Von Sebastian Fischer, Washington
Mit keinem anderen ausländischen Regierungschef hat Barack Obama in den vergangenen Jahren so viel Zeit verbracht wie mit Israels Premier Benjamin Netanjahu. Ebenfalls seit 2009 im Amt, war der Israeli schon mehrfach in Washington zu Gast; immer wieder haben sie miteinander telefoniert, stundenlang.
Man könnte meinen, die beiden verstehen sich. Tun sie aber nicht.
Wenn Obama ab Mittwoch Israel zum ersten Mal als Präsident besucht, dann geht es vor allem um Aufbauarbeit. Beide Seiten haben sich in der Vergangenheit nichts geschenkt. Jetzt will Obama ein positives Zeichen setzen: Es ist seine erste Auslandsreise in der zweiten Amtszeit. Netanjahu seinerseits hat gerade erst seine Minister berufen. "Eine neue israelische Regierung, eine zweite Amtszeit für uns - das ist eine große Chance für den Präsidenten, sich über eine Vielzahl von Themen mit den Israelis auszutauschen", fasst es Obamas Vizesicherheitsberater Ben Rhodes in diplomatische Worte.
Tatsächlich gibt es viel zu besprechen. Uneins sind sich Obama und Netanjahu insbesondere mit Blick auf Irans Atomprogramm. Der Premier verlangt die Formulierung roter Linien, will Teheran militärisch gestoppt sehen, falls das Mullah-Regime die Fähigkeit zum Bau einer Atombombe erreicht haben sollte.
Obama hingegen droht mit einem Militärschlag erst für den Fall, in dem Iran tatsächlich eine nukleare Waffe zusammensetzt. Ein feiner, aber entscheidender Unterschied. "Gegenwärtig gehen wir davon aus, dass Iran noch über ein Jahr oder so benötigen würde, um eine Atomwaffe zu entwickeln", sagte der US-Präsident dem israelischen TV-Sender Channel 2. Netanjahu hingegen meint, bereits in diesem Frühjahr oder Sommer könnte Teheran genügend hochangereichertes Uran produziert haben, um die Bombe zu bauen.
Netanjahu hatte während des US-Wahlkampfs recht offen auf Obamas republikanischen Kandidaten Mitt Romney gesetzt - nicht nur das belastet jetzt die Beziehungen zu Obama. Der US-Präsident hatte zu Beginn seiner ersten Amtszeit versucht, den israelisch-palästinensischen Friedenprozess zu beleben. Er formulierte öffentlich weitgehende Forderungen, etwa einen kompletten Stopp des Siedlungsbaus im Westjordanland sowie in Ost-Jerusalem und sprach sich für die Grenzen von 1967 als Verhandlungsgrundlage aus.
"Wer nichts tut, erlebt weniger Rückschläge"
Zugleich wandte sich Obama rhetorisch der muslimischen Welt zu, wollte sie mit dem Westen versöhnen, um dann in weniger spannungsgeladener Atmosphäre einen Frieden in Nahost verhandeln zu können. Es hat nicht funktioniert. Im Mai 2011 gab Obamas Sondergesandter George Mitchell auf, der einst den Frieden in Nordirland vermittelt hatte. Seitdem ist nichts mehr geschehen.
"Vergleicht man den Stand der Verhandlungen heute mit dem bei Obamas Amtsantritt, lässt sich kein Fortschritt erkennen", sagte der amerikanische Nahost-Experte Vali Nasr zum SPIEGEL. Warum Obama nichts mehr unternommen habe? "Wer nichts tut, erlebt weniger Rückschläge." Ohnehin merklich abgekühlt ist das Interesse der Amerikaner am Engagement ihrer Nation in Nahost: Einer ABC-Umfrage zufolge finden 69 Prozent der US-Bürger, Israelis und Palästinenser sollten die Sache unter sich regeln; nur noch 26 Prozent meinen, die USA sollten eine führende Rolle in den Verhandlungen übernehmen.
Tatsächlich reist der US-Präsident ohne ausgetüftelte Vorschläge nach Israel. "Bei diesem Besuch geht es nicht darum, eine neue Initiative zu starten", erklärt Sicherheitsberater Rhodes. Man werde über Iran sprechen, über die Situation in Syrien, sagt er. Erst als dritten Punkt nennt Rhodes etwas hölzern den Friedensprozess: "Bemühungen, den israelisch-palästinensischen Frieden zu fördern." Team Obama hängt die Latte niedrig, bei diesem Besuch geht es um die Verbesserung der Atmosphäre, es geht um Symbole. Von "Rehabilitations-Diplomatie", schreibt die "Washington Post".
Entsprechend gestaltet sich Obamas Programm. Direkt nach seiner Landung auf dem Ben-Gurion-Flughafen von Tel Aviv wird er das mit US-Hilfe gebaute, mobile Raketenabwehrsystem ("Iron Dome") inspizieren, das Israels Bevölkerung vor Angriffen aus dem von der Terrororganisation Hamas beherrschten Gaza-Streifen schützt. Das Signal: Egal, ob Bedrohungen aus Iran oder der direkten Nachbarschaft - der US-Präsident fühlt sich dem Schutz Israels verpflichtet. Ohnehin gilt, dass trotz aller politischen Spannung die praktische Kooperation in Sicherheitsfragen kaum je so eng war wie heute.
Nach Gesprächen mit Premier Netanjahu und Israels Staatschef Schimon Peres wird Obama - US-Außenminister John Kerry stets im Schlepptau - am Donnerstag nach Ramallah ins Westjordanland fahren, um sich unter anderem mit Mahmud Abbas, dem Präsidenten der palästinensischen Autonomiebehörde zu treffen. Am Abend spricht Obama im International Convention Center von Jerusalem, um dort insbesondere junge Leute zu erreichen. Ein Auftritt vorm Parlament, der Knesset, wurde dafür verworfen.
Am Freitag wird Obama erst das Grab von Theodor Herzl, dem Begründer des Zionismus, sowie die Gedenkstätte Yad Vashem besuchen, bevor er wieder ins Westjordanland wechselt, um die Geburtskirche in Bethlehem zu sehen. Ein Abstecher nach Jordanien zu König Abdullah II. schließlich beendet Obamas Nahost-Reise.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Israel | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH