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Bewaffneter Aufstand: Tunesier nehmen Deutsche fest

Aufregung um Deutsche und andere Europäer bei den Ausschreitungen in Tunis: Die Polizei hat mehrere Personen festgenommen, die bewaffnet gewesen sein sollen - darunter Bundesbürger. Taxifahrer sagten, die Leute hätten zur Jagd gehen wollen.

Tunesien: Freiheitsliebe, Chaos und Gewalt Fotos
REUTERS

Tunis - In der tunesischen Hauptstadt Tunis sind laut Polizei am Sonntag mehrere bewaffnete Ausländer festgenommen worden. Berichten zufolge hatten einige davon deutsche Pässe bei sich. Die Verdächtigen seien gemeinsam mit weiteren Europäern in drei Taxis unterwegs gewesen, sagte ein Polizeivertreter dem tunesischen Staatsfernsehen - wobei sich die Angaben über die Zahl und Nationalität der Festgenommenen widersprachen.

Ein Journalist des staatlichen tunesischen Fernsehsenders berichtete konkret von einem deutschen Paar mit Jagdwaffen. Auch die Fahrer der drei Taxis gaben laut der Nachrichtenagentur AFP an, ihre Kunden hätten ihnen gesagt, sie wollten zur Jagd gehen. Das schwedische Fernsehen berichtete von insgesamt 13 Schweden, die in ihrem Urlaub wilden Ebern nachgestellt haben sollen. Als sie vor ihrem Hotel mit den Waffen aus dem Taxi gestiegen seien, seien sie von Passanten angegriffen worden. Dann habe die Polizei sie verhaftet, auf der Polizeistation sei der Irrtum aufgeklärt worden.

Am Nachmittag hatten Soldaten in Tunis zahlreiche Taxis angehalten und auf Waffen durchsucht. Gegen 15 Uhr kam es zu heftigen Schießereien im Stadtzentrum. Mehrere Hubschrauber waren im Einsatz.

Von deutschen Behörden waren zunächst keine Details zu dem Vorfall zu erfahren. "Wir gehen Hinweisen nach und bemühen uns um Auflärung", teilt das Auswärtige Amt mit. Bisher haben die Diplomaten von den Behörden in Tunis noch keine Informationen bekommen, auch bei der Polizei und im Innenministerium herrsche Chaos, hieß es im Auswärtigen Amt. Auch die Deutsche Botschaft in Tunis konnte die Nachricht von der Festnahme der Deutschen am Sonntagabend nicht bestätigen.

Thomas Schiller, Leiter der Regionalgruppe Maghreb der Konrad-Adenauer-Stiftung, berichtete, wie die ersten Gerüchte über die Festnahme europäischer Schützen am Sonntag die Stimmung in der Innenstadt Tunis drehten. Noch am Sonntagvormittag habe es so ausgesehen, als ob langsam wieder Ruhe einkehre in der Hauptstadt, so Schiller. Er habe in einem wohlgefüllten Café unweit der Kathedrale gesessen, als das Gerücht aufkam, Europäer mit Gewehren seien auf der Jagd nach Opfern. "Danach verschlechterte sich die Stimmung in der Innenstadt massiv." Die Cafés leerten sich, Geschäfte ließen die Stahlrolläden herunter. Wenig später glich das Zentrum einem Kriegsgebiet: Sicherheitskräfte und Militante lieferten sich bis Einbruch der Dunkelheit schwere Feuergefechte.

Ob es sich bei den Festgenommenen tatsächlich um deutsche Staatsbürger handelt, bleibt abzuwarten. Schiller warnte vor dem Schaden, den Spekulationen auslösen könnten. "Es könnte passieren, dass die Stimmung gegen bestimmte Gruppen kippt. Der Hass auf die Marodeure ist sehr groß." Die Tunesier seien gemeinhin besonnen, doch derzeit zutiefst verunsichert. "Erst wenn die Leute das Gefühl haben, dass die Armee die Lage in den Griff bekommt, wird es hier voran gehen." Sensations-Nachricht wie die von den europäischen Pistoleros zerstöre die aufkeimende Hoffnung auf Ruhe.

