Betrug mit Holocaust-Geldern "Ein schamloser Plan"

Das Geld war für Opfer des Hitler-Regimes bestimmt - und landete in den Händen von Betrügern. Mehr als 40 Millionen Dollar sollen Mitarbeiter eines von Deutschland finanzierten Entschädigungsfonds für Holocaust-Überlebende erschwindelt haben. Der Zentralrat der Juden fordert schnelle Aufklärung.

Eingang zum früheren KZ Auschwitz: Millionenbetrug mit Entschädigungsgeldern aufgedeckt
REUTERS

Eingang zum früheren KZ Auschwitz: Millionenbetrug mit Entschädigungsgeldern aufgedeckt

Von


Berlin - Die Betrüger kamen aus den eigenen Reihen: Sechs Mitarbeiter von zwei großen Entschädigungsfonds für Holocaust-Überlebende haben mit gefälschten Anträgen dafür gesorgt, dass 42 Millionen Dollar an vermeintliche Opfer gezahlt wurden, denen das Geld überhaupt nicht zustand. Über 5500 Anträge wurden nach Angaben der New Yorker Staatsanwaltschaft gefälscht, einen Teil des ergaunerten Geldes sollen die korrupten Mitarbeiter unter sich aufgeteilt haben.

Finanziert werden die Entschädigungsfonds von der deutschen Bundesregierung, betreut werden sie von der Jewish Claims Conference. Auch ein früherer Direktor der 1951 gegründeten Organisation in New York zählt zu den insgesamt 17 Angeklagten.

"Das hinterlässt einen ganz bitteren Beigeschmack", sagt Stephan Kramer, Generalsekretär des Zentralrates der Juden in Deutschland und früher selbst Mitarbeiter der Claims Conference. Es müsse nun dringend untersucht werden, so Kramer, "warum es keine internen Kontrollmechanismen gab, die den Betrug früher aufgedeckt haben".

Jahrelang trieben die Mitarbeiter ihr falsches Spiel mit den Entschädigungszahlungen, die ersten Fälle sollen zurückreichen bis ins Jahr 1994. Doch erst im Dezember des vergangenen Jahres wurden andere Mitarbeiter der Claims Conference stutzig: Ihnen waren zwei Anträge von verschiedenen Personen mit bemerkenswert ähnlichen Begründungen aufgefallen. "Das muss man jetzt sehr selbstkritisch aufklären", fordert Kramer. Er vertraue darauf, dass die Claims Conference schonungslos vorgehen werde.

Zwei Geldtöpfe sind nach Angaben der Ermittler von dem Betrug betroffen:

  • Zum einen der sogenannte Artikel-2-Fonds, mit dem Holocaust-Überlebende eine monatliche Unterstützung von 411 Dollar erhalten können - sofern sie mindestens sechs Monate in einem Arbeits- oder Konzentrationslager der Nazis gefangengehalten wurden und heute nicht mehr als 16.000 Dollar im Jahr zur Verfügung haben.
  • Zum anderen der sogenannte Hardship Fonds, der eine einmalige Zahlung von rund 3600 Dollar an Betroffene vorsieht, die schwere gesundheitliche Schäden erlitten haben, beziehungsweise vor dem NS-Regime fliehen mussten oder in Gefangenschaft gerieten. Über die Entschädigung verhandelt die Claims Conference jährlich mit der Bundesregierung.

"Ein schamloser Plan"

Die Bunderegierung prüfe eine Schadensersatzforderung, teilte ein Sprecher des Finanzministeriums mit. Über die laufenden Ermittlungen in den USA sei man "fortwährend unterrichtet" worden. Auch die deutsche Botschaft in Washington sei eingeweiht gewesen.

Einem Bericht der "Los Angels Times" zufolge sind die meisten der unberechtigten Empfänger jüdische Einwanderer aus Osteuropa, die nun im New Yorker Stadtteil Brooklyn leben. Sie seien teilweise unwissentlich und über Anzeigen in russischsprachigen Zeitungen in den Betrug verwickelt worden. Die korrupten Mitarbeiter der Claims Conference hätten manche überzeugt, Ansprüche auf die Zahlungen zu haben; Papiere seien manipuliert und Anträge bewilligt worden, die nicht zulässig waren. Laut den Ermittlern wurden die angeblichen Holocaust-Überlebenden teilweise erst nach 1945 geboren, einer sei nicht einmal Jude gewesen.

"Wir versuchen noch, alles aufzuklären", sagte Greg Schneider, Vizepräsident der Claims Conference. Die Organisation kontaktiere alle Betroffenen und bitte sie, das Geld zurückzuzahlen. "Manche wehren sich, manche zahlen das Geld zurück, manche versuchen es mit Raten", so Schneider.

Die Dimension des Betrugs dürfte die Aufklärung jedoch zu einer Mammutaufgabe machen. Mit den Ermittlungen hatte das FBI im vergangenen Jahr nach den Hinweisen der Claims Conference begonnen. "Fonds, die von der deutschen Regierung geschaffen und finanziert wurden, um Holocaust-Opfern zu helfen, wurden von Habgierigen geplündert - und nicht wie geplant an die Bedürftigen ausgezahlt", sagte die New Yorker FBI-Direktorin Janice Fedarcyk. Sie sprach von einem "schamlosen Plan, Opfer zu erfinden, um an Geld zu kommen, das für die echten Holocaust-Überlebenden vorgesehen war".

Die Staatsanwaltschaft zeigte sich ähnlich betroffen: "Wenn es eine Organisation gab, von der man erwarten konnte, dass sie vor Habgier und Betrug sicher sei, ist das die Claims Conference, die jeden Tag Tausenden Opfern hilft", sagte ein Sprecher.

Vier Angeklagte haben sich inzwischen schuldig bekannt. Wegen des Millionen-Betruges drohen ihnen bis zu 20 Jahre Haft.

Mit Material von AP

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.