seine "Vertikale der Macht" nur so hart und fest wie eine Eissäule, meint Kobrinskij. "Sie zerspringt schon beim ersten Schlag."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Ein besoffener Putin
spon69 04.03.2012
ist dem Westen natürlich 1000 mal lieber. Würde er wie Jelzin oder Sarkozi besoffen rumlaufen und den westlichen Banken und Konzernen das Eigentum seines Volkes in den Rachen werfen, dann würden die Schreibtischtäter vom Spon ihn zum Himmel jubeln. Gel
2.
arthur_dannenberg 04.03.2012
Zitat von sysopRussland wählt einen neuen Präsidenten - aber ausgerechnet in seinem eigenen Wahlkreis hat Wladimir Putin einen schweren Stand. Moskaus Gagarin-Viertel ist eine Hochburg seiner Gegner. Ein Besuch. Besuch in Moskaus Gagarin-Viertel: Putins Nachbarn mögen Putin nicht - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,819169,00.html)
"Perestroika, dem von Michail Gorbatschow KGB vor mehr als 20 Jahren initiierten demokratischen Umbruch in der Sowjetunion"? Also hat Putin's KGB Anfang der 90-er doch für Demokratie gekämpft?
3.
micromiller 04.03.2012
Zitat von sysopRussland wählt einen neuen Präsidenten - aber ausgerechnet in seinem eigenen Wahlkreis hat Wladimir Putin einen schweren Stand. Moskaus Gagarin-Viertel ist eine Hochburg seiner Gegner. Ein Besuch. Besuch in Moskaus Gagarin-Viertel: Putins Nachbarn mögen Putin nicht - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,819169,00.html)
schade, dass die hetze gegen alles was putin ist .. so einseitig instrumentalisert wird. ohne putin waere russland heute in der hand der banken und konzerne, die dabei sind unsere waehrung und wirtschaft zu vernichten. russland erlebt .. fuer seine buerger die beste zeit, die es in seiner geschichte hatte .. mit sicherheit ist noch viel zu tun um korruption und ungerechtigkeiten zu beseitigen. aber vergessen wir nicht aus welchem tiefen loch russland auferstanden ist .. russland kann guecklich sein .. einen putin zu haben
4. Was will der Artikel dem Leser...
iskin 04.03.2012
Zitat von sysopRussland wählt einen neuen Präsidenten - aber ausgerechnet in seinem eigenen Wahlkreis hat Wladimir Putin einen schweren Stand. Moskaus Gagarin-Viertel ist eine Hochburg seiner Gegner. Ein Besuch. Besuch in Moskaus Gagarin-Viertel: Putins Nachbarn mögen Putin nicht - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,819169,00.html)
eigentlich vermitteln? Dass Putin ein Ekel ist? Lieber Spiegel, wie tief wollt Ihr eigentlich noch sinken? Das ist ja langsam ein Niveau wie in der Regenbogenpresse. Ein wahrer Satz steht allerdings im Text: Das Land ist gespalten: in die die für und die die gegen Putin sind. Das mag sein. Wobei Putin so viel Prozent Zustimmung erhält, dass davon unsere Volksparteien nur träumen können.
5. ja das scheint zu stimmen
micromiller 04.03.2012
Zitat von sysopSeit wann geht es beim Spon um die Wahrheit? Es geht immer um die Werbung drum herum. Die Artikel sind nur Lockmittel für leichtgläubige Leser und Pseudointellektuelle.
da bin ich noch gar nicht drauf gekommen .. klar . wir laufen heiss . .und schauen uns den schwachfunk an den seiten an.. im moment moneyou ...
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Fläche: 17.098.200 km²

Hauptstadt: Moskau

Staatsoberhaupt:
Wladimir Putin

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