Versucht Ben Ali, einen Bürgerkrieg zu provozieren?

In der Hauptstadt herrschte am Abend eine angespannte Atmosphäre. Immer wieder hielten Sicherheitskräfte Taxis und andere Fahrzeuge an und durchsuchten sie nach Waffen. Auch kam es zu Gefechten zwischen bewaffneten Anhängern des abgesetzten Präsidenten Zine el-Abidine Ben Ali und Sicherheitskräften der Übergangsregierung. Wie Reporter der Nachrichtenagentur AFP berichteten, eröffneten Milizionäre in unmittelbarer Nähe des Innenministeriums das Feuer auf die Polizei. Auch vor einer Bank kam es TV-Berichten zufolge zu Schusswechseln. Dort hätten Sicherheitskräfte zwei bewaffnete Männer erschossen.

Seit der Flucht des Diktators Zine el-Abidine Ben Ali gilt in Tunesien der Ausnahmezustand. Am Freitag hatte der autokratische Präsident nach 23 Jahren an der Macht den Ausnahmezustand verhängt, die Regierung abgesetzt und Neuwahlen angekündigt. Dann floh er nach Saudi-Arabien.

Tunesien wird seit Wochen von gewaltsamen Protesten gegen die Regierung erschüttert. Der Unmut vieler, vor allem junger Menschen richtet sich gegen die hohe Arbeitslosigkeit, hohe Preise und mangelnde Freiheiten.

Die Straßen des Stadtzentrums sind am Abend fast menschenleer, allein Sicherheitskräfte zeigen massive Präsenz. Soldaten bewachen öffentliche Gebäude mit Panzern, auf der Flaniermeile Avenue Bourguiba machten am Nachmittag Dutzende Polizisten mit Schlagstöcken Kontrollgänge.

Der frühere tunesische Botschafter bei der Uno-Kulturorganisation Unesco, Mezri Haddad, warf Ben Ali am Sonntag vor, schon vor seiner Flucht am Freitag Unruhen geplant zu haben. Er habe seiner Leibwache und seinen Anhängern Waffen und viel Geld gegeben, damit sie nach seiner Abreise einen Bürgerkrieg provozieren könnten, erklärte Haddad. Selbst aus dem Exil würde er über Telefon "kriminelle Taten" steuern. Haddad war vergangene Woche aus Protest gegen die Politik Ben Alis von seinem Posten in Paris zurückgetreten.

Reiseveranstalter fliegen deutsche Touristen aus

Reiseveranstalter fliegen im Eiltempo alle deutschen Tunesien-Urlauber in die Heimat aus. Die großen deutschen Reiseveranstalter Thomas Cook, TUI und Rewe Touristik setzen dazu zahlreiche Sondermaschinen ein. Nach Angaben des Auswärtigen Amts sollten bis Sonntagabend bis zu 8000 Urlauber aus Tunesien ausgeflogen werden.

Alle großen Reiseveranstalter bieten bis zum 31. Januar an, schon gebuchte Tunesien-Reisen in ein anderes Land kostenlos umzubuchen. Viele Konzerne haben Telefon-Hotlines für deutsche Touristen eingerichtet ( Übersicht der Nummern und Internetadressen).

Öffentliche Selbstverbrennungen in Algerien

In Tunesien löste eine Selbstverbrennung eine Massenbewegung aus, nun sorgen solche Verzweiflungstaten im Nachbarland Algerien für Aufsehen. Jüngstes Opfer einer öffentlichen Selbstverbrennung ist ein verzweifelter Arbeitsloser, der sich im westalgerischen Mostaganem mit Benzin übergoss und anzündete. Nach Angaben der Zeitung "El Watan" überlebte der 30-Jährige nur deshalb schwer verletzt, weil ein Polizist die Flammen noch rechtzeitig ersticken konnte.

