Betlehem High Noon vor der Geburtskirche

Trotz internationaler Appelle zum Rückzug hat die israelische Armee ihre Offensive in den Palästinensergebieten ausgeweitet. Mit Panzern rückte sie in zwei weitere Städte des Westjordanlandes ein. In Betlehem belagern Truppen eine Kirche, in die sich verletzte Palästinenser geflüchtet haben sollen.


Israel zeigt sich unbeeindruckt von der wachsenden internationalen Kritik: Panzer in Betlehem
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Israel zeigt sich unbeeindruckt von der wachsenden internationalen Kritik: Panzer in Betlehem

Jerusalem/Betlehem/Ramallah - Sechs Tage nach Beginn der Großoffensive hat das israelische Militär fast alle Städte der Autonomiebehörde unter seine Kontrolle gebracht. Am Mittwoch besetzten Truppen auch die Stadt Dschenin.

Bei heftigen Kämpfen in der Stadt und in dem ebenfalls besetzten Ort Salfit wurden in den Stunden danach mindestens acht Palästinenser getötet; unter ihnen eine 30-jährige Ärztin, die ins Kreuzfeuer geraten war. An den Kämpfen beteiligten sich nach übereinstimmenden Angaben Hunderte von bewaffneten Palästinensern. Israel setzte Panzer und Kampfhubschrauber ein. Ein israelischer Soldat sei schwer verletzt worden, teilte die Armee mit.

Schutz für Verletzte

In Betlehem, wo am Dienstag schwere Gefechte in der Altstadt tobten, ging der Nervenkrieg um die Aufgabe von mehr als hundert Palästinensern weiter, die sich am Dienstagabend in die Geburtskirche geflüchtet hatten. Die israelische Armee zog am Abend ihre Behauptung zurück, die Männer hätten Geistliche und Nonnen als Geiseln genommen. Zwei bewaffnete Männer wurden von Soldaten erschossen. Augenzeugen berichteten außerdem von vier toten Palästinensern, die auf dem Gelände neben der Kirche lagen, unter der nach der Überlieferung die Geburtsgrotte Jesu liegt.

Der Lateinische Patriarch von Jerusalem, Michel Sabbah, sagte, die Männer hätten vor Betreten der Kirche ihre Waffen niedergelegt, mehrere seien verwundet gewesen und würden von Ordensschwestern versorgt. Deshalb "habe ich es für richtig gehalten, ihnen Schutz zu gewähren", erklärte Sabbah.

Mit Schlagstöcken gegen Demonstranten

Ein israelischer Armeesprecher bekräftigte dagegen, die Palästinenser nutzten den Schutz der Kirche, um von dem Gebäude auf Soldaten zu schießen. Die Armee habe jedoch strikte Anweisungen, die Kirchen Betlehems nicht anzugreifen. Das Außenministerium und der Vatikan stünden in intensiven Verhandlungen über die Aufgabe der Männer, berichtete der israelische Rundfunk.

In der Santa-Maria-Kirche Betlehems fanden Soldaten am Mittwoch die Leiche eines gefesselten Palästinensers, der offenbar von Landsleuten erschossen wurde. Eine Gruppe von mehreren hundert israelischen und palästinensischen Demonstranten versuchte am Mittwoch, mit einem Hilfstransport von Jerusalem nach Ramallah zu kommen. An einer israelischen Straßensperre wurden sie jedoch aufgehalten. Es kam zu Zusammenstößen, in deren Verlauf Soldaten Tränengas auf die Demonstranten feuerten und mit Schlagstöcken auf sie einschlugen. Dabei wurde ein israelisch-arabischer Abgeordneter leicht verletzt.

Klinik vor dem Sturm?

Israelische Soldaten verschafften sich am Morgen Zugang zum Auguste-Victoria-Krankenhaus in Ost-Jerusalem und verlangten von den Ärzten, drei palästinensische Patienten auszuliefern, bei denen es sich um "gesuchte Terroristen" handele. Als Ärzte dies verweigerten, drohten die Soldaten, Verstärkung anzufordern und die Klinik zu stürmen.

Zahlreiche israelische Panzer verstärkten nach palästinensischen Angaben den Belagerungsring um die Stadt Nablus. Die Bewohner befürchten, dass auch diese Stadt in den nächsten Tagen besetzt wird. Neben Nablus stehen die israelischen Truppen nur noch in Hebron und Jericho außerhalb der Stadtgrenzen.

Aus der palästinensischen Verwaltungsstadt Ramallah wurden keine neuen Zwischenfälle gemeldet. Hier hielt die Armee den dichten Belagerungsring um das Amtsgebäude von Palästinenserpräsident Jassir Arafat auch sechs Tage nach Beginn der Operation "Schutzwall" geschlossen. Einwohner berichteten, dass sich die Versorgungslage weiter verschlechtert habe. Am Mittwoch wurde ein Uno-Konvoi, der Medikamente und Lebensmittel zu einem Krankenhaus bringen sollte, von Soldaten beschossen, berichtete das Fernsehen.

Deutsche mittendrin

Die im Hauptquartier Arafats festsitzenden Friedensaktivisten aus Deutschland können das Gebäude jederzeit "sicher und unversehrt" verlassen, falls sie dies wünschen. Das teilte das Außenministerium am Mittwoch in Berlin mit. Zwischen den Eingeschlossenen und der deutschen Botschaft in Israel gebe es Telefonkontakt. Zudem werde mit israelischen Stellen über den freien Abzug der Münchnerin Sophia Deeg, 50, und ihrer in Berlin lebenden Tochter Julia, 21, verhandelt.

Mit ihrer Aktion solle auf die menschliche Katastrophe aufmerksam gemacht werden, hatte die Mutter in einem Interview erklärt. Es gehe ihr nicht um die Unterstützung Arafats. Deeg war am Sonntag gemeinsam mit ihrer Tochter und mehr als drei dutzend anderen Demonstranten in das Hauptquartier in Ramallah eingezogen. Das Auswärtige Amt hat die Beteiligung der zwei deutschen Staatsbürger bestätigt.

Israel hat im Verlaufe des Aufstandes mehrfach Gebiete im Westjordanland und Gaza-Streifen wieder unter Kontrolle genommen, die nach dem Autonomie-Abkommen von 1994 volle Selbstverwaltung haben. Dazu gehört die Polizeigewalt. Israel wirft Arafat, seiner Regierung und der Polizei vor, sie wollten oder könnten den Selbstmordanschlägen keinen Einhalt gebieten.



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