Ähnliche Fälle waren in den vergangenen Tagen auch aus anderen Landesteilen bekannt geworden. In Algerien hatte es zu Jahresbeginn ebenfalls soziale Unruhen mit mehreren Toten gegeben. Die Regierung hatte daraufhin Preissenkungen für Grundnahrungsmittel wie Zucker und Speiseöl angekündigt. In Tunesien trieb die Revolte den autoritären Langzeitpräsidenten Ben Ali ins Exil. Mehrere seiner Angehörigen waren nach Angaben der Website Algerie Plus über Algier ins Ausland geflohen.

Im benachbarten Tunesien hatte sich am 17. Dezember der 26-jährige Arbeitslose Mohamed Bouaziz selbst verbrannt, um gegen die Beschlagnahmung seines Gemüsestands zu protestieren. Sein Tod war Auslöser der wochenlangen Proteste, die am Freitag schließlich zum Sturz des langjährigen Machthabers Zine el-Abidine Ben Ali führten.

ssu/mgb/puz/AFP/dpa/Reuters

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Forum - Wie geht es weiter in Tunesien?
insgesamt 1324 Beiträge
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1.
ewspapst 14.01.2011
Zitat von sysopPlötzlich ging es ganz schnell: Die Protestbewegung in Tunesien hat den umstrittenen Langzeit-Präsidenten Ben Ali aus dem Amt gejagt. Im Land herrscht nun Chaos, es gibt weitere Ausschreitungen - und noch mehr Tote. Wie geht es nun weiter?
Wozu braucht Tunesien denn Reformen, es ist doch ein durch und durch kapitalistisches Land und dementsprechend muss es doch allen gut gehen. Ich verstehe diese ganzen Unruhen der " Strasse" nicht, man darf sich doch vom Pöbel nicht beeinflussen lassen. So viele Deutsche haben sich dort im Urlaub immer wohlgefühlt und auch den dortigen Wohlstand bewundert. So, oder so ähnlich würden wir in der nächsten Zeit über die Lebenslage der tunesischen Bevölkerung "informiert". Ich hoffe aber, diesmal klappt es nicht.
2. Kein Zurück mehr!
Tunesier 14.01.2011
Ich glaube, es gibt kein Zurück mehr für Ben Ali. Sein Regime zerfällt gerade. Immer mehr Menschen, Prominente und Angestellte (wie beim Staatsfernsehen) outen sich. Der Moderator der letzten "mutigen" TV-Sendung von gestern Abend sagt: Es war alles nur reine Inszenierung! Was gibt es noch mehr zu sagen? Zu den Plünderungen: Schon seit Tagen gibt es zahlreiche Gerüchte. Nicht die Demonstranten brennen die Geschäfte, sondern regierungstreue Banditen. Sie setzen Gebäude in Brand und plündern Geschäfte oder lassen die Menschen von denen plündern, nachdem sie die Türen kaputt machen. Es ist noch ein Versuch Ben Ali's das Land ins Chaos zu stürzen und die Demonstranten als Terroristen und Banditen darzustellen. Danach will er der Retter sein. Das wird ihm inscha Allah nie gelingen. Wir wissen wer er ist und was er getan hat und wozu er fähig ist. Morgen früh auch viele Demos in Deutschen Städten. Wie lange wird der Westen weiter zuschauen? Es findet seit Wochen ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit!
3. Durch diese Unruhen...
ratxi 14.01.2011
Zitat von sysopPlötzlich ging es ganz schnell: Die Protestbewegung in Tunesien hat den umstrittenen Langzeit-Präsidenten Ben Ali aus dem Amt gejagt. Im Land herrscht nun Chaos, es gibt weitere Ausschreitungen - und noch mehr Tote. Wie geht es nun weiter?
...kommt die ganze Unzufriedenheit der Menschen an die Oberfläche und das Ganze scheint nun eine Eigendynamik zu bekommen. Ich denke nicht, dass Ali Die Leute noch beruhigen kann. Warum sollten sie ihm glauben? Warum sollten sie ihn an der Macht lassen, wo sie doch jetzt schon so weit sind? Jeder tut ja nur ein bisschen, dann ein bisschen mehr und der Mob macht den Rest.
4.
zackzodiac, 14.01.2011
Die Demonstranten in Tunesien zeigen uns, wie man eine ungewollte Regierug los werden kann. Bravo!
5. Position von Frankreich
Tunesier 14.01.2011
Ein französischer Oppositioneller (Olivier Besancenot) fordert die französische Außenministerin (Alliot-Marie) sich entweder zu entschuldigen oder zurückzutreten. Noch vor zwei Tagen sagte sie, wir wollen unser Savoir-Faire der Polizei, wie sie Demos zurückhält, an Ben Ali weitergeben! Wow! Könnte die Lage in Tunesien sogar Auswirkungen auf europäische Staaten haben? Dass sie arabische Staaten und Diktaturen verändern wird, steht außer Frage. Heute ist ein neuer (und hoffentlich ein schöner) Tag in der Welt-Geschichte.
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Tunesien
Lange Zeit galt Tunesien als der Vorzeigestaat Nordafrikas. Doch das Image hat Risse bekommen - besonders junge Menschen sehen kaum Zukunftschancen.
Arbeitslosigkeit
AFP
Vor allem die hohe Arbeitslosigkeit von etwa 14 Prozent bereitet Schwierigkeiten. Für Jugendliche und Hochschulabsolventen sind die Aussichten besonders schlecht - die Quote der Erwerbslosen unter jungen Menschen beträgt mehr als 30 Prozent. Ohne Beziehungen und Gefälligkeiten ist kaum ein Job zu finden, selbst ein Universitätsabschluss hilft nicht viel.
Menschenrechte
AFP
Menschenrechtler kritisieren die Situation im Land. Demnach herrscht Zensur und die Bürgerrechte werden nicht geachtet. Beim jährlich erstellten Demokratie-Ranking des britischen Magazins "Economist" rangierte Tunesien zuletzt auf Platz 144 von 167. US-Diplomaten bezeichneten in den WikiLeaks-Dokumenten Tunesien als Polizeistaat: Unter dem Vorwand, den islamischen Extremismus zu bekämpfen, würden Medien, Gewerkschaften und Opposition rücksichtslos unterdrückt.

Bei den Unruhen, die im Dezember 2010 begannen, wurden auch Journalisten und Blogger festgenommen. Das staatliche Fernsehen berichtet kaum über die Ausschreitungen.

"Ein tapferer Kampf"

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Service-Nummern für deutsche Touristen
Die großen Reiseveranstalter haben für die kommenden Wochen alle Reisen nach Tunesien storniert. Kunden können sich bei ihrem Veranstalter über Details informieren. Die Kontaktdaten im Überblick:
TUI
Die TUI hat entschieden, die Frist für Absagen von Flugreisen nach Tunesien zu verlängern. Alle geplanten Flüge bis einschließlich 24. Januar 2011 werden abgesagt.

Tel: 0511 567 8000 Internet: http://www.tui.com
Thomas Cook und Neckermann
Abreisen nach Tunesien aus Deutschland bis einschließlich 17. Januar 2011 abgesagt. Die Veranstalter der Thomas Cook AG bieten ihren Gästen mit Abflug bis einschließlich 24. Januar 2011 die kostenlose Umbuchung ihrer Reise nach Tunesien an. Alle 2000 Gäste der Thomas Cook AG sollen noch Samstag aus Tunesien zurückgeholt werden.

Tel: 06171 65 65 190 Internet: http://www7.thomascook.info
REWE Touristik, ITS, Jahn Reisen und Tjaereborg
Aktuell halten sich rund 2100 Gäste der Veranstalter-Marken der REWE Touristik - ITS, Jahn Reisen und Tjaereborg - in Tunesien auf. Sie werden mit Sonderflügen nach Deutschland zurück gebracht. Die REWE Touristik sagt darüber hinaus alle Tunesienreisen mit Abreisedatum bis einschließlich 24. Januar ab. Gäste der Zielgebiete Monastir und Djerba können bis einschließlich 31. Januar kostenfrei in ein anderes Reiseland umbuchen.

Tel: 02203 42 800 Internet: http://www.rewe-touristik.com
L'tur
L'tur fliegt Touristen aus. Das Unternehmen bietet kostenlose Umbuchungen und Stornierungen an. Bis 24. Januar würden keine Tunesien-Reisen mehr durchgeführt.